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Montag, 06.03.2017

Reisen in der Elternzeit: Wie viel verträgt ein Baby?

Immer mehr Paare zieht es in der Kinderauszeit in die Welt. Eine Familie aus Dresden über Organisation, gute und schlechte Erfahrungen.

Von Hagen Pacher

Elternzeit und Elterngeld

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Heim für sechs Monate: Der alte VW-Bulli.
Heim für sechs Monate: Der alte VW-Bulli.

© privat

  • Heim für sechs Monate: Der alte VW-Bulli.
    Heim für sechs Monate: Der alte VW-Bulli.
  • Zelten überm See: Ein besonderer Schlafplatz in Norwegen.
    Zelten überm See: Ein besonderer Schlafplatz in Norwegen.
  • Papa Hagen und Sohn Arttu: Gut behütet am Meer.
    Papa Hagen und Sohn Arttu: Gut behütet am Meer.

Elternzeit heißt in vielen Familien auch Reisezeit. Immer mehr nutzen die meist einjährige Auszeit vom Job für eine oft mehrwöchige Tour in fremde Länder. Die Idee ist umstritten. Ihre Gegner meinen, dass kleine Babys Stabilität, Routine und Ruhe brauchen, um sich optimal entwickeln zu können. Sie argumentieren mit der zum Teil schlechteren ärztlichen Versorgung und mangelhaften hygienischen Standards im Ausland. Familie Pacher aus Dresden hat sich davon nicht abhalten lassen. Fünf Monate war ihr Baby Arttu alt, als Hagen und Susi ihre Heimat für ein halbes Jahr hinter sich ließen, um durch Europa zu fahren. Hagen Pacher erzählt, wie es ihm und seiner kleinen Familie dabei ergangen ist.

Die Vorbereitung

Ich nahm für die Reise Elternzeit. Susi fand nach dem Studium keinen Job und hatte gezwungenermaßen frei. Das monatliche Elterngeld – 65 Prozent meines Gehalts –, reichten exakt für alle laufenden Kosten, wie Versicherungen, jährliche Ausgaben oder Essen. Wir waren genügsam. Für die anfallenden Reisekosten hatten wir im Vorfeld gespart. Fliegen war aus Kostengründen passé. In Eigenregie erweiterten wir unseren treuen VW T4 um Liegefläche, Kocher, Gepäcknetze, Schränke, Kühlbox und abnehmbare Solarzelle. Da der Bulli kein Hochdach hat, sah man ihm die Einbauten nicht an. Wildcampen war somit kein Problem. Übernachtungskosten? Gespart! Unsere Kinderärztin befürwortete die Pläne. Die Meeresluft würde der Neurodermitis von Arttu guttun. In die Dokumententasche packten wir zu den üblichen Papieren wie Personalausweis, Führerscheine, grüne Versicherungskarte, Krankenkassenkarten noch den Fahrzeugschein und einen Kinderreisepass. Dann verliehen wir die Zimmerpflanzen, gaben den Briefkastenschlüssel beim Nachbarn ab, packten die Sachen, und los ging es.

Das Gepäck

Unverzichtbar mit Baby sind Notrufnummern der jeweiligen Reiseländer, eine auf das Kind abgestimmte Reiseapotheke, Krabbeldecke, Bilderbuch, Tragetuch oder -rucksack. Eine Faltschüssel zum Baden sparte Platz. Als unnötig hat sich die Solardusche herausgestellt. Waschen mit einer 1,5 Liter PET-Flasche erwies sich als praktischer. Platzfresser Nummer eins war aber die Menge an Babykleidung im Gepäck. Aus Vorsicht hatten wir zu viel eingepackt. Vorsorglich nahmen wir Fieberzäpfchen, Zahnungsmittel, Erkältungsbalsam und Kümmelöl gegen Bauchschmerzen mit. Fieberthermometer, Wundschutzcreme und ein Bestimmungsbuch für Kinderkrankheiten waren auch von Nutzen. Außerdem benötigten wir spezielle Salben und Umschläge für Arttus Neurodermitis.

