erweiterte Suche
Donnerstag, 03.11.2016

„Raus mit Amalgam“

Die Gesellschaft für Schwermetall-Toxikologie warnt vor dem Zahnfüllstoff.

3

Ein Zahnarzt ersetzt die Amalgamfüllung einer Patientin durch eine plastische Keramikfüllung (Archivbild).
Ein Zahnarzt ersetzt die Amalgamfüllung einer Patientin durch eine plastische Keramikfüllung (Archivbild).

© dpa

In der SZ-Serie „Auf den Zahn gefühlt“ lobten Zahnärzte gestern die lange Haltbarkeit von Amalgam. Die Gesellschaft für Schwermetall-Toxikologie mit Sitz in Berlin setzt sich für eine amalgamfreie Zahnbehandlung ein. Sprecher Florian Schulze erklärt im SZ-Gespräch, warum.

Herr Schulze, Amalgam soll heute verträglicher sein, weil es nur noch drei Prozent Quecksilber enthält.

Das stimmt so nicht. Eine Amalgam-Füllung besteht zur Hälfte aus Quecksilber und zur Hälfte aus einem Metallpulver. Allein das Metallpulver enthält drei Prozent Quecksilber. Beide Komponenten werden in der Praxis heute in geschlossenen Systemen vermischt. Früher waren Ärzte und Praxismitarbeiter größeren Gefahren ausgesetzt. Trotzdem ist Quecksilber laut Weltgesundheitsorganisation eine der zehn gefährlichsten Substanzen für den Menschen. Die Belastung durch Quecksilber ist vor allem in der Umwelt stark angestiegen, weshalb die Minamata-Konvention vorgesehen hat, auch quecksilberhaltige Produkte, die gleichwertig ersetzt werden können, zu verbieten.

Sollten also alte Amalgamfüllungen entfernt werden?

Es kommt auf den individuellen Fall an. Amalgamfüllungen können korrodieren, insbesondere, wenn sie nicht gut poliert sind, was auch in der Praxis häufig vorkommt. Amalgam kann erst zwei Stunden nach der Behandlung poliert werden, der Patient müsste also ein zweites Mal erscheinen. Oft steigt die Korrosion durch Abnutzung auch erst nach fünf bis zehn Jahren an. Durch Abrieb und Verdampfung wird dann Quecksilber vom Speichel aufgenommen oder gelangt direkt über die Lunge ins Blut. Von Personen mit einer guten körpereigenen Entgiftung kann es zwar teilweise wieder ausgeschieden werden, ein Teil wird jedoch im Körper gespeichert. Eine Amalgamentfernung muss unter Einhaltung von Sicherheitsstandards erfolgen, um das Einatmen von Quecksilberdämpfen beim Bohren zu verhindern.

Wie wird Amalgam sicher entfernt?

Wichtig ist, dass der Patient vor dem Einatmen und Verschlucken der Bohrstäube geschützt wird. Dafür wird ein sogenannter Kofferdam verwendet - das ist eine Gummimanschette, die den Zahn fest umschließt - und es gibt einen Saugeraufsatz der direkt über den Zahn gestülpt werden kann (Clean Up System). Gebohrt wird mit niedriger Drehzahl und speziellen Hartmetallfräsen, um die Dampfentwicklung zu reduzieren. Auch die Unterfüllung ist zu entfernen, da diese sich mit Quecksilber anreichert.

Sind Kunststoffe Ihrer Meinung nach sicherer als Amalgam?

Abgesehen von einem gewissen Allergiepotential, bedingt durch den Anteil der Kunststoffe, haben Komposit-Füllungen kaum toxische Bestandteile und sind daher sicherer als Amalgam. Bei guter Verarbeitung haben sie eine eben so gute Härteeigenschaft und hohe Lebensdauer. Komposite bestehen zu ca. 80% aus Glas-, Keramik- oder Quarzteilchen, die mit einem Bindemittel aus Kunststoff verbunden werden. Als Ausgangsstoff kann das Bindemittel Bisphenol A enthalten, dem hormonähnliche Wirkungen nachgesagt wird. Es soll mit Licht gut aushärten, damit die Kunststoffe nicht weiter freigesetzt werden können. Allerdings ist der alltägliche Kontakt des Menschen mit Kunststoffen in Trinkflaschen und ähnlichem als wesentlich kritischer einzuschätzen. Mittlerweile gibt es aber auch Bisphenol A-freie Komposite.

Aber die sind doch teurer als Amalgam?

Die Verarbeitung mehrschichtiger Komposite ist deutlich aufwendiger und daher teurer, aber es gibt mittlerweile auch sogenannte Bulkfills. Sie haben meist einen niedrigeren Anteil an Füllmaterial, wodurch sie Transparenter sind und das Blaulicht zum Aushärten tiefer eindringen kann. So können Schichtdicken bis zu vier Millimeter gehärtet werden. Das reduziert den Aufwand und macht die Füllung vergleichbar günstig wie Amalgam. Um die Haltbarkeit zu erhöhen wird dann zum Teil noch eine Schutzschicht hinzugefügt, aber es gibt mittlerweile auch Bulkfill, die durch neue Technologien einen hohen Härtegrad erreichen.

Und warum setzt sie dann nicht jeder Zahnarzt schon ein?

Die meisten Zahnärzte in Deutschland verwenden bereits seit Jahrzehnten alternative Füllungsmaterialien, sodass die Verwendung von Amalgam mittlerweile auf unter 10 % gesunken ist. Komposite haben sich bewährt, aber auch Bulkfills sind eine kostengünstige mittelfristigen Alternative zu Amalgam-Füllungen geworden, auch wenn diese Materialien noch Verbesserungspotential haben. Es hat sich in anderen Ländern wie Schweden gezeigt, dass heutzutage eine gute Zahnversorgung ohne Amalgam gewährleistet werden kann.

Das Interview führte Stephanie Wesely.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. PS

    "Gesellschaft für Schwermetall-Toxikologie"? Das ist doch nur ein Hobby-Verein! Die haben ja nicht mal eine Homepage, nur eine Facebook-Seite! Und das ist für die SZ ein seriöser Gesprächspartner? Wie wäre es, mal Fachleute zu fragen?

  2. Oswin

    Solcher Unsinn! Vorrangig sollen die Taschen der Zahnärzte gefüllt werden. Und hier nicht mit Amalgam sondern mit Plastegelumpe. Und dann werden auch noch Spezialbohrer und Koffermanschetten hergestellt und weiterer Unfug.

  3. Susann

    Amalgamfüllung raus ist relativ schnell gemacht, aber es gibt im Seitenzahngebiet keinen haltbaren Ersatzfüllstoff, den die Krankenkasse bezahlt. Alle Kunststofffüllungen im Seitenzahngebiet sind nämlich Privatleistungen. Das sollte bei diesem Artikel auch noch erwähnt werden. Und, der Halt der Kunststofffüllungen ist bei weitem nicht so langfristig wie bei dem immer noch bewährten Amalgam, vor allem wenn es sich um grossflächige Füllungen handelt.

Alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein