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Freitag, 21.06.2013

Anpacken 2.0

Ein Posting auf Facebook genügte - sofort fanden sich Dutzende, manchmal Hunderte, die beim Juni-Hochwasser mithalfen. Wie das Netz die Katastrophenhilfe verändert.

Von Markus Ulbig

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Bange Blicke, fleißige Hände: Viele Helfer türmen am Dresdner Terrassenufer Sandsäcke zu einer Flutschutzwand auf. Foto: Ronald Bonß
Bange Blicke, fleißige Hände: Viele Helfer türmen am Dresdner Terrassenufer Sandsäcke zu einer Flutschutzwand auf. Foto: Ronald Bonß

© momentphoto.de/bonss

  • Bange Blicke, fleißige Hände: Viele Helfer türmen am Dresdner Terrassenufer Sandsäcke zu einer Flutschutzwand auf. Foto: Ronald Bonß
    Bange Blicke, fleißige Hände: Viele Helfer türmen am Dresdner Terrassenufer Sandsäcke zu einer Flutschutzwand auf. Foto: Ronald Bonß
  • Markus Ulbig, 49, CDU, ist seit 2009 sächsischer Innenminister.
    Markus Ulbig, 49, CDU, ist seit 2009 sächsischer Innenminister.

Das Juni-Hochwasser 2013 wird mit dem Hochwasser im August 2002 oft verglichen. Ein deutlicher Unterschied aber war die Art und Weise, mit der sich die freiwilligen Helfer organisieren konnten. Ich habe beispielsweise eine Studentengruppe am Dresdner Bärenzwinger besucht, die dort Hilfe für den Klubraum organisiert haben. Das Internet war das zentrale Instrument, mit dem benötigte Hände zum Anpacken, Verpflegen oder andere Hilfe zusammengetrommelt wurden. Eine klasse Sache.

Viel ist auch über die Facebook-Seiten berichtet worden, auf denen Informationen und Hilfsangebote verbreitet wurden. So war die Freigabe des Blauen Wunders bereits wenige Minuten, nachdem die Sperren zur Seite geräumt waren, dort gepostet. So schnell kann kein Verkehrsfunksender sein. Auch die benötigte Unterstützung an der Leipziger Straße wurde übers Internet innerhalb der Stadt bekannt, und viele freiwillige Helfer kamen daher dorthin zur rechten Zeit.

Im Jahr 2002 gab es noch keine Smartphones. Das Internet war mobil nicht unkompliziert verfügbar. Wir haben eine neue Qualität der Organisation der Hilfe erreicht. Was bedeutet das für den professionellen Katastrophenschutz? Werden THW oder Feuerwehr bei künftigen Krisen weniger gebraucht? Kann die schwarmhaft organisierte freiwillige Hilfe an die Stelle der professionellen treten? Sollen die örtlichen Krisenstäbe diese Phänomene laufenlassen, oder müssen sie gegebenenfalls eingreifen?

Ich denke, das sind Fragen, die wir für kommende Krisenszenarien klären müssen. Auch ich war begeistert von der neuen Form der Hilfe, die ich unter dem Schlagwort „Anpacken 2.0“ zusammenfassen will. In den allermeisten Fällen konnte damit wirklich geholfen werden. Es gibt aber auch Beispiele, die ich betiteln würde: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“.

An der Autobahnraststätte „Dresdner Tor“ hatten die Krisenstäbe einen Umschlagsplatz für die Nachschubkette von Sandsäcken angelegt. Von dort sollten verschiedene kritische Punkte an der Elbe auf Abruf der örtlichen Krisenstäbe beliefert werden. Deshalb waren dort in großer Menge loser Sand und leere Sandsäcke angeliefert worden. Diese Verteilstation war Bestandteil der internen Logistikkette der Katastrophenbehörden. So weit, so gut.

Dann verbreitete sich über das Internet die Information, dass Helfer beim Verfüllen der Sandsäcke benötigt würden. Innerhalb kurzer Zeit fanden sich dort annähernd 200 freiwillige Helfer zusammen. Insgesamt wurden dort 180 000 Sandsäcke aufgefüllt. Eine enorme Leistung, die aber auch plötzlich zu einem logistischen Problem wurde. Denn natürlich lassen sich verfüllte Sandsäcke weitaus schwieriger transportieren als Sand und Säcke allein. Die freiwilligen Helfer konnten hier nicht mehr weiter.

