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Freitag, 25.08.2017

Wege aus der Depression

Millionen Deutsche leiden an der Krankheit. Ein Patientenkongress in Leipzig bietet Hilfe – künftig auch per Smartphone.

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© Symbolfoto: dpa

  • Prof. Dr. Ulrich Hegerl ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Er übernimmt die Leitung europäischer Verbundprojekte zum Thema Depression und Suizidprävention – wie das Forschungsnetzwerk „European Alliance Against Depression“.Schwerpunkte seiner Forschung sind psychotherapeutische und pharmakotherapeutische Interventionen bei depressiven Störungen, Suizidprävention sowie Untersuchungen der Hirnfunktion und Arousalregulation bei Depression, Manie und ADHS. Mehr als 500 wissenschaftliche Arbeiten publizierte er bislang und erhielt mehrere wissenschaftliche Auszeichnungen.Hegerl wurde 1953 in München geboren und hat von 1973 bis 1978 Medizin in Erlangen und im französischen Rennes studiert.
    Prof. Dr. Ulrich Hegerl ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Er übernimmt die Leitung europäischer Verbundprojekte zum Thema Depression und Suizidprävention – wie das Forschungsnetzwerk „European Alliance Against Depression“. Schwerpunkte seiner Forschung sind psychotherapeutische und pharmakotherapeutische Interventionen bei depressiven Störungen, Suizidprävention sowie Untersuchungen der Hirnfunktion und Arousalregulation bei Depression, Manie und ADHS. Hegerl wurde 1953 in München geboren und hat von 1973 bis 1978 Medizin in Erlangen und im französischen Rennes studiert.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe richtet am Sonnabend und Sonntag im Leipziger Gewandhaus den vierten Patientenkongress für Depressionserkrankte aus. Mehr als tausend Teilnehmer werden erwartet. Die Sächsische Zeitung sprach mit dem Stiftungsvorsitzenden Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Leipzig, über Therapie-Engpässe, Smartphone-Apps und eine laute Stimme.

Herr Professor Hegerl, ausgerechnet Victoria van Violence, ein 28-jähriges Tattoo-Model, gehört zu den Stargästen auf ihrem Patientenkongress. Warum?

Victoria ist eine prominente Bloggerin und Youtuberin, die sehr viele junge Leute erreicht. Sie spricht öffentlich über ihre Depressionserkrankung und ist eine Botschafterin unserer Stiftung. Sie will Aufklärungsarbeit leisten und Betroffenen eine Stimme geben. Genau das ist das Anliegen dieses Kongresses.

Was ist der Nutzen für Depressionserkrankte?

Depression ist eine sehr häufige und schwere Erkrankung. Es ist eine stille Erkrankung, bei der die Betroffenen nicht energisch für ihre Interessen kämpfen können. Der Patientenkongress soll den Betroffenen eine laute Stimme geben. Er ist eine Chance, sich auszutauschen und aus der Isolation herauszukommen. Unser Schirmherr Harald Schmidt schafft es auf eine wunderbare, feinfühlige und humorvolle Weise, die Gespräche zu moderieren. Dieses Jahr unterbricht er eigens seinen Urlaub für diese ehrenamtliche Aufgabe.

Depression ist inzwischen auch ein großes Medienthema. Hilft die Aufmerksamkeit Ihrer Arbeit?

Das kommt leider sehr auf den Anlass an. Der Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke 2009, der unter Depressionen litt, hat die Debatte beflügelt. Die Vorwürfe gegen den Germanwings-Piloten, der eine Maschine mit 150 Menschen in Frankreich abstürzen ließ und angeblich ebenfalls an Depressionen erkrankt war, hat uns dagegen sehr zurückgeworfen und Vorurteile geschürt. Mit Depression hatte diese Tat jedoch nichts zu tun. Depression geht mit Schuldgefühlen, aber nie mit Aggressivität gegen Unbeteiligte einher.

Wie groß ist aus ihrer Sicht die Dimension der Depression?

