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Donnerstag, 05.10.2017

Keine Chipkarte – keine Behandlung

Phebe wurde mit Hüftschaden geboren. Eine Geschichte über Bürokratie und folgenschwere Missverständnisse.

Von Stephanie Wesely

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Sie kann wieder lachen: Phebe aus Chemnitz bekommt die Schiene los. Auch ihre Mutter hat den Ärger fast vergessen.
Sie kann wieder lachen: Phebe aus Chemnitz bekommt die Schiene los. Auch ihre Mutter hat den Ärger fast vergessen.

© Andreas Seidel

Phebe David ist drei Monate alt. Sie strampelt gern und ausgiebig. Jetzt kann es die Kleine auch wieder genießen, denn die Hüftschiene, die ihr bei der Entlassung aus der Klinik angelegt worden war, schränkte die Bewegungsfreiheit ein. „Häufig werden solche Reifestörungen oder andere Hüftschäden erst bei der Vorsorgeuntersuchung U3 nach vier bis fünf Wochen erkannt. Manchmal aber auch nicht, dann bemerken Arzt und Eltern das erst, wenn das Kind läuft“, sagt Professor Michael Wagner, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Kinderorthopädie am Zeisigwaldklinikum Bethanien Chemnitz. In einigen Kliniken sei es deshalb usus, dass ein Kinderorthopäde die Babys bereits bei der Entlassung aus der Klinik untersucht. Die Frauenklinik Chemnitz gehöre dazu. „Je früher die Reifestörung behandelt wird, umso kürzer ist die Behandlungsdauer. Auch die Gefahr von bleibenden Schäden ist so viel geringer, aber dranbleiben müsse man schon“, sagt Professor Wagner.

Eigentlich ein Glücksfall für die Eltern von Phebe, dass die Kleine schon wenige Tage nach der Geburt behandelt werden konnte. Doch mit der Entlassung aus der Klinik begann für sie der Ärger.

Der Fall

Da Neugeborene sehr schnell wachsen, muss die Schiene häufig nachgestellt werden. Mutter Katrin Steuer sollte deshalb möglichst zwei Wochen nach der Entlassung aus der Klinik zu einem ambulanten Orthopäden gehen. Sie vereinbarte telefonisch einen Termin in einer Praxis in Chemnitz-Röhrsdorf und fieberte diesem Termin regelrecht entgegen, weil die Halterung der Schiene an Phebes Hals scheuerte. Die Kleine war unruhig, weinte viel und forderte ihre ganze Aufmerksamkeit, wie sie sagt. Deshalb habe sie es nicht geschafft, ihr Kind sofort bei der Krankenkasse anzumelden. Nach der Geburt fehlte ihr auch noch etwas die Kraft.

So ging sie ohne Versichertenkarte für das Kind zum Arzt. Doch weiter als bis zur Anmeldung kam sie nicht, denn ohne Karte keine Behandlung, wurde ihr mitgeteilt. „Die Schwester in der Anmeldung riet mir, am Nachmittag nochmals zu kommen und mir zuvor einen Behandlungsschein von der Krankenkasse zu holen. Das tat ich auch“, sagt Katrin Steuer.

Bei der Krankenkasse konnte auf dem Behandlungsschein aber noch keine Versichertennummer für das Kind eingetragen werden, obwohl die Mutter ihr Kind bei dieser Gelegenheit gleich angemeldet hatte. Die Vergabe der Versichertennummer erfolge zentral, darauf habe die Krankenkasse keinen Einfluss, war die Erklärung der Kasse. „Ich wusste nicht, dass das so kompliziert ist. Bei meinem Sohn reichte für den ersten Arztbesuch sogar meine Versichertenkarte. Die Kinder sind doch ohnehin familienversichert“, sagt sie.

Der Behandlungsschein ohne Versichertennummer nutzte ihr nichts. Sie wurde wieder abgewiesen. Denn ohne Nummer können Leistungen nicht abgerechnet werden. „Ich war fassungslos und am Ende. Ich wollte, dass endlich diese scheuernde Schiene neu eingestellt wird“, so die Mutter. Vor der Praxis habe sie ihre Hebamme angerufen. Sie riet ihr, sich vom Arzt persönlich begründen zu lassen, warum er ein Neugeborenes nicht behandelt.