Zum Transport von insgesamt mehreren Tausend Tonnen Sandsäcken braucht es mehrere Dutzend Lkw-Fahrten. „Anpacken 2.0“ ist damit überfordert. Professionelle Katastrophenkräfte sind gefordert. Auch die verlässliche Koordination ist aufgrund der Dimension keine Sache mehr für Facebook & Co.

Der Krisenstab im Innenministerium hat schließlich die Verteilung und den Transport dieser enormen Menge koordiniert und bewältigt. Nicht nach Schwarmlogik, sondern nach streng hierarchischer Meldekette. Am Ende kamen viele der Sandsäcke auch nach Sachsen-Anhalt, wo sie benötigt wurden.

Nachteil der Graswurzel-Hilfe ist, dass sie nur schwer in Bezug auf die Gesamtlage zu steuern ist. Den Freiwilligen am Dresdner Tor war nicht bewusst, welche Rolle sie in einem länderübergreifenden Katastrophenszenario spielten. Kein Vorwurf!

Vorteil der selbstorganisierten Hilfe ist, dass schnell und sehr individuell kleinste Probleme gelöst werden können: beispielsweise 20 Pizzen für die Soldaten am Deich, ein Trockengerät für eine einzelne Wohnung oder eine Unterkunft für einen erschöpften Helfertouristen.

Mir kommt es darauf an, dass wir verstehen, in welchen Fällen welche Form der Hilfe richtig ist oder sogar Leben retten kann. Die Evakuierung eines Krankenhauses oder die zuverlässige Stromversorgung können wir sicher nicht über die Community im Internet organisieren lassen. Die individuelle Versorgung hinter der Katastrophenlogistik kann aber niemand besser als die vielen freiwilligen Helfer, die sich durch die neuen Medien vernetzen und abstimmen können.

Für mich ist wichtig: Beide Systeme habe ihre Berechtigung. Deshalb kann das Neue das Alte nicht ersetzen. Aber das Alte darf das Neue auch nicht ignorieren. Und das Neue darf das Alte nicht stören. Beides muss sich ergänzen. Voraussetzung dafür ist Sicherheit und Kapazität. Für die professionellen Helfer stand in diesem Jahr an einigen Orten BOS Digitalfunk zur Verfügung. Ein völlig eigenständiges Netz, das unabhängig ist von dem „Traffic“, der in der Krise in den privaten Netzen explodiert.

Denn die Menschen wollen sich über ihre Eindrücke austauschen oder müssen wichtige Informationen übermitteln. „Ich bin heil durchgekommen“, „Ich bleibe bei Freunden“. Menschen, die sich nahe stehen, teilen sich mit. Das ist wichtig in einer Krise. Deshalb ist es gut, dass privater und professioneller Funkverkehr voneinander getrennt funktionieren.

Müssen wir aber darüber nachdenken, die Verbreitung von Falschinformationen, Gerüchten oder „Latrinenparolen“, die durch das Internet dynamisiert wird, zu kanalisieren oder zu steuern? Um eine Störung der professionellen Hilfe zu vermeiden. Und könnten die freiwilligen Helfer auf diese Weise besser unterstützen?

In den amtlichen Krisenstäben ist das Management der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ein fester und zentraler Bestandteil. Die Kenntnis über die Prozesse im Bereich Social Media gehört aus meiner Sicht unbedingt dazu. Das hat bei diesem Hochwasser im Stab des Innenministeriums auch wertvolle Informationen und Anregungen gegeben.

Die Frage ist aber, ob die professionellen Stäbe auch aktiv an den Foren im Internet teilnehmen sollten? Die Stäbe könnten bei entsprechender Organisation darauf vorbereitet und entsprechend ausgerüstet sein. Kein Problem. Würde aber die Community einer Facebook-Seite einen Hinweis von amtlicher Seite akzeptieren? Würde die Information „von amtlicher Stelle“ im Blog als solche überhaupt wahrgenommen, oder wäre sie auch nur eine Meinung unter den vielen verschiedenen? Würden die privaten Initiativen ihre Kraft verlieren, wenn offizielle Vorgaben aus den Krisenstäben der Verwaltung dort wie Tagesbefehle durchgestellt würden?

Das Katastrophenmanagement hat gut geklappt. Die professionelle Schiene und die freiwilligen Helfer. Wir werden im Ministerium bei der Auswertung darüber nachdenken, wie die Dynamik der über Internet organisierten freiwilligen Helfer die Kräfte von Feuerwehr, THW, Bundeswehr und den vielen anderen Organisationen noch besser unterstützen kann.