Die Route

Das Camperleben mit Bulli konnten wir schon im Vorjahr als Kurztrip in Norwegen ausprobieren. Meine Frau wollte aber auch Wärme und Antike. So stand die Reiseroute fest: zweimal durch Europa, von Griechenland nach Norwegen mit Start, Zwischenstopp und Ziel in Deutschland – auch tagespolitisch eine spannende Sache. Wir waren von Mai bis Oktober unterwegs und fuhren insgesamt 15 260 Kilometer.

Elternzeit und Elterngeld

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Jeder Elternteil hat Anspruch auf Elternzeit, bis das Kind sein drittes Lebensjahr vollendet hat. Beide Eltern können auch gleichzeitig bis zu drei Jahre Elternzeit nehmen.

Elterngeld bekommen Mütter und Väter, die ihre Kinder selbst betreuen und nicht mehr als 30 Stunden pro Woche arbeiten gehen.

Eltern können zwischen Basiselterngeld und Elterngeld-Plus wählen. Basiselterngeld gibt es maximal 14 Monate. Beim Elterngeld-Plus kann das Geld auf die doppelte Zeit gestreckt werden. Maßgeblich für die Höhe ist das Nettoeinkommen, das der Antragsteller im Jahr vor der Geburt des Kindes hatte. Gezahlt werden davon zwischen 65 und 100 Prozent, mindestens aber 300 und höchstens 1800 Euro im Monat.

Die Erlebnisse

Wir trauten uns, die Route nicht bis ins Detail zu planen. Sonst hätten wir wohl all die spannenden Erlebnisse, die nicht im Reiseführer stehen, nicht gehabt. So trafen wir auf einem einsamen Kiesstrand der Ägäishalbinsel Chalkidiki ein offenherziges Rentnerpaar mit Wohnwagen. Die beiden Griechen verwöhnten uns mit einer Gastfreundschaft von Weltrang. Wir blieben spontan einige Tage länger, und unser Sohn wuchs den beiden Ersatzgroßeltern eng ans Herz. Ich erhielt einen Lehrgang zur Ernährung aus dem Meer mit Brandungsangeln, Muschelernte und der Zubereitung von Oktopus. Unsere Angst, als Deutsche für die auferlegte Sparpolitik Griechenlands angefeindet zu werden, war unbegründet. „Ich kann nichts für die Politik meines und du nichts für die deines Landes“, sagte unser Gastgeber und fügte an: „Wir kleinen Leute müssen uns doch deshalb nicht streiten.“ Wir durchstreiften die einsamsten Ecken des griechischen Festlandes und die überlaufenen Sightseeing-Hotspots von Delphi, Olympia, Mykene und Korinth. Erst die Sommerhitze von 42 Grad trieb uns in Richtung Norden. Richtig hitzig wurde es eines Nachts, als uns nahe der mazedonisch-serbischen Grenze Männer mit Kalaschnikows weckten. Wir sollten die Gegend verlassen, weil es nicht sicher sei. Und tatsächlich hörten wir in der Ferne Schüsse, Sirenen und quietschende Reifen. Die Wiedereinreise in die Europäische Union lief reibungslos. Dass an allen sieben Ländergrenzen vom Mittelmeer zum Europäischen Nordmeer wieder Grenzkontrollen erfolgten, hat uns sehr bedrückt. Keiner unserer Grenzübertritte hat aber länger als 30 Minuten gedauert. Nicht unschuldig daran ist Mr. Baby. Schreiend oder schlafend verkürzte er manche Fahrzeugkontrolle merklich.

Weiter ging die Reise quer durch Deutschland, wo wir viele unserer Freunde besuchten und mit Arttu zur Kindervorsorgeuntersuchung U 5 gingen. In Norwegen reizte uns die Wildnis. Zelten in der Natur erlaubt hier das Jedermannsrecht. Mit Baumzelt, Videodrohne, Essen und Schlafsäcken stapften wir in die Wälder des Hemsetals, um den 140 Meter hohen Hydnefossen-Wasserfall zu sehen. Der Ausblick war gigantisch, aber nach zwei Tagen wandern mussten wir uns eingestehen, dass 43,5 Kilo Gepäck plus Baby wirklich zu viel sind. Wir verlegten uns auf Tagestouren mit Schlaf im Auto. Glücklicherweise wurden uns Begegnungen mit Moschusochsen, Rentieren und einem Elch trotzdem zuteil.

