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Dienstag, 29.12.2015

Alle wollen ins Görlitzer Kaufhaus

Das geschlossene Kaufhaus ist für Filmleute genauso interessant wie für Modemacher. Doch wann öffnet es wieder für alle?

Von Silvia Stengel

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Im Görlitzer Kaufhaus: Projektleiter Jürgen Friedel zeigt den leeren Bau.
Im Görlitzer Kaufhaus: Projektleiter Jürgen Friedel zeigt den leeren Bau.

© pawel sosnowski/80studio.net

  • Im Görlitzer Kaufhaus: Projektleiter Jürgen Friedel zeigt den leeren Bau.
    Im Görlitzer Kaufhaus: Projektleiter Jürgen Friedel zeigt den leeren Bau.
  •  Die Schaufenster sind mit junger Mode aus Schneeberg und Herrnhuter Sternen geschmückt.
    Die Schaufenster sind mit junger Mode aus Schneeberg und Herrnhuter Sternen geschmückt.
  • Bill Murray im „Grand Budapest Hotel“. Diese Szene entstand Anfang 2013 im Görlitzer Kaufhaus.
    Bill Murray im „Grand Budapest Hotel“. Diese Szene entstand Anfang 2013 im Görlitzer Kaufhaus.

Ein kurzer Rock mit großen Falten, einer mit dünnen Streifen und Schrift, eine lange Bluse und ein schwarzer Mantel – das Görlitzer Kaufhaus ist reich geschmückt mit Mode. Allerdings nur im Schaufenster. Dort zeigen junge Designer von der Hochschule in Schneeberg ihre Entwürfe. Im Innern aber ist alles leer und es tut sich nichts. Zum Glück für eine junge Frau. Die heiratet an diesem Dienstag und lässt die Hochzeitsfotos im Kaufhaus machen. Als der Projektleiter Jürgen Friedel sein okay dafür gibt, ist auch ihre Mutter glücklich. Sie hat fast 30 Jahre hier gearbeitet. Jetzt führt sie ein eigenes Geschäft in Görlitz.

Neugierig sind viele auf das, was in dem Kaufhaus passiert. Das war schon so, als nur noch eine Parfümerie drin war und Touristen immer wieder einen Blick über die Brüstung ins Innere erhaschten: auf die dicken, viereckigen Marmorsäulen, das reich verzierte Glaskuppeldach mit Blütenmotiven und die großen Leuchter. Das Kaufhaus von 1913 mit Jugendstilelementen wird als das schönste Deutschlands angepriesen. Als die Parfümerie ausgezogen war, hatte Jürgen Friedel nur mal kurz die Bürotür an der Seite offen und ein paar Leute hineingucken lassen. Da riss der Strom gar nicht mehr ab.

Es hat sich schließlich längst herumgesprochen, dass hier auch Filmleute ein- und ausgegangen sind, der amerikanische Regisseur Wes Anderson und Schauspieler wie Bill Murray oder Ralph Fiennes. Das „Grand Budapest Hotel“ wurde in dem Kaufhaus gedreht. Sein Inneres ist in zahlreichen Szenen zu erkennen. Hinten in der Mitte, wo heute ein großer, gelber Herrnhuter Stern hängt, war der Empfangsbereich des Hotels.

Und was passiert nun? Das Kaufhaus sollte doch eigentlich 2016 öffnen, so stand es noch vor Kurzem auf seinen Internetseiten in einem Interview mit dem Eigentümer Winfried Stöcker, der das Gebäude im Juni 2013 erworben hat. In einer alten Werbebroschüre steht sogar 2015 als Eröffnungsjahr. Doch drinnen ist kein Handwerker zu sehen. Es wurde noch nicht einmal ein Bauantrag gestellt. Friedel kann das erklären. „Wir wollen Rolltreppen haben“, sagt er. Ein modernes Kaufhaus muss außerdem klimatisiert sein. Weil das Gebäude aber denkmalgeschützt ist und in seiner ganzen Schönheit erhalten bleiben soll, wird alles Technische versteckt und nach außen gelegt. Für die Rolltreppen ist ein Anbau auf der Seite zum City Center geplant. Der Projektleiter zeigt es an einem Modell in seinem Büro. Der Denkmalschutz muss auch noch zustimmen. Für Friedel ist klar: „2016 schaffen wir nicht.“ Wenn alles optimal läuft, rechnet er damit, dass im Frühjahr der Bauantrag gestellt wird, dass er bis zum Herbst genehmigt wird und dann noch mindestens ein Jahr gebaut wird. So wird nun die Eröffnung für den Herbst 2017 anvisiert.