Ich würde mich freuen, wenn innerhalb der sogenannten „Internet-Gemeinde“ eine parallele Diskussion stattfindet, ob die bewundernswerte Hilfsbereitschaft noch stärker fokussiert werden sollte. Oder gerade nicht? Jede Krise hat Momente, die schwer zu überschauen sind. Aber in jeder Krise ist Kommunikation das A und O.

Unser Autor

Markus Ulbig, 49, CDU, ist seit 2009 sächsischer Innenminister. Zuvor war er acht Jahre lang Oberbürgermeister von Pirna. Ulbig hat Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz studiert und wohnt mit seiner Familie in Pirna.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Thomas Salomo

    Das sich so viele freiwillige helfer per Facebook und Twitter organisiert haben ist toll. Doch wenn sich unhierarchische lose Gruppen bilden hat das auch unangenehme Folgen. So wurden Sandsackwälle errichte an Stellen die völlig Sinnlos waren. Auch wurde an den Sandsackbplätzen tausende Sandsäcke mit privaten Fahrzeugen abtransportiert wurden wo niemand von staatlichen Stellen wusste wo die hingehen. Möglicherweise war auch die TEL (Technische Einsatzleitung) mit der Situation im Umgang mit den freiwilligen Helfern überfordert. So haben sich teilweise Paraellstrukturen gebildet. Katastrophenschutzstäbe müssen zukünftig fit sein im Umgang mit den Sozialnetzwerken und dieses gezielt für sich und die Koordination nutzen . Die Handlungshoheit und die Entscheidungshoheit muss (!) bei den professionellen Helfern bleiben. Da diese speziell dafür Ausgebildet sind. Zur Not muss das Handynetz abgeschaltet werden, um die professionellen Kräfte handlungsfähig zu halten.

  2. Christian Sturm

    Das Betroffene und sogar Unbetroffene sich genötigt sehen müssen sich selbst zu helfen, kann ganz ohne weitere Worte stehen gelassen werden. Die Organisation der freiwilligen Selbsthilfe resultiert aus mangelndem Vertrauen in die Situation und in die Verantwortlichen. Am 3ten Tag wurde es geschafft EINE Notfallnummer einzurichten und sogar öffentlich zu machen. Herzlichen Glückwunsch dazu! Koordination von tausenden Hilfsbedürftigen und deren Helfer üner eine Telefonnummer. Die inoffizielle Koordination über z.B. Facebook hat um einiges mehr geleistet als alle lokalen Politiker zusammengerechnet und die Bevölkerung zeigt klar in Eigenleistung das Zielgerichtet und motiviert enorme Kräfte mobilisiert werden können. Warum haben die offiziellen nicht einfach bei den inoffiziellen angerufen? Die Telefonnummern und Kontakte waren öffentlich. Ganz sicher gilt es die Denkweisen zu modernisieren. Und vielleicht gibt es fürs Hochwasser 2014 ja eine eigene offizielle Webseite.

  3. Norbert Engemaier

    "Nachteil der Graswurzel-Hilfe ist, dass sie nur schwer in Bezug auf die Gesamtlage zu steuern ist." Das bezweifle ich sehr stark. Immer wenn Einsatzkräfte vor Ort Hinweise oder Anweisungen gaben oder doch mal eine "offizielle" Meldung der Einsatzkräfte über die sozialen Medien lief, stieß diese auf enorm hohe Resonanz. Das Problem ist also mitnichten, dass die Graswurzel-Hilfe nicht steuerbar wäre, sondern dass niemand ihr die Informationen zugänglich gemacht hat, die sie zur Selbststeuerung braucht.

  4. Wilhelm

    1000 Zeichen reichen leider nicht im geringsten, um auf diesen Beitrag entsprechend zu Antworten. Deswegen kann ich nur kurz zusammen fassen, was dieser unverschämten Kritik zu entgegnen gibt - Wäre Herr Ulbig vor Ort gewesen, hätte er gesehen, wie handlungsunfähig seine angepriesenen Hierarchie-durchzogenen Instanzen waren und wie viele - auch große Probleme NUR durch freiwillige Helfer beseitigt wurden. Ein Dialog zur besseren Bewältigung zukünftiger Krisen ist dringend notwendig. Aber nicht so! Nicht von oben herab mit einer geheuchelten Knädigkeit. Auf Augenhöhe mit den Leuten, die wissen, was in einer Krise wirklich vor sich geht - also nicht die, die am Schreibtisch sitzen und und Berichte lesen, sondern die vor Ort sind und schnell reagieren müssen und können. Der Artikel ist eine Unverschämtheit für alle die, die in dieser Zeit Großes geleistet haben!

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