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Dienstag, 15.03.2016

Wikipedia, dein Lebensretter

Zum 15. Jubiläum der Online-Enzyklopädie spricht ein Insider aus Sachsen über Manipulationen, Mehrwert und Mut.

Sammler des Weltwissens: Für Stefan Kühn aus Dresden ist die Wikipedia ein Stück Lebensaufgabe geworden.
Sammler des Weltwissens: Für Stefan Kühn aus Dresden ist die Wikipedia ein Stück Lebensaufgabe geworden.

© Sven Ellger

Daten zu sortieren, das ist sein Metier, beruflich wie privat. Sein Geld verdient Stefan Kühn als Dozent bei einem Dresdner Softwareanbieter. In seiner Freizeit arbeitet der Diplom-Kartograf unentgeltlich an der deutschen Wikipedia mit. Im Januar 2003 stieß er zu dem Projekt, das der weltgrößten Online-Enzyklopädie gewidmet ist. Kühn ist dort als Administrator tätig, verfügt also über erweiterte Benutzerrechte. Die Sächsische Zeitung interviewte den 40-Jährigen.

Herr Kühn, wissen Sie eigentlich, wie viele Bände die deutsche Wikipedia derzeit füllt, wenn man sie ausdruckt?

Wir führen eine Statistik, die das live ausrechnet. Wenn man die Bilder weglässt, sind es momentan 1 120 Bände.

Die Wikipedia wird diesen Mittwoch
15 Jahre alt. Was gibt‘s denn noch
zu tun?

Die Pionierarbeit ist weitestgehend getan. Doch es gibt Teilbereiche, wo noch viel zu tun ist. Geschichte, Kunst und Literatur sind solche Felder. Viele Autoren sind bislang nie bearbeitet worden. Generell hat die Wikipedia aber ein hohes Niveau erreicht. Artikel wie den über Dresden kann man nicht mehr so leicht verbessern.

Stimmt es, dass die Wikipedia von gut gebildeten Männern dominiert wird?

Ich denke schon. Der typische Mitarbeiter mag Physik, ist Star-Wars-Fan und kennt sich bestens mit den Simpsons aus. Klar haben wir auch Zahnärzte, die akribisch Beiträge aus ihrem Fachgebiet schreiben. Aber wie gesagt – es gibt noch eine Menge weiße Flecken.

Welche neuen Mitarbeiter wünschen Sie sich also?

Sie sollten motiviert und Neuem gegenüber aufgeschlossen sein. Sehr interessiert sind wir an Freiwilligen, die Zugang zu Daten haben, an die wir bisher noch nicht herangekommen sind.

Was stellen Sie sich da vor?

Leuten, die einen Bildschatz haben – etwa Aufnahmen vom alten Dresden – , helfen wir gern, ihre Bilder Stück für Stück in die Datenbank hineinzubringen. Es ist großartig, Wikipedia-Artikel mit Aufnahmen zu sehen, die man einst selbst geschossen hat.

Wie kommen Sie mit solchen Zeitzeugen in Kontakt – über die Stammtische der Wikipedianer in den Regionen?

Genau. Zu einem dieser Stammtische kam mal eine ältere Dame, die erzählte, dass sie zu DDR-Zeiten jene Schreibschrift entwickelt habe, die Abc-Schützen lernen mussten. Allerdings sei sie unzufrieden mit dem, was in der Wikipedia dazu steht. Wir haben ihr also geholfen, die nötigen Änderungen einzupflegen. Der Artikel zu dem Thema ist jetzt top.

Man muss also eine hohe Schwelle überwinden, um am Projekt mitarbeiten zu können?

Nein. Bei der Wikipedia gilt der Grundsatz „Sei mutig“. Dazu gehört auch die Annahme, dass der andere das Beste wollte. Wenn wir jeden Mitarbeiter als Vandalen ansehen, kommen wir nicht weiter.

Wenn es um Manipulationen in der Wikipedia geht, erinnern sich viele an den falschen Vornamen, der dem Ex-Verteidigungsminister Guttenberg angedichtet wurde. Wie gut klappt die Fehlerkorrektur in der Wikipedia?

Die deutsche Wikipedia hat den Vorteil, dass es eine strenge Überwachung gibt. Das liegt daran, dass hier nicht so viele Mitarbeiter aktiv sind wie in der englischen Version. Massive Fälschungen in der jüngeren Vergangenheit sind mir nicht bekannt.

Wie steht es um Auftragsarbeiten, bei denen ein Pressesprecher den Artikel über seinen Vorgesetzten umschreibt?

Das gibt es ständig. Deswegen beobachten wir solche Artikel besonders kritisch. Wenn da jemand eine kritische Passage einfach rauslöscht, muss er einen Beleg liefern, dass diese Informationen falsch oder nicht relevant sind.

Eine diskussionswürdige Frage – gerade bei Politikern – dürfte sein, wer wichtig genug ist, um überhaupt einen Eintrag zu bekommen – und wer nicht.

Da gibt es Relevanzkriterien. Wenn einer mal für den Kreistag kandidiert hat, aber keinen Sitz errungen hat, ist er eher nicht relevant, wenn er es dagegen mal in den Kreistag geschafft hat, könnte das durchaus relevant sein. Wovon ich abrate, ist, einen Artikel über sich selbst zu schreiben. Wenn man relevant genug ist, wird sich jemand finden, der über einen schreibt.

Wo sehen Sie momentan die großen Baustellen der Wikipedia?

Ein wichtiges Projekt ist Wikidata.

Was ist das?

Ein Beispiel: Albert Einsteins Geburtsdatum wird derzeit in allen Sprachen in die jeweilige Wikipedia-Länderversion eingegeben. Da passieren Fehler. Wir wollen an einer Stelle der Enzyklopädie – bei Wikidata – dieses Datum hinterlegen, woraufhin es in jeder Sprache korrekt ausgegeben wird. Bei anderen Projekten geht es ums Erstellen von Luftbildern. Wir versuchen auch, Bilder von Museen zu akquirieren.

Das Problem ist, das viele gar nicht wissen, welche zusätzlichen Infos die Seite noch bereithält. Wie benutzen passive Nutzer die Wikipedia richtig?

Wenn man sich unsicher ist, ob ein Fakt in den Artikel reingehört oder nicht, sollte man das auf der jeweiligen Diskussionsseite ansprechen. Normalerweise meldet sich dann zeitnah jemand. Ist der Artikel nicht so stark in Beobachtung, kann man auch bei der allgemeinen Auskunft anfragen.

Zum Schluss noch ein Ausblick: Wie sieht die Wikipedia in 15 Jahren aus?

Vermutlich haben wir dann alle Implantate, die uns das Wissen der Enzyklopädie ins Gehirn einspeisen. Im Ernst: Ich weiß es nicht. Was ich mir aber wünsche, ist, dass die Wikipedia zu einem Lebenshelfer wird. Dass dort auch drin steht, wie man Hemden bügelt oder Apfelmus macht. Ich wünsche mir, dass ich mit der Wikipedia auf einer einsamen Insel ausgesetzt werden könnte und dank ihr überlebe.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.

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