Das Kind

Je kleiner das Kind, umso weiter kann die tägliche Fahrtstrecke sein. Wir legten zwischen 150 und 850 Kilometer zurück und pausierten alle zwei bis drei Stunden. Generell sollte das Kind so wenig Zeit wie möglich in der Babyschale verbringen, um später nicht an Haltungsschäden zu leiden. Als Arttu anfing zu krabbeln, wuchs sein Bewegungsdrang stetig. Deswegen schonten wir unser aller Nerven, indem wir an den Autofahrttagen kaum mehr als 150 Kilometer zurücklegten. Weite Strecken waren zwar im Rhythmus des Kindes weiterhin möglich, aber zeitaufwendiger. Getreu dem Motto „Wer langsamer reist, sieht mehr“ widmeten wir die Zeit lieber dem Wandern, Schlauchbootfahren und Angeln, statt der Kilometerschinderei.

Als wir in Norwegen einen Arzt brauchten, stellten wir fest, dass bei Google Maps nicht alle Standorte verzeichnet sind. Die Touristinformation half weiter. Die Kinderbehandlung ist dort kostenfrei. In anderen Ländern genügen meist eine kurze telefonische Info an die Hotline der Auslandskrankenversicherung im Vorfeld und die Einreichung der Behandlungsquittung im Nachhinein. Teilweise klären die Ärzte die Behandlung direkt mit der Versicherung, ohne dass Patienten in Vorleistung gehen müssen. Die alltäglichen Notwendigkeiten wie Tourplanung, Wäsche waschen, Einkauf oder Bürokram verschlingen auch auf Reisen viel Zeit – mehr, als wir erwartet hatten. Hinzu kam, dass wir weitestgehend Stoffwindeln verwendeten. Der riesige Müllberg, den Wegwerfwindeln produzieren, finden wir erschreckend. In der Konsequenz bedeutete das, alle drei Tage die Windeln in einer Waschschüssel und einmal pro Woche in der Waschmaschine zu waschen. Unser durchschnittlicher Reisetag begann um 7 Uhr und endete 19.30 Uhr, danach hatten wir Eltern drei Stunden Freizeit. Nur etwa ein Drittel der Gesamtreisezeit blieb für Urlaubserlebnisse. Füßehochlegen fiel wegen des Babys aber aus.

Die Pannen

Alles ist gutgegangen, mit Ausnahme eines Beinahe-Crashs auf einer tschechischen Autobahn ohne Einfädelspur, eines im Schlagloch zerstörten Reifens in Griechenland, einer defekten Hecktür, der kälteempfindlichen Schiebetür, schwerer Babyneurodermitis, einer Motorpanne, des zerstörten Campingkochers, fast 40 Grad Fieber bei Arttu, einer auseinandergefallenen Angel, eines zerbrochenen Wanderstocks und zwei Zecken.

Die Kosten

Am Ende der Reise hatten wir rund 2 000 Euro für Diesel, Maut, Eintritte und die wenigen Übernachtungen auf Campingplätzen mit Waschmaschinen ausgegeben. Lebensmittel kosteten ungefähr genauso viel wie in Deutschland – abgesehen von Norwegen. Mit einem Großeinkauf in Budapest hatten wir dafür aber vorgesorgt.

Das Fazit

Jederzeit wieder! Fürs Campen mit Bulli hat sich meist ein Fleckchen gefunden und Deutsch oder Englisch genügte meist zur Kommunikation. Besonderer Genuss war es, alles zum Leben Notwendige im eigenen Auto zu haben – eine Besinnung aufs Wesentliche. Mit Baby auf Tour zu sein, war der perfekte Türöffner zu den Herzen der Menschen. Außerdem ist im Verlauf der Reise die Babyneurodermitis fast vollständig verschwunden. Zu Hause wären unsere Nächte mit Baby nicht länger und der Stress kaum kleiner gewesen als unterwegs. Wieso also nicht Langzeitverreisen?

Das Reisetagebuch der Familie finden Sie unter www.nebendemweg.de