Katrin Steuer tat, was ihr geraten wurde, ging zurück in die Praxis und verlangte nach dem Arzt. Während sie auf ihn wartete, rief die Schwester bei der Krankenkasse an und fragte, wie sie mit der Patientin verfahren soll. Die Auskunft sei gewesen: „Das Kind ist nicht bei der DAK-Gesundheit gemeldet.“ Von einer Behandlung habe die Kasse daher abgeraten. Katrin Steuer hätte die Behandlung auch privat bezahlt, wie sie sagt, doch auch damit kam sie nicht weiter. „Mir liefen die Tränen wegen der ganzen Unannehmlichkeiten“, sagt sie rückblickend. Sie habe deshalb der Schwester gesagt, dass sie es unmenschlich finde, ein Neugeborenes wegzuschicken, und dass sie sich darüber bei der Kassenärztlichen Vereinigung beschweren werde. Dies wurde wohl als Drohung verstanden. Sogar polizeiliche Maßnahmen wurden angekündigt, wenn sie nochmals in die Praxis käme. Phebes Vater versuchte später, die Wogen zu glätten, doch auch er war erfolglos.

Das sagt der Arzt

„Das Kind war etwa drei Wochen alt. Bis zur U3-Untersuchung hatten die Eltern noch zwei Wochen Zeit, sich in der Kasse anzumelden und mit Versichertenkarte oder vollständigem Behandlungsschein wiederzukommen“, so Christian Laube, Facharzt für Orthopädie aus Chemnitz-Röhrsdorf. Wie es die Mutter des Babys schon sagte, hätte seine Angestellte bei der Krankenkasse DAK-Gesundheit angerufen und gebeten, einen Behandlungsschein mit Versicherungsnummer zu faxen. „Nachdem das nicht möglich war, habe ich die Behandlung abgelehnt, denn es liegt nicht an mir, dass das Kind nicht angemeldet ist. Das Vertrauensverhältnis habe ich als gestört betrachtet.“

Katrin Steuer kann sich nicht erklären, wieso der Arzt von einer U3-Untersuchung, also einer Vorsorgemaßnahme, ausging. In ihrem Untersuchungsheft ist die Behandlung des Kindes mit einer Hüftschiene dokumentiert, auch die Empfehlung, die Schiene alle zwei Wochen nachstellen zu lassen. „Ob die Angestellte in der Arztpraxis das nicht richtig weitergegeben hat oder der Arzt automatisch von einer U3-Untersuchung ausging, wenn eine Mutter mit Baby kommt, kann ich nicht sagen. Hier ist wohl was gehörig schiefgelaufen“, sagt sie.

Das sagt die Krankenkasse

„Von einem Anruf des Arztes beziehungsweise der Praxismitarbeiter ist in der Versichertenakte nichts dokumentiert“, sagt Stefan Poetig, Sprecher der DAK-Gesundheit. Aus der Akte gehe lediglich hervor, dass die U3-Untersuchung wegen eines gestörten Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patientin abgelehnt worden sei. „Dazu hat ein Arzt laut Bundesmantelvertrag auch das Recht“, sagt Poetig. Die fehlende Versichertenkarte sei nicht der Grund gewesen, da zu Beginn des Abrechnungsquartals noch genug Zeit gewesen wäre, die Karte nachzureichen. Dennoch empfiehlt der Kassensprecher, Kinder möglichst rasch nach der Geburt bei der Krankenkasse anzumelden. Der Druck der elektronischen Gesundheitskarte dauere sieben bis zehn Tage.

Das sagt der Kassenarztverband

„Legt der Patient weder eine gültige elektronische Gesundheitskarte noch einen Anspruchsnachweis vor, kann der Arzt nach Ablauf von zehn Tagen eine Privatvergütung verlangen. Hiervon ausgenommen sind Notfallbehandlungen“, sagt Katharina Bachmann-Bux, Sprecherin der Dresdner Landesgeschäftsstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. „Im vorliegenden Fall hätte die Behandlung mit dem Versicherungsnachweis des Kindes erfolgen müssen. Bei Neugeborenen ist das auch ohne Krankenversichertennummer als Ausnahme möglich.“

Fazit

Die fehlende Versichertenkarte wird im Nachgang nicht mehr als Grund für die abgelehnte Behandlung genannt, war aber wohl der Anlass dafür, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patientin Schaden nahm. Auch die Kommunikation wies hier offensichtlich einige Mängel auf: So sind sich Kasse und Arztpraxis uneins, wer nun bei wem angerufen hat. Das lässt sich heute nicht mehr klären. Außerdem gingen Arzt und Kasse von einer Vorsorgeuntersuchung aus, obwohl es eine verordnete Behandlung war, die im Untersuchungsheft des Kindes sogar dokumentiert ist.

