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Samstag, 10.02.2018

Immer mehr Lebensmittel werden zurückgerufen

Der Kunde erfährt von gefährlichen Produkten im Supermarkt oft zu spät oder gar nicht, kritisiert Foodwatch.

Allein 2017 wurden auf dem Portal lebensmittelwarnung.de 161 gefährliche Produkte gemeldet.
Allein 2017 wurden auf dem Portal lebensmittelwarnung.de 161 gefährliche Produkte gemeldet.

© dpa

Scherben in Döbelner Bockwurst oder krank machende Bakterien im Käse – immer häufiger warnt das staatliche Internetportal lebensmittelwarnung.de Konsumenten vor unsicheren Lebensmitteln. Allein 2017 haben Bund und Länder auf dieser Internetseite 161 gefährliche Produkte gemeldet, die zurückgerufen wurden. Das sind doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Doch viele Lebensmittelwarnungen kommen zu spät oder gar nicht, kritisiert Lena Blanken von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Sie hat mit der Studie „Um Rückruf wird gebeten“ die Warnungen auf dem Portal ausgewertet. Fazit: „Als zentrale Informationsplattform für Verbraucher ist lebensmittelwarnung.de gescheitert“.

Frau Blanken, weswegen rufen Unternehmen ihre Produkte zurück?

Am häufigsten wegen mikrobiologischen Verunreinigungen, weil beispielsweise Salmonellen im Ei und auf Nüssen oder Listerien im Käse gelandet sind. Das sind keine Lappalien! Ältere Menschen, Kinder und Schwangere können davon sehr krank werden, sogar sterben. Der zweithäufigste Grund für einen Rückruf sind Fremdkörper im Essen. Das ist nicht minder gefährlich. 2017 kamen etwa Glasscherben im Sauerkirschenglas von Kaufland oder Kunststoffteile im Linseneintopf von dm vor. Auch Metallteile werden immer wieder gefunden. Außerdem können falsche und fehlerhafte Kennzeichnungen einen Rückruf auslösen, etwa wenn der Hersteller auf der Verpackung des Produkts die darin enthaltenen Allergene nicht nennt.

Werden alle gefährlichen Lebensmittel im Handel gemeldet und aus dem Ladenregal genommen?

Nein. Wir sind trotz des Warnportals nicht zu 100 Prozent vor gefährlichen Lebensmitteln geschützt. Denn die Dunkelziffer ist vermutlich viel höher. Das wissen wir aus Gesprächen mit Branchenexperten und Kontrollbehörden. Es kommt vor, dass sich ein Lebensmittelunternehmen gegen einen öffentlichen Rückruf entscheidet – selbst wenn es ein problematisches Lebensmittel in den Handel gebracht hat.

Darf ein Unternehmen das?

Der Gesetzgeber hat es zumindest nicht verhindert. Für die Rücknahme eines gefährlichen Produkts sind die Unternehmen verantwortlich. Sie beurteilen und entscheiden weitestgehend allein, ob ein gesundheitliches Risiko vorliegt und ein Rückruf angemessen und erforderlich ist. In die Überlegungen fließt beispielsweise ein, ob das Produkt oft verkauft wird oder ob Alte oder Kinder es essen. Wenn ein Unternehmer dann meint, die in der Wurst gefundenen Salmonellen schaden niemanden, dann kann er sich auch gegen einen öffentlichen Rückruf entscheiden.

Können die Kontrollbehörden nichts machen?

Ja und nein. Fakt ist: Sie sind nur sekundär für einen Rückruf verantwortlich. Das Unternehmen muss melden. Behörden informieren in der Regel auch nur, wenn sie glauben, dass das Lebensmittel die Gesundheit der Verbraucher gefährdet. Hinzu kommt, dass Mitarbeiter etwa des Veterinäramts Dresden ja erst mal erfahren müssen, dass ein riskantes Produkt im Umlauf ist! Dann können sie das Unternehmen zwar auffordern und zwingen, einen Rückruf zu starten. Das passiert aber äußerst selten. Viele Behörden haben leider viel zu viel Angst, von der Firma wegen Geschäftsschädigung verklagt zu werden. Ihnen fehlen oftmals die Rechtssicherheit und die klare Vorgabe, im Zweifelsfall einzugreifen. Das muss sich ändern.

Wie funktioniert ein öffentlicher Rückruf überhaupt?

