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Freitag, 21.04.2017 Herzenssache

Wer hat das letzte Wort?

Partnerschaftsberater Christian Thiel beantwortet Fragen von SZ-Lesern. Diesmal geht es um ein Ehepaar, das in Fragen der Erziehung ihres Kindes, oft unterschiedlicher Meinung ist.

Von Christian Thiel

© Symbolfoto: dpa

Mein Mann und ich sind in der Erziehung oft unterschiedlicher Meinung. Er will für unseren vierjährigen Sohn gerne feste Regeln aufstellen. Ich bin da flexibler, je nachdem, wie die Stimmung gerade ist. In letzter Zeit haben wir uns mehrfach in Anwesenheit des Kindes gestritten, und die Stimmung zwischen uns ist häufiger angespannt.

Etwa die Hälfte aller Paare kann sich in grundsätzlichen Fragen der Erziehung nicht einigen. Sie sind also in guter Gesellschaft. Und vielleicht erstaunt es Sie zu hören: Paare müssen sich in den meisten Fragen auch gar nicht einigen. Klar ist das angenehmer – aber es ist nicht nötig.

Warum wir unterschiedlich erziehen wollen, ist leicht erklärt. Die allermeisten Paare versuchen, etwas wiederherzustellen, was sie in ihrer Herkunftsfamilie gut fanden – ohne dass es ihnen bewusst ist. Jeder der beiden hält natürlich die Form der Erziehung, die er aus seiner Herkunftsfamilie kennt, für richtig – und das, was der andere denkt, hält er eben für falsch. Paare können sich mit solchen Diskussionen also nur unglücklich machen.

Was tun? Zunächst einmal sollten Sie verstehen, dass Sie beide unterschiedlich sind, unterschiedliche Herkunftsfamilien haben und unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ein Kind erzogen werden sollte. Ich nenne das gerne auch „Vitamin V“. V wie Verständnis. Und in einem zweiten Schritt sollten Sie beide das Verständnis auch äußern. Damit sind die Konflikte noch nicht aus der Welt. Aber Sie beharken sich nicht mehr. Und das ist schon viel wert.

Wie gehen Paare, die unterschiedliche Vorstellungen haben, in der Praxis nun damit um? Ich rate zu folgendem Vorgehen: Zum einen darf jeder so erziehen, wie er will, es sei denn, der andere legt sein Veto ein. Mama macht die Dinge also anders als Papa. Für Kinder ergeben sich daraus erstaunlich wenig Probleme. Sie verstehen, dass die Eltern zwei unterschiedliche Menschen sind. Bleibt nur eine Frage zu klären: Welche Regeln herrschen nun, wenn Sie beide zusammen sind? Da meistens nach wie vor Frauen mehr Zeit mit den Kindern verbringen, schlage ich es so vor: Die Vorstellungen der Frau gelten mehr. Ist der Mann mit diesen Regeln absolut unglücklich, dann sollte er sein Veto einlegen – und seine Frau bitten, darüber nachzudenken, ob sie ihm zuliebe nicht doch das eine oder andere ändern kann. Ihm zuliebe – Sie sehen, ich bin einmal mehr für die Höflichkeit. Ihm zuliebe – das bedeutet, dass seine Vorstellungen nicht besser, nicht richtig sind, und dass er auch nicht im Recht ist. Und solche Gespräche führen Sie am besten ohne Kind.

Christian Thiel ist Single-, Partnerschaftsberater und Autor. Haben Sie Fragen an ihn? Schicken Sie eine Mail an expertentipp@redaktion-nutzwerk.de