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Mittwoch, 27.02.2013

Wie alt wäre es, wenn ...?

Etwa 110.000 deutsche Frauen treiben jedes Jahr ihr Ungeborenes ab. Doch viele lässt die Trauer danach nicht los.

Von Anja Reumschüssel

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Mehr als ein Gewebeklumpen: neu entstehendes Leben Foto: dpa/Peter Endig
Mehr als ein Gewebeklumpen: neu entstehendes Leben Foto: dpa/Peter Endig

Claudia Wellbrock war 18 Jahre alt, als sie während einer Affäre schwanger wurde. Die junge Frau hatte gerade eine Gesangsausbildung begonnen, traute sich das Leben alleine mit Kind nicht zu. Damals in der DDR, vor 28 Jahren, waren Abtreibungen erlaubt. „Was erlaubt ist, kann ja nicht schlimm sein“, dachte Wellbrock damals. Der Arzt sagte ihr, es sei nur ein Gewebeklumpen. Nach dem Eingriff lag die junge Frau in einem Zimmer mit sieben Müttern und sah eine Woche lang, was aus dem Klumpen geworden wäre. Ihr Leben lief weiter zwischen Arbeit, Ausbildung und Ablenkung. „Aber sobald ich alleine war, war das Kind da“, sagt Wellbrock.

Manchmal ist es die Angst, die werdende Mütter abtreiben lässt – Angst vor der Verantwortung oder davor, dass das Geld nicht reicht. Manchmal sind es auch Fehlbildungen des Ungeborenen. Rund 110.000 Abtreibungen gibt es jedes Jahr in Deutschland. Die meisten Frauen verarbeiten den Eingriff in wenigen Tagen oder Wochen. Doch bei manchen verschwindet die Trauer nicht. Sie leiden unter Depressionen, Schlafstörungen, Ängsten und sehnen sich nach dem Kind. Sie fragen sich, was aus ihm geworden wäre, ob sie sich nicht doch anders hätten entscheiden sollen. Ändern können sie ihre Entscheidung nicht – aber damit leben lernen.

Dass Frauen nach einer Abtreibung so schwere psychische Probleme haben, dass sie etwa an Selbstmord denken, ist selten. Depressionen, Schuldgefühle oder Schlafstörungen treten dagegen häufiger auf und werden unter dem Begriff Post-Abortion-Syndrom (PAS) zusammengefasst. Allerdings ist das PAS unter Medizinern nicht allgemein als psychische Störung anerkannt. So gibt es kaum aussagekräftige Studien, wie viele Frauen unter psychischen Problemen wegen eines Schwangerschaftsabbruchs leiden. „Unseren Erfahrungen nach sind es etwa zehn Prozent“, sagt Psychologin Marina Knopf vom Familienplanungszentrum in Hamburg.

Problematisch wird es, wenn die Trauer nicht verschwindet wie bei Claudia Wellbrock. „Frauen unterschätzen oft vor einem Abbruch, dass die Welt danach anders aussieht“, sagt Almut Dorn. Als Psychotherapeutin berät sie Frauen, die nach einem Abbruch nicht mehr klarkommen.

Wie sehr eine Frau leidet, liegt vor allem am Abtreibungsgrund. Konnte sich die werdende Mutter frei für die Abtreibung entscheiden, ohne Druck von Partner, Familie oder Geldbeutel, ist die Gefahr psychischer Probleme geringer. Wenn der Partner zum Abbruch drängt, die Angst vor Armut zu groß oder das Ungeborene schwer behindert ist, führt eine Abtreibung eher zu psychischen Problemen. Bei Frauen, die spät abtreiben, ist die Gefahr tendenziell größer. Späte Abbrüche sind in Deutschland nur aus medizinischen Gründen erlaubt. In solchen Fällen hat die Frau das Kind schon als ihres angenommen – und verliert es wieder.

„Das Gefühl, ich hätte jetzt ein Kind, lässt sie nicht mehr los“, sagt Therapeutin Dorn. Sie kennt viele, die immer wieder nachrechnen, wie alt ihr Kind jetzt wäre.

Die Erfahrung muss jede Frau in ihr Leben integrieren. Bei frühen Schwangerschaftsabbrüchen steht dabei die Reflexion der Schuldgefühle im Vordergrund. Beraterin Knopf geht gedanklich mit den Frauen zurück zum Moment der Entscheidung. Auch Trauerarbeit kann den Schmerz lindern. Dorn sucht dann mit den Frauen nach Trauerritualen und Erinnerungen an das Ungeborene. Doch die Frau muss auch Wut zulassen können, die in Verständnis und Akzeptanz für sich selbst und die eigene Entscheidung münden sollte.

Claudia Wellbrock hat heute fünf erwachsene Kinder. Doch um ihr erstes – nie geborenes – Kind trauert sie noch immer. Nun geht sie für den Verein Rahel e.V. in Schulen und erzählt ihre Geschichte. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Doreen Schmiedel

    Gut, dass einmal offen ausgesprochen wird, welche Probleme sich viele Frauen aufbürden, indem sie denken und hoffen, Abtreibung würde "ihr Problem" lösen. Die Fakten dazu bleiben häufig ungenannt. Vielen Dank für die ausgewogene Berichterstattung.

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