Die Mutter war genervt und enttäuscht, sah die Weiterbehandlung ihres Kindes gefährdet. Das ist nachvollziehbar. Ärzte und Praxismitarbeiter sollten auch mit solchen Situationen professionell umgehen können. Das Vertrauensverhältnis sollte darunter nicht leiden.

Katrin Steuer suchte sich eine andere orthopädische Praxis für ihr Baby. Sie sei dort problemlos drangekommen, wie sie sagt, auch ohne die leidige Versicherungsnummer. Das Zuschicken der Gesundheitskarte habe bei ihr jedoch vier Wochen gedauert, nicht nur eine. „Also selbst, wenn ich mein Kind sofort nach der Geburt angemeldet hätte, wäre die Karte bis zum ersten Arztbesuch noch nicht da gewesen.“

In Sachsen kommt nahezu jedes zwölfte Neugeborene mit einer Hüftreifungsstörung zur Welt. „In den meisten Fällen genügten das breite Wickeln der Kinder oder das Anlegen von Schienen oder Gurten, um den Hüftkopf in der Gelenkpfanne zu halten“, sagt Professor Michael Wagner. Operationen seien nur ganz selten nötig.

Haben Sie Ärger oder Probleme mit Behörden, Firmen oder Dienstleistern erlebt, die auch für andere von Interesse sein könnten? Dann schildern Sie kurz Ihren Fall. E-Mail: info@redaktion-nutzwerk.de; Post: Redaktion Nutzwerk, Ostra-Allee 20, 01067 Dresden.

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Klaus

    Wenn die Mutter keine Zeit hatte, das Kind bei der Kasse anzumelden, warum hat das der Vater nicht getan? Für mich klingt der Artikel nach "Ich suche die Schuld für mein eigenes Versäumnis bei anderen".

  2. ph

    @1 Man hat in den ersten Wochen mit Baby ziemlich viel Papierkram. Wenn dann das Kind noch weinerlich ist und die Mutter - im Wochenbett - noch nicht ganz fit, haben auch Väter gut zu tun und können mal etwas vergessen. Zudem benötigt man zur Anmeldung bei der Krankenkasse die Geburtsturkunde - die gibt es in der Regel auch nicht sofort. Bei uns hat dies fast einen Monat gedauert, auf meine Nachfrage bei der AOK, was ich tun solle, wenn das Kind krank ist, erhielt ich die Antwort, dass ich zur Behandlung meine Karte vorlegen müsse und eine entsprechende Verrechnung erfolge. Dass eine Wöchnerin emotional schnell aus der Ruhe gebracht werden kann, sollte Arzt und Sprechstundenhilfe klar sein. Eine derartige Meinungsverschiedenheiten gleich als Vertrauensbruch zu deklarieren, finde ich zünisch. Gleichzeitig wünscht man sich als Eltern einfach eine Weiterbehandlung im Krankenhaus oder beim Kinderarzt, damit solche Erlebnisse im Wochenbett ausbleiben.

  3. RL

    Ich kann es nachvollziehen, dass man nicht sofort zur Krankenkasse geht. Dieses Verhalten der Praxen kenne ich zu gut. Oftmals sind die Ärzte Unwissens, was in der Anmeldung passiert. Die Arzthelferinnen wollen den Arzt mit so was nicht stören und am liebsten solle alles nach Standart (Karte zeigen) ablaufen. Ärzte aber sind oft hilfsbereiter als man denkt, sind aber in den teilweise schlechten Rahmenbedingungen gefangen.

  4. Anny

    Herr Laube, sollte sich was schämen und sich an seinen hippokratischen Eid erinnern. Er scheint ein Arzt zu sein dem menschliches Leid sehr egal ist und er wahrscheinlich in keiner Notlage helfen würde. Ich hoffe viele seiner Patienten lesen dies und wechseln die Praxis.

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