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Donnerstag, 21.09.2017 Kolumne Kinder, Kinder!

Vorsicht, bissiger Enkel

Unser dreieinhalbjähriger Enkel beißt manchmal aus Liebe und manchmal aus Frust. Wir haben es schon mit Schimpfen und mit Erklärungen versucht. Wie kann man diesem Verhalten noch Einhalt gebieten?

Von Prof. Veit Rößner

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Professor Dr. Veit Rößner von der Uniklinik Dresden
Professor Dr. Veit Rößner von der Uniklinik Dresden

© Robert Michael

Unser dreieinhalbjähriger Enkel beißt manchmal aus Liebe und manchmal aus Frust. Wir haben es schon mit Schimpfen und mit Erklärungen versucht. Er beißt seine Schwester, die Kinder im Kindergarten und manchmal sogar Erwachsene, wenn sie nicht darauf gefasst sind. Wie kann man denn diesem Verhalten noch Einhalt gebieten und ihm das abgewöhnen?

Die „typische“ Beißzeit findet im zweiten und dritten Lebensjahr statt. Sie endet in der Regel mit zunehmender Sprachentwicklung von alleine wieder, sobald Frust und Zorn anders zum Ausdruck gebracht werden können. Voraussetzung dafür ist aber, dass Erwachsene immer konsequent eingreifen, wenn ein Kind beißt. Ihr Enkel im Kindergartenalter muss spätestens jetzt konsequent erfahren, dass Beißen nicht erlaubt ist und für ihn negative Folgen hat. Je länger dieses Verhalten besteht, desto anhaltender und beharrlicher müssen Sie und alle, die mit ihm zu tun haben, versuchen, dagegen anzugehen.

Gehen Sie auf die Suche nach Ursachen. Ursächlich für Beißen kann beispielsweise eine akute Belastung durch Umzug, Geburt eines Geschwisterchens oder eine Trennung sein. Beißen kann weiterhin ein Zeichen von Hilflosigkeit und Überforderung sein, wird aber im Gleichaltrigenkontext mitunter auch bewusst eingesetzt, um Grenzen auszutesten, um Missfallen auszudrücken oder einfach seinen Willen durchzusetzen. Weiterhin beißen Kinder auch nicht selten in einer Verteidigungssituation oder aber „wie aus heiterem Himmel“.

Ihren wenigen Informationen nach klingt das Verhalten zunächst nach einem Beißen als erlernte, jedoch unangemessene Form der Kontaktaufnahme und Aufmerksamkeitssuche. In einer Situation, in welcher Ihr Enkel eine Kontaktaufnahme plant, sollten Sie ihn zunächst unterstützend begleiten: „Ich glaube, du möchtest mit dem Kind spielen. Schau mal, wir fragen es.“ Sprechen Sie mit dem anderen Kind anfangs ruhig stellvertretend für Ihren Enkel: „Darf ich mit dir spielen? Dein Spiel sieht interessant aus“. So lernt Ihr Enkel durch Ihre Vorbildwirkung eine Alternativstrategie, um Kontakt aufzunehmen.

Arbeiten Sie desweiteren konsequent mit Auszeiten, damit Spielsituationen nach einer Beißattacke sofort unterbrochen werden und Ihr Enkel zunächst von anderen Kindern getrennt wird. Sie schaffen damit die Verknüpfung: „Wenn ich beiße, darf ich nicht mehr mit den Kindern spielen.“ Falls Ihr Enkel beißt, weil ihm Dinge weggenommen werden, leiten Sie ihn an, alternativ unmissverständlich „Stopp“ oder „Nein“ zu sagen. Auch die Arbeit mit einem einfachen Verhaltensplan, welcher beißfreie Spielsequenzen und Aktivitäten mit Stickern oder Ähnliches belohnt, kann bei kleineren Kindern mitunter schon gute Erfolge bringen. Beißt Ihr Enkel ein anderes Kind, sollten Sie sofort einschreiten .

Beißt Ihr Kind Sie selbst, so sollten Sie prompt und laut Ihren Schmerz äußern, damit Ihrem Enkel klar ein Fehlverhalten signalisiert wird. Auch erfahrene Bezugserzieher (-innen) sollten einbezogen werden. Sie verfügen in der Regel über ein umfangreiches Repertoire an Strategien. Sprechen Sie mit diesen auch Ihre aktuellen intrafamiliären Strategien ab. Damit schaffen Sie eine verbindliche Vereinheitlichung in allen Lebensbereichen Ihres Enkels. Da Sie jedoch ausführen, schon einiges selbst im Vorfeld probiert zu haben, sollten sich die Eltern gegebenenfalls zu einer umfassenden Diagnostik und Interaktionsbeobachtung in einer auf den Umgang mit jüngeren Kindern spezialisierten kinderpsychiatrischen Sprechstunde entschließen.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder an expertentipp@redaktion-nutzwerk.de

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Pendlerin

    Ich war als Kind auch so ein Beißer. Im Kindergarten bekam ich deshalb regelmäßig ein Pflaster auf den Mund. Irgend wann hat meine Mutter dann zurückgebissen. Das hat gewirkt, ich habe nie wieder jemanden gebissen. Soll jetzt keine Empfehlung sein, heutzutage darf Mutti das nicht mehr.

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