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Freitag, 03.07.2009

18 Messerstiche in 32 Sekunden

Nach der Bluttat im Landgericht Dresden ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Mordes gegen den Täter.

Von Alexander Schneider

Tief betroffen hat gestern Nabil Yacoub auf den Angriff im Landgericht reagiert. Der 72-jährige Ägypter kümmerte sich jahrelang als Chef des Dresdner Ausländerrats um die Sorgen von Migranten. Die jetzt so schwer geschädigte ägyptische Familie habe seit vier Jahren in Dresden gelebt, sagt er.

Die Frau sei Apothekerin gewesen, ihr Mann Pharmakologe am Max-Planck-Institut. „Er ist Stipendiat seiner Regierung. Der Anschlag macht bereits in Ägypten Schlagzeilen.“ Die Botschaft habe sich eingeschaltet. In drei Monaten wollte die Familie nach Hause zurückkehren. Frauen anderer Stipendiaten, die wie Marwa S. Kopftuch tragen, hätten bereits über Anfeindungen geklagt. „Wir wollten ihnen Mut machen, sich an die Behörden zu wenden, damit die Verwaltung Bescheid weiß“, sagte Yacoub.

Der Tag nach dem Attentat im Landgericht Dresden beginnt mit einer Überraschung. Justizbedienstete haben im Haupteingang des Gebäudes eine Sperre aufgebaut und kontrollieren Besucher. Die Wachen sollen Trittbrettfahrer abschrecken, heißt es. Angeordnet vom Landgerichtspräsidenten.

Wie lange die Kontrollen fortgesetzt werden, war nicht zu erfahren. Sie sind jedoch die erste sichtbare Reaktion der Justiz nach dem tödlichen Anschlag des 28-jährigen Angeklagten Alex W. auf die 31 Jahre alte Ägypterin Marwa S. Die Seiteneingänge des Landgerichts sind geschlossen, der Gang vor dem Saal 10 verwaist.

Tod in Obhut des Staates

Noch immer sitzt der Schock tief bei den Mitarbeitern im Haus. Das Entsetzen darüber, dass eine Zeugin, gewissermaßen in Obhut des Staates, getötet wurde. Wie konnte das passieren? Was muss in einem Menschen vorgehen, der mit einer derartigen Brutalität auf eine Frau losgeht? Fragen, auf die es so bald keine Antworten gibt. Schon debattieren Richter und Staatsanwälte über Sicherheitsvorkehrungen. Justizminister Geert Mackenroth (CDU) teilte mittags mit: „Parteien, Anwälte, Zeugen und die Mitarbeiter unserer Justiz müssen sich in den Justizgebäuden sicher fühlen können. Wir haben mit dem Landeskriminalamt in den letzten vier Jahren alle unsere Häuser auf ihre Sicherheit hin überprüft und in der Folge eine Vielzahl von baulichen und sonstigen Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen.“

Nicht mal ein Türknauf

Im Dresdner Landgericht lächelten manche nur müde darüber. Sie hätten schon vor Jahren zumindest Knauf und Guckloch für ihre Bürotür gefordert, damit nicht jeder ungefragt eintreten könne. Passiert sei jedoch nichts. Auch im mehrere Kilometer entfernten Amtsgericht Dresden diskutieren Richter über die Sicherheit. Dort kann ebenfalls jeder unerkannt ins Haus. Regelmäßig kommen Leute vorbei, auch Enttäuschte, Querulanten, manche hoch emotionalisiert. Richter erzählen, sie seien schon bis auf die Toilette verfolgt worden. In einigen anderen Bundesländern sind Gerichtsgebäude mit Schleusen und Metalldetektoren wie auf Flughäfen ausgestattet.

Um 13 Uhr brachten Polizisten den Messerstecher Alex W. zum Amtsgericht. Die Vorführung beim Haftrichter dauerte nicht lange. W. hat sich nicht zu den ihm vorgeworfenen Taten geäußert. Er sitzt nun in Untersuchungshaft.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes gegen den Beschuldigten. Aus Heimtücke habe er Marwa S. angegriffen, sagt Staatsanwalt Christian Avenarius. Ein fanatisierter Einzeltäter, der aus einer extrem ausländerfeindlichen Motivation heraus gehandelt habe.

Ehemann schwer verletzt

Die Frau sei mit ihrer Zeugenaussage in dem bis dahin ruhigen Prozess bereits fertig und am Gehen gewesen, als sich der Angeklagte plötzlich mit dem Messer in der Hand auf sie gestürzt habe. In kürzester Zeit habe er 18-mal auf die Frau eingestochen – es habe gerade 32 Sekunden gedauert, ehe die vom Richter per Knopfdruck angeforderten Justizbediensteten und die zufällig anwesenden bewaffneten Polizisten zu Hilfe geeilt seien.

Elwie U., der Ehemann, habe versucht, seine Frau zu beschützen. Er wurde bei dem Gerangel lebensbedrohlich verletzt. Auch W.s Verteidiger Markus Haselier hatte sich in das Getümmel gestürzt. Er habe mit einem Stuhl und anderen Dingen nach dem Attentäter geworfen. Eine beherzte, eine mutige Reaktion. Das gemeinsame Kind des ägyptischen Ehepaars wurde verletzt, als Prozessbeteiligte den drei Jahre alten Jungen aus dem Gefahrenbereich bringen wollten.