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Freitag, 25.10.2013

Verkeimte Keulen

Hühnchen gilt als gesund und billig. Doch Ökotest beweist, dass die Massentierhaltung einen hohen Preis hat.

Von Katrin Saft

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Können roh auf den Menschen übertragbare Keime enthalten: Hähnchenkeulen. Foto: Clipdealer
Können roh auf den Menschen übertragbare Keime enthalten: Hähnchenkeulen. Foto: Clipdealer

Am Montag verdirbt uns der Spiegel mit seiner Titelgeschichte den Appetit auf Schwein. Und heute folgt Ökotest mit der Erkenntnis: Auch Hühner sind arme Schweine. Die Öko-Zeitschrift prangert einmal mehr die Haltung der Tiere an. Doch es sind längst nicht nur die beschriebenen Details, die schockieren, sondern vor allem die Ergebnisse der Qualitätsanalyse.

Hühnchen gilt als gesund, ist beliebt und billig noch dazu. Bei Aldi, Lidl & Co. kostet das Kilo weniger als drei Euro. Das kann sich nur durch Masse rechnen. Die Keulen und Schenkel, die Ökotest im August bei 14 Anbietern eingekauft hat, stammen von Tieren, deren Alter sich in Tagen zählen lässt. Von Masthühnern, zusammengesperrt mit bis zu 41.000 anderen, mit einem Lebensraum von der Größe dieser Zeitungsseite – für sechs bis acht Tiere. Die Gut & Günstig-Hühner zum Beispiel, die bei Edeka im Kühlregal liegen, haben in ihrem 34 Tage kurzen Leben weder Grün noch Sonnenlicht gesehen. Doch auch ein Bio-Huhn darf nicht mehr selbstverständlich auf Bauernhof-Idylle hoffen. Bis zu 4.800 Tiere pro Stall erlaubt die EU-Norm. Und die meisten der ebenfalls getesteten Bio-Anbieter schöpften diese Zahl fast aus.

Die Massentierhaltung wirkt sich auf die Qualität aus, wie die Analyse belegt. Ökotest schickte dazu Hähnchenkeulen aus Discountern, Supermärkten und Bioläden in Speziallabore – und zwar zum Ende der Verbrauchsfrist, nach vorschriftsmäßiger Kühlung. „Weil es bei Keimen immer mal Ausreißer gibt, haben wir pro Anbieter drei Chargen untersucht“, sagt Birgit Hinsch von der Verbraucherzeitschrift.

„In fast allen Produkten fanden wir Keime, die gegen Antibiotika resistent sind – auch in Bio-Hähnchen. In jeder dritten Probe konnten wir gesundheitsgefährdende Keime nachweisen.“ Allen voran ein Keim namens Campylobacter, der beim Menschen Durchfall und Fieber auslösen kann. Zwar stirbt er beim Kochen oder Braten ab. „Doch bei der Zubereitung besteht die Gefahr, dass Keime vom rohen Fleisch auf Geschirr, Salat oder andere Lebensmittel übertragen werden“, sagt Hinsch.

In den Ja!-Hähnchenschenkeln von Rewe und in den Bio-Keulen von Freiland Puten Fahrenzhausen fanden die Tester zudem Salmonellen, in einer Probe Listerien. Jede vierte Probe war obendrein stark mit Verderbniskeimen belastet – eine von Marktführer Wiesenhof sogar sehr stark. Kein Wunder, dass damit auch die Geruchstests recht unappetitlich ausfielen. „Abweichend“ ist noch die freundlichste Beschreibung. Zwei Bio-Produkte rochen nach Meinung der Chemiker „fäkalisch“. Nur die Keulen des norddeutschen Biofleischers Schröders schnitten bei den Inhaltsstoffen mit „sehr gut“ ab. Die qualitativ besten konventionellen Hähnchenkeulen kamen von Edeka und erhielten ein „Gut“.

Die Gesamtnoten indes, die sich aus Tierhaltung und Qualität ergeben, sind ernüchternd. Die Hähnchenkeulen von zehn der 14 Hersteller fielen mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ durch – darunter auch zwei Bio-Anbieter. Kein Einziger erreichte hier ein „Sehr gut“ oder „Gut“. Die Bio-Hähnchen kamen insgesamt zwar besser weg. „Sie sind aber trotzdem nicht zufriedenstellend“, sagt Ökotest-Chefredakteur Jürgen Stellpflug. Im Gegensatz zu vielen herkömmlichen Mastbetrieben haben die Bio-Erzeuger weder Antibiotika noch Medikamente gegen die Krankheit Kokzidiose verfüttert. Die Tester müssen sich hier allerdings auf die Angaben der Hersteller verlassen, die zur Tierhaltung Fragebögen ausfüllen sollten. „Während Lidl und Frikifrisch das schnell und vollständig taten, haben andere gemauert“, sagt Stellpflug.

Die Anbieter wurden laut Ökotest mit den Ergebnissen konfrontiert. Freiland Puten Fahrenzhausen habe daraufhin seine Produktionskette kontrolliert. Verunsicherten Kunden raten die Verbraucherschützer, Biofleisch zu bevorzugen. Das war im Test allerdings bis zu fünfmal teurer. Die Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch indes sieht sich darin bestätigt, dass auch Bio keine Alternative ist. Vorsitzender Jürgen Foß ruft zur veganen Ernährung auf. Wer nicht so weit gehen will, kann auf ein paar simple Dinge achten: Die leicht verderblichen Keulen sollten lückenlos gekühlt und deutlich vor Ende des Verbrauchsdatums verarbeitet werden. Gegen Keime hilft, rohes Geflügel nicht mit Lebensmitteln in Kontakt zu bringen, den Fleischsaft zu entsorgen sowie Geschirr und Hände gründlich zu reinigen.

Test in der heute erscheinenden Ökotest, Heft 11

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Bischoff

    Na prima. Was darf man ueberhaupt noch essen?

  2. Antonietta

    Vegetarier leben gesünder. Denn Fleischverzehr fördert das Risiko von Herzinfarkten, Blinddarmentzündungen, Bluthochdruck, Osteoporose, Arthritis, Magengeschwüren, Nierensteinen, Diabetes und Krebs!

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