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Donnerstag, 02.06.2016

Abschiebung in zwei Akten

Der Fall einer Roma-Familie aus Riesa erregt Aufsehen. Der Vater scheint nun untergetaucht zu sein.

Von Britta Veltzke

Von mehreren Flughäfen aus – so wie hier in Rostock-Laage – werden Flüchtlinge abgeschoben. Die eine Hälfte der Riesaer Familie Bekir startete vergangene Woche von Berlin-Tegel aus nach Skopje/Mazedonien.
Von mehreren Flughäfen aus – so wie hier in Rostock-Laage – werden Flüchtlinge abgeschoben. Die eine Hälfte der Riesaer Familie Bekir startete vergangene Woche von Berlin-Tegel aus nach Skopje/Mazedonien.

© Symbolbild/dpa

Riesa. Der sächsische Flüchtlingsrat kritisiert die Abschiebung der Familie Bekir aus Riesa. Vor allem stößt sich der Verein daran, dass die Familie getrennt wurde. Mitte der vergangenen Woche hatte die Polizei in der Nacht erst die Mutter mit den drei jüngsten Kindern im Alter zwischen zwei und sieben Jahren abgeholt. Mit dem Vater und den übrigen Kindern vereinbarten die Beamten, dass die Polizei sie am Mittag des darauffolgenden Tages mitnehmen würde.

Die Mutter und die jüngsten Kinder brachte die Polizei zum Flughafen Berlin-Tegel. Von dort aus ging der Flug nach Skopje/Mazedonien. „Die Trennung von Familien ist unmenschlich und widerspricht dem Grundgesetz, wonach die Ehe dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung untersteht“, sagt Gjulner Sejdi, Vorsitzender des sächsischen Roma Vereins Romano Sumnal. „Auch die Rechte der Kinder wurden hier missachtet. Mit der Trennung vom Vater und der Abschiebung mit der erkrankten Mutter wird gegen die UN-Kinderrechtskonvention verstoßen. Die Geschichte der Familie Bekir zeigt einmal mehr, dass Roma auch in Deutschland ungleich behandelt werden.“

In den letzten sieben Jahren lebte die Familie in Deutschland, wo auch mehrere der Kinder geboren wurden. Das Herkunftsland der Mutter, Mazedonien, kennen sie nur aus Erzählungen. In Riesa besuchten sie Kindergärten und Schulen. Den Balkan hatte die Romafamilie aufgrund von Diskriminierung verlassen. Laut Flüchtlingsrat hatte vor allem Familienvater Sami Bekir Probleme, da er keine anerkannte Staatsangehörigkeit hat.

Versprechen nicht eingehalten

Dem Flüchtlingsrat hatte Sami Bekir nach der Abschiebung seiner Frau gesagt: „Meine schwer erkrankte Frau ist nun mit meinen drei Kleinsten in Mazedonien allein. Sie hat dort weder eine Wohnung noch Geld.“ Inzwischen sind er und die vier anderen Kinder offenbar untergetaucht.

Laut Flüchtlingsrat hat die Mutter bereits mehrere Operationen am Herzen hinter sich und leidet unter Migräne. Das bestätigte auch die 20-jährige Tochter der SZ. Da sie selbst bereits ein Kind mit einem EU-Bürger hat, ist sie die Einzige, die nicht von der Abschiebung bedroht ist. Sie lebt nach wie vor in der Wohnung der Großfamilie im Zentrum von Riesa. „Die Polizei hat uns in der Nacht der Abschiebung versprochen, dass meine Mutti noch mal einen Arzt sehen kann, bevor sie ins Flugzeug steigt.“ Doch dieses Versprechen sei nicht eingehalten worden, erzählt sie. Auch sie weiß nicht, wo ihr Vater und die Geschwister sind. „Ich warte auf ein Lebenszeichen.“ Auch um ihre Mutter und die jüngsten Geschwister macht sie sich Sorgen. „Die leben dort jetzt auf der Straße.“ Gesprochen habe sie ihre Mutter noch nicht. „Wie denn? Sie hat weder ein Handy noch Geld.“

Zuständig für die Abschiebung ist die Landesdirektion Sachsen. Die Behörde versichert, dass sie – über den zeitlich versetzten Rückflug hinaus – die Trennung der Familie nicht beabsichtigt habe. „Das ging auf eine Vorgabe der Fluggesellschaft zurück“, so ein Sprecher. Die Landesdirektion habe daher in zwei Flügen Plätze für die Familie organisiert. „Hierüber wurde die Familie am Morgen informiert. Der zurückbleibende Familienteil sicherte zu, sich für die Rückführung später am Tage bereitzuhalten. Als die zweite Hälfte der Familie für den späteren Flug abgeholt werden sollte, wurde jedoch niemand mehr angetroffen.“ Darüber, ob der Mutter tatsächlich versprochen wurde, vor Abreise einen Arzt zu sehen, konnte die Landesdirektion im Nachhinein keine Aussage mehr treffen.

Patrick Irmer vom Flüchtlingsrat hält den Grund für die Familientrennung für vorgeschoben. Seiner Meinung nach sollten Roma grundsätzlich Bleiberecht bekommen. „Im Nationalsozialismus wurden Hunderttausende Sinti und Roma ermordet. Bis heute werden sie in ganz Europa diskriminiert und zur Flucht gezwungen.“