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Donnerstag, 17.01.2013

Im Supermarkt wird weiter getäuscht

Lebensmittelklarheit.de heißt das Portal, in dem sich Kunden über Mogelpackungen oder falsche Etiketten beschweren können. Doch viele Hersteller ignorieren die Hinweise der Verbraucher.

Von Wolfgang Mulke

Große Auswahl, wenig Transparenz: Bei den meisten verarbeiteten Lebensmittel erfährt der Kunde nicht, was drin steckt.Foto: dpa/Julian Stratenschulte
Große Auswahl, wenig Transparenz: Bei den meisten verarbeiteten Lebensmittel erfährt der Kunde nicht, was drin steckt.Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Das Internetportal Lebensmittelklarheit.de hat sich zur Anlaufstelle getäuschter Käufer entwickelt. Seitdem es vor 18 Monaten freigeschaltet wurde, meldeten Verbraucher dort 6 600 Produkte, durch deren Aufmachung und Kennzeichnung sie sich getäuscht fühlten.

Angesichts der 160 000 Produkte der Nahrungsmittelindustrie, die Kunden in den Supermärkten und Discountern finden, ist dieser Anteil zwar gering. Dennoch sieht der Bundesverband der Verbraucherzentralen weiterhin Regelungsbedarf. „Wir brauchen ein Klarheitsgebot bei der Kennzeichnung von Fleisch und Wurst“, fordert Vorstand Gerd Billen. Typische Fälle sprechen dafür. Kalbs- oder Geflügelwurst enthält oft auch anderes Fleisch. Getrickst wird außerdem bei den Bildern auf der Verpackung: Wo frische Früchte auf dem Etikett gezeigt werden, ist mitunter nur Fruchtaroma drin. Auch hier verlangt Billen mehr verordnete Ehrlichkeit – und fordert ein Ende des „Versteckspiels um Zutaten“. Er sprach sich für drei einfache Regeln am Lebensmittelmarkt aus: „Was drin ist, muss draufstehen. Was draufsteht, muss drin sein. Und was draufsteht, muss verständlich sein.“

Mitunter reagiert die Wirtschaft auch auf die Kritik. Jede dritte Meldung führte zu einer Verbesserung bei der Aufmachung, so Billen. Doch das ist der Berliner Organisation Foodwatch viel zu wenig. „Ohne glasklare gesetzliche Vorschriften wird die Lebensmittelindustrie nicht aufhören, die Verbraucher nach Strich und Faden zu belügen“, kritisiert Oliver Huizinga die Hersteller von Lebensmitteln. Er fordert die Bundesregierung auf, sich international für verständliche Angaben auf der Verpackung einzusetzen.

Verbandschef Billen verlangt zudem verbindliche Label für die Regionalität und den Tierschutz. Die Bundesregierung hat aber einen anderen Weg eingeschlagen. Verbraucher können beim Einkauf im Supermarkt oder Discounter künftig schnell erkennen, ob das Fleisch aus artgerechter Tierhaltung stammt. Der Deutsche Tierschutzbund hat das Gütesiegel „Tierschutzlabel“ entwickelt, das zunächst die Haltung von Schweinen und Hühnern kennzeichnet.

Ein Sternchen steht für eine etwas bessere Haltung der Tiere, zwei für einen artgerechten Umgang damit. „Mit dem Tierschutzlabel wird sofort Millionen von Tieren geholfen“, glaubt der Präsident des Tierschutzbundes, Thomas Schröder. Zum Start nehmen Betriebe mit neun Millionen Hühnern und 20 000 Schweinen teil. Das ist zum Beispiel an den insgesamt 110 Millionen Hähnchen in Deutschland noch wenig. „Jetzt ist die Frage, ob der Verbraucher mitmacht“, sagt Schröder.

Theoretisch ist das der Fall, ergab eine Umfrage des Bundesverbraucherministeriums: Demnach gaben neun von zehn Befragten an, dass ihnen eine artgerechte Haltung beim Fleisch wichtig ist. An zweiter Stelle steht die regionale Herkunft, auf die zwei Drittel der Verbraucher Wert legen. Der Preis des Fleisches ist erst das drittwichtigste Kriterium beim Kauf von Würsten und Steaks. „Immer mehr Verbraucher wollen höhere Standards und mehr Informationen über Lebensmittel“, sagt Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU), die die Entwicklung des Siegels finanziert hat.

Das Label ist allerdings umstritten. Biobauern halten es für irreführend. „Es gibt nur einen Weg der artgerechten Haltung“, betonte Jan Plagge vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft gestern. Die Tiere müssten in Kontakt mit Luft und Sonne kommen sowie Auslaufplatz haben. Dieses Kriterium sieht die erste Stufe des Siegels nicht vor. Nur bei zwei Sternchen ist die artgerechte Haltung gewährleistet.

Eine strengere Definition und Kennzeichnung regionaler Lebensmittel fordert auch der Bundesverband der Regionalbewegungen. Derzeit gebe es keine einheitlichen Mindeststandards, die etwa sowohl die Herkunft der Rohstoffe als auch den Ort der Verarbeitung einschlössen. Auf dem Markt seien vielmehr viele „Mogelpackungen“ – darunter etwa Orangensaft, der als regionales Produkt aus Bayern vermarktet werde. (mit dapd)

www.lebensmittelklarheit.de

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