Im Laufe eines Jahres leiden etwa acht Prozent der Erwachsenen in Deutschland an depressiven Krankheitsphasen. Das sind 5,3 Millionen Betroffene, unter ihnen sind mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer. Die Lebenserwartung wird durch die Erkrankung im Schnitt um zehn Jahre reduziert. Und ein Großteil der jährlich 10.000 Suizide in Deutschland geschieht vor dem Hintergrund einer unzureichend behandelten Depression.

Die Versorgung mit Hausärzten und Psychotherapeuten gilt dennoch nach wie vor nicht als ausreichend. Warum?

Depressionen werden heute viel häufiger erkannt als früher. Mit der Zunahme der Diagnosen holen sich auch viel mehr Menschen Hilfe. Aber wir haben bisher nicht mehr Fachärzte, also Psychiater und Nervenärzte, bekommen. Deshalb gibt es große Versorgungsengpässe bei der fachärztlichen Betreuung, besonders in ländlichen Regionen, auch in Sachsen. Laut einer Bertelsmann-Studie erhalten drei von vier Patienten in Deutschland, die an einer schweren Depression erkrankt sind, keine angemessene Therapie.

Was muss konkret passieren?

Wir brauchen mehr niedergelassene Psychiater und Nervenärzte. Da ist die Gesundheitspolitik gefordert, mehr Zulassungen zu ermöglichen. Aber auch bei den Hausärzten, die das Gros der Betroffenen behandeln, gibt es Nachholbedarf. Das zeigen die Diskussionen in Sachsen um einen Ärztemangel, besonders in ländlichen Regionen.

Um die Versorgungslücke zu schließen, entwickelt ihre Stiftung Software-Programme und Smartphone-Apps. Mit welchen Effekten?

Wir haben mit „iFightDepression“ ein kostenfreies Selbstmanagement-Programm für Menschen mit leichten Depressionen. Das Programm hilft den Betroffenen, ihre Erkrankung besser zu verstehen. Es zeigt Übungen für den Alltag, um Gedanken oder Verhaltensweisen zu verändern. So lernen die Betroffenen zum Beispiel, ihren Schlaf zu regulieren, negative Gedankenkreise zu durchbrechen oder positive Aktivitäten zu planen. Die Software ist seit Oktober 2016 verfügbar und wird nun von uns in die Breite gebracht. Inzwischen haben sich viele Ärzte schulen lassen, etwa
80 sind bereits für das Programm zertifiziert. Viele Hundert Patienten haben die App bereits genutzt.

Kann sich ein Patient mit „iFightDepression“ tatsächlich selbst behandeln?

Nein, es wäre fatal, zu behaupten, dass man sich mit einem Programm aus dem Internet selbst behandeln könnte. Das würde der Schwere der Erkrankung nicht gerecht. Studien belegen die Wirksamkeit von Programmen vor allem dann, wenn sie etwa vom Hausarzt begleitet werden. Daher gibt es den Zugang zu unserem iFightDepression-Programm auch nur über Fachleute, die eine Begleitung des Patienten sicherstellen.

Darüber hinaus soll eine neue Smartphone-App für Depressionserkrankte helfen, die Versorgungslücken zu schließen. Wie ist der Stand?

Das ist noch Zukunftsmusik. Wir arbeiten hier in Leipzig bis 2019 an einem Forschungsprojekt des Bundes unter dem Titel „Steady“. Zunächst läuft eine Langzeiterfassung von unterschiedlichen Daten, die mit dem Smartphone und Biosensoren erhoben werden. Erfasst werden unter anderem Herzfrequenz, Bewegung, Stimme und Schlafverhalten. Im zweiten Schritt wird analysiert, ob sich Zusammenhänge zwischen Datenmustern und dem Verlauf der Depression finden lassen. Findet ein Patient zum Beispiel heraus, dass bei ihm lange Bettzeit, erhöhte Herzfrequenz und wenig Sport mit einem erhöhten Depressionsrisiko einhergehen, kann der Patient daraus Schlüsse ziehen und eventuell gegensteuern. Im Laufe der Jahre können Patienten damit lernen, mit ihrer Depression besser umzugehen.

www.deutsche-depressionshilfe.de

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