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Mittwoch, 02.03.2011

Zwei Geschlechter, ein Versicherungstarif

Von Steffen Klameth

Der kleine Unterschied ist bei Versicherungen bislang ziemlich groß: Frauen zahlen für viele Angebote mehr als Männer, mitunter aber auch weniger. Damit soll nun endgültig Schluss sein: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg hat gestern entschieden, dass sich die Beiträge nicht nach dem Geschlecht richten dürfen. Wir sagen, wer von dem Urteil betroffen ist und wie sich Verbraucher jetzt verhalten sollten.

Warum gibt es eigentlich

Unterschiedliche Beiträge?

Versicherungstarife werden nach dem statistischen Risiko kalkuliert. Dabei spielt das Geschlecht häufig eine zentrale Rolle. Weil Frauen statistisch gesehen länger leben, zahlen sie beispielsweise höhere Beiträge für eine private Rentenversicherung. Die privaten Krankenkassen begründen höhere Beiträge für Frauen ebenfalls mit der um etwa fünf Jahre höheren Lebenserwartung sowie mit dem „Risiko Schwangerschaft“. In der Kranken-Vollversicherung macht das nach Angaben des Düsseldorfer Versicherers Ergo, zu dem auch die Deutsche Krankenversicherung (DKV) gehört, 30bis50Euro pro Monat aus. Umgekehrt bezahlen Frauen oft weniger für Risikolebens- und Kfz-Versicherungen, weil sie weniger Unfälle verursachen.

Wie begründet das Gericht

seine Entscheidung?

Die EU-Gleichstellungsrichtlinie von 2004 verlangte geschlechtsneutrale Prämien bereits ab 2007, ließ aber Ausnahmen zu für den Fall, dass das Geschlecht ein „bestimmender Risikofaktor“ ist und dies durch versicherungsmathematische und statistische Daten untermauert werden kann. Solche Ausnahmeklauseln gibt es in allen 27EU-Ländern. Das wollen die Luxemburger Richter nun nicht länger dulden. Nach ihrer Auffassung diskriminieren unterschiedliche Versicherungstarife die Frauen. Deswegen seien sie ungültig. In der Begründung heißt es pauschal: Verschiedene Tarife aufgrund des Geschlechts „laufen der Verwirklichung des Ziels der Gleichbehandlung von Frauen und Männern zuwider.“ Eine Berufung gegen das Urteil ist nicht mehr möglich.

Für welche Versicherungen

gilt das Urteil?

Betroffen sind die Krankenversicherungen, Lebens- und Rentenversicherungen sowie die Autoversicherung. Für die Riesterrente gilt bereits ein Unisex-Tarif. Ob auch bestehende Altverträge künftig ungültig sind, ließen die Richter offen. Klar ist, dass nach dem Stichtag keine Neuverträge mit Ausnahmeklausel mehr erlaubt sind. „Auch in nächster Zeit sollten Versicherte keine Neuverträge mehr mit dieser Klausel abschließen“, sagte ein Gerichtssprecher.

Soll ich meine Versicherung

jetzt kündigen?

Verbraucherschützer raten, laufende Versicherungen nicht vorzeitig zu kündigen. Grund: Für jeden neuen Vertrag fallen Abschlusskosten an. Außerdem stehen die neuen Tarifstrukturen noch gar nicht fest. Sobald es Klarheit über die neuen Tarife gebe, könnten Versicherte diese mit den derzeit geltenden Strukturen vergleichen. Möglicherweise lohne es sich dann, etwa den Abschluss einer Rentenversicherung vorzuziehen, weil die Konditionen noch günstiger seien, sagte Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Das unabhängige Verbraucherportal Widge.de empfiehlt Männern, die privat krankenversichert sind, den Wechsel in einen günstigeren Tarif – sofern ihn die eigene Krankenkasse anbietet. Das sei attraktiver, als später in einen Unisex-Tarif zu wechseln.

Werden die Versicherungen

künftig billiger?

Wohl kaum. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erklärte, im Schnitt würden die Beiträge steigen, weil der Geschlechtermix als neues Risiko in die Kalkulation eingehe. Der Bundesverband Verbraucherzentrale (vzbv) befürchtet, dass die Tarife nun zunächst für alle teurer werden könnten. „Frauen und Männer werden nun nicht mehr in statistische Sippenhaft genommen“, sagte vzbv-Versicherungsreferent Lars Gatschke. Stärkeren Einfluss als das Geschlecht hätten andere Faktoren wie Lebensgewohnheiten oder ein mögliches Suchtverhalten. Sollte es zu Beitragsanhebungen kommen, müssten die Aufsichtsbehörden genau hingucken. Fallen höhere Überschüsse an, müssten sie zu 90Prozent bei den Verbrauchern landen.

Wie lange gibt es noch

unterschiedliche Tarife?

Der EuGH hat den Versicherungskonzernen eine Frist für die Umstellung bis 21. Dezember 2012 gegeben. (mit dpa/dapd)

Rechtssache: C-236/09