Nehmen wir als Beispiel eine Molkerei in Sachsen. Findet diese über ihre Eigenkontrolle gefährliche Bakterien im Joghurt, meldet sie das den Läden, die sie beliefert, damit die das Regal räumen. Und sie meldet es der lokalen Kontrollbehörde, dem Veterinäramt. Das Amt gibt die Warnung an die Landesbehörde in Sachsen weiter – und diese stellt die Warnung aufs Portal.

Wie schnell geschieht das?

Viel zu langsam. Jede zweite Meldung erscheint auf dem Portal erst einen Tag bis mehrere Tage, nachdem das Unternehmen den Rückruf gestartet hat. Bis dahin habe ich als Käufer das belastete oder unsichere Produkt vielleicht längst gegessen! Verbraucher erfahren von der Warnung auch nur, wenn sie auf die Seite des Portals schauen. Das macht aber kaum jemand. Die Seite kennt kein Mensch! Und selbst wer draufschaut hat Probleme: Die Seite ist viel zu unübersichtlich, und die Warnhinweise sind lückenhaft.

Die Lebensmittelunternehmen können sich ja auch direkt an die Öffentlichkeit wenden. Machen sie das?

Das ist unterschiedlich. Gerade große Firmen sind heute darauf eingestellt, ihre Kunden schnell zu informieren. Üblicherweise wird die Presse informiert. Weitere Informationskanäle wie soziale Medien oder Newsletter werden aber praktisch nie genutzt. Manche Betriebe versuchen auch, einen Rückruf zu verhindern. Oder sie formulieren ihn schwammig und verharmlosen die Gesundheitsgefahr. Ein Käsehersteller etwa warnte nur auf Englisch. Aber es gibt auch vorbildliche Unternehmen.

Schreckt ein Rückruf Käufer nicht ab?

Nein. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn ein Unternehmen sagt, hier ist uns etwas passiert und zeigt, dass es alles unternimmt, um das gefährliche Produkt aus dem Verkehr zu ziehen, dann verzeiht der Kunde ihm den Vorfall. Er verzeiht es dem Unternehmen aber nicht, wenn Infos zurückgehalten werden oder nur kleckerweise fließen. Das hat die Branche erkannt und die Scheu vor Rückrufen etwas verloren. Vielleicht hat sich deswegen die Zahl der Warnungen in den zurückliegenden fünf Jahren verdoppelt. Vielleicht aber auch, weil mehr passiert. Wir wissen es nicht.

Was fordert Foodwatch?

Wir wollen, dass Lebensmittelwarnungen alle Verbraucher ohne Verzug erreichen. Kommt es zu einem Rückruf, muss der Hersteller alle ihm zur Verfügung stehenden Informationskanäle wie Presse, Website, Facebook und Twitter nutzen, um vor dem Verzehr zu warnen. Darüber hinaus muss das Portal lebensmittelwarnung.de schneller und übersichtlicher werden. Bund und Länder haben 2011, beim Start des Portals, einen E-Mail-Newsletterservice versprochen. Den gibt es bis heute nicht. Wir fordern zudem, dass der Gesetzgeber klar regelt, wann ein Rückruf zwingend ist und dass Kontrolleure mehr eingreifen können.

Und die Supermärkte?

Der Handel muss stärker in die Pflicht genommen werden. Die Supermärkte haben direkten Kontakt zu Verbrauchern. Sie informieren aber zu oft entweder gar nicht oder nur unzureichend über Rückrufe.

Sie wollen einen Warnhinweis am Ladenregal oder an der Theke?

Ja. Es reicht nicht, dass Aldi & Co. ein gefährliches Produkt nur aus dem Sortiment nehmen. Der Warnhinweis muss gut sichtbar in den Filialen ausgehangen werden, und zwar nicht nur an einem zentralen Ort im Markt, sondern direkt am Regal.

Auch wenn das gefährliche Produkt dort gar nicht mehr steht?

Ja. Denn es ist ja gut möglich, dass ich das gefährliche Produkt schon eine Woche vor dem Rückruf gekauft habe. Das muss und will ich als Verbraucher wissen!

Interview: Martina Hahn

Zur Person: Lena Blanken (32) ist Volkswirtin und arbeitet seit fünf Jahren als Campaignerin bei der Organisation Foodwatch.

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