Dann soll auch einiges an die Filmleute erinnern. Friedel hat die Idee, Handabdrücke von Schauspielern zu zeigen. Ob man denen, die hier waren, dafür einfach ein Paket mit Gips zuschicken kann, darüber hat er noch gar nicht so genau nachgedacht. Es könnte ja auch etwas für die Zukunft sein. Jeder, der noch kommt, hinterlässt vor Ort einen Gipsabdruck. Görlitz ist schließlich seit Jahren dafür berühmt, dass hier gedreht wird. Da kommt auch regelmäßig Hollywood. Die Schauspielerin Kate Winslet, die für den Film „Der Vorleser“ in Görlitz war, nutzte das gleich mal für einen privaten Bummel. Schräg gegenüber vom Kaufhaus kaufte sie Schuhe.

Einige Filmkulissen könnte sich Friedel auch im Kaufhaus vorstellen. Es wäre doch möglich, sie nachzubauen und das künftige Restaurant damit zu schmücken. Details gibt es noch nicht. Aber schon jetzt schwärmt Friedel von der Terrasse des Restaurants und dem Ausblick. Bei gutem Wetter könne man bis ins Riesengebirge sehen.

Fast vergessen sind die Turbulenzen vor einem Jahr, als sich der Besitzer asylkritisch äußerte und damit auch überregional Schlagzeilen machte. Ob das dem Kaufhaus geschadet hat. Friedel schüttelt mit dem Kopf. Einige Unternehmen, die sich im Kaufhaus niederlassen wollten, seien abgesprungen, vor allem aber solche, mit denen die Verhandlungen ohnehin noch auf wackeligen Füßen standen. Bei den wichtigsten Partnern habe sich nichts geändert. Auf jeden Fall wieder einziehen will die Parfümerie, die zuletzt noch allein die Stellung gehalten hatte. Auch Schmuck, Leder und Schuhe sollen ins Erdgeschoss. Das erste Geschoss ist für Damen reserviert. Ganz einfach: „weil sie deutlich mehr Umsatz machen als Herren“, sagt Friedel. Oben gibt es auch Mode für Herren und Kinder, außerdem Glas, Keramik, Porzellan und ein bisschen Elektronik. Wichtig ist dem Projektleiter, dass hier Einkaufen zum Erlebnis wird. Dazu gehört auch ein Café. In dem könnte es kleine Kuchen wie im Film „Grand Budapest Hotel“ geben.

Selbst eigene Modekollektionen haben die Kaufhausleute im Auge. Gerade hätten sie ein Tuch konzipiert, auf dem Motive des Daches zu sehen sind. Das soll demnächst in den Verkauf gehen, sagt Friedel. Das Kaufhaus will damit auch an die lange Tradition der Textilindustrie in der Oberlausitz anknüpfen, gerade im Süden, in Großschönau.

Designer gibt es jedenfalls genug. Das hat Friedel schon zu spüren bekommen. Bis Ende November war über das Kaufhaus ein Preis ausgeschrieben, der Euro Fashion Award. Es gab über 120 Bewerber aus 19 Ländern wie Polen, Tschechien, Italien, Schweden und Deutschland natürlich. Zehn sind ausgewählt und haben nun vier Monate Zeit, eine Kollektion zu entwickeln. Im April werden sie von einer Jury bewertet. Friedel spricht von einem „sehr guten Preisgeld“. Der Erste würde 30 000 Euro bekommen, der Zweite 20 000 und der Dritte 10 000 Euro. Noch im Januar will das Kaufhaus die zehn Nominierten bei der großen Modewoche in Berlin präsentieren, der Fashion Week vom 18. bis 22. Januar .

Schon jetzt gibt es immer wieder Anfragen zu Jobs im Haus. Friedel rechnet mit rund 100 Arbeitsplätzen, darunter werden auch Teilzeitstellen sein. Genaues wird er wahrscheinlich erst ein halbes Jahr vor der Eröffnung sagen können. Schon jetzt ist sicher: Es wird auch polnischsprachiges Personal eingestellt. Denn der Projektleiter rechnet mit einem Drittel polnischer Kunden.

Bis dahin können Interessierte nur durch die Schaufenster gucken. Einfach mal bei Friedel durchs Kaufhaus-Büro schlüpfen ist auch nicht mehr so leicht. Die Verantwortlichen sind in ein Eckhaus am Postplatz umgezogen. Dort soll es noch vor der Eröffnung des Kaufhauses eine kleine Verkaufsfläche für Mode geben, voraussichtlich ab Oktober 2016. Ein noch so schönes Angebot aber kann natürlich dieses besondere Gefühl nicht ersetzen: dort zu stehen, wo Bill Murray oder Ralph Fiennes gespielt haben und in den schönen Blütenhimmel zu schauen.

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