erweiterte Suche
Samstag, 24.12.2016

Stille Nacht, trostvolle Nacht

Gerade an den Festtagen fühlen sich viele einsam. Fachportale im Internet versprechen Hilfe.

Von Susanne Plecher

Weihnachten ist nicht für jeden die schönste Zeit des Jahres ...
Weihnachten ist nicht für jeden die schönste Zeit des Jahres ...

© dpa

Worauf viele sich freuen, ist für manche ein Graus: Weihnachten ist nicht für alle Menschen die schönste Zeit des Jahres. Wem es an Kontakten und Familien-Anschluss fehlt, empfindet seine Einsamkeit an den letzten Tagen des Jahres besonders stark. Doch auch eine Familie ist nicht immer Garant für frohe Stunden. „Die Erwartungen an harmonisch verbrachte Zeit sind hoch und von der Realität manchmal weit entfernt. Gerade jetzt treten aufgestaute Konflikte zutage und entladen sich in explosiver Stimmung und offen ausgetragenen Streitigkeiten“, sagt Psychologin Katrin Bermbach aus Berlin.

Der Lichtmangel in der dunklen Jahreszeit tue ein Übriges. Er fördert zutage, was bei Sonnenschein und Wärme nur halb so schwer wiegt – Gefühle von Überlastung, Melancholie und Antriebslosigkeit. Zwar sei bei einer Winterdepression oder einem Feiertagstief meist keine Psychotherapie nötig. Die seelische Verstimmung sollte aber ernst genommen werden, so Katrin Bermbach. „Es ist normal, zur Weihnachtszeit in eine Krise zu geraten. Wichtig ist, dass man sich schnell Hilfe sucht, wenn man merkt, dass die Traurigkeit nicht mehr weggeht“, rät sie.

Bei niedergelassenen Psychologen gibt es jedoch oft lange Wartezeiten. Zudem sind die meisten Praxen über die Feiertage geschlossen. Um schnelle Unterstützung zu ermöglichen, hat Psychologin Bermbach das Online-Selbsthilfeportal Selfapy gegründet. Sie verspricht sofortige anonyme Hilfe und auf Wunsch psychologische Betreuung. Mit internetbasierten Selbsthilfekursen, die durch wöchentliche Telefongespräche oder Chats mit einem Psychologen begleitet werden, will Bermbach vor allem Menschen mit Burn-out, Depressionen und Angststörungen helfen. Die Kurse dauern neun Wochen. Sie kosten zwischen 29 und 149 Euro und werden von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf ausgewertet.

Auch die in Österreich ansässige Firma Instahelp will sich mit einem ähnlichen Angebot auf dem deutschen Markt etablieren. „Wir wissen, wie schwer Menschen sich damit tun, bei seelischen Problemen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Geschäftsführer Martin Pansy. Den Gang zum Psychologen würden viele aus Scham oder Geldnot vermeiden. Instahelp will diese Lücke mit einer chatbasierten Beratung über Apps für Computer, Tablet oder Smartphone ausfüllen. Ratsuchende senden eine Anfrage über die Website, auf die sofort ein Coach reagiert. Während des Erstgespräches wird das Problem erörtert und dem Kunden ein auf seinen Fall spezialisierter Psychologe vorgeschlagen. Der nimmt innerhalb der nächsten 24 Stunden Kontakt zu ihm auf. „Wir wollen eine schnelle, einfach zugängliche Anlauf-stelle sein“, so Pansy. Das kostet. Für die persönliche Betreuung im Live- oder Textchat verlangt Instahelp zwischen 29 und 69 Euro pro Woche – je nach Gesprächsdauer.

„Für ganz akute Fälle ist unsere Plattform jedoch nicht geeignet“, sagt Pansy. Bei sehr schweren Depressionen und Selbstmordgedanken, die gerade in den Weihnachtsfeiertagen häufiger auftreten, seien die Grenzen der Onlineberatung erreicht, meint auch Katrin Bermbach. Hilfesuchende bräuchten dann eine analoge Psychotherapie vor Ort. Beide Anbieter weisen Menschen in absoluten Krisensituationen nicht ab. In einem kostenlosen Erstkontakt soll ihnen ein Ansprechpartner in ihrer Stadt oder Region vermittelt werden.

Das leistet auch der Kassenärztliche Bereitschaftsdienst. Die telefonische Vermittlung sucht außerhalb der üblichen Sprechzeiten nach diensthabenden Fachärzten. „Während des Anrufs wird entschieden, ob es sich um einen akuten Notfall handelt und gegebenenfalls ein Hausbesuch notwendig ist“, teilt eine Sprecherin der KV Sachsen mit. Wer sich darauf nicht verlassen möchte, findet Hilfe in Krankenhäusern und Noteinrichtungen oder bei Notfallnummern. In der Landeshauptstadt ist das beispielsweise das Telefon des Vertrauens, das der psychosoziale Krisendienst des Gesundheitsamtes eingerichtet hat. Bis 23 Uhr können sich Hilfesuchende anonym dorthin wenden.