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Hüpfen, bis der Arzt kommt

Trampoline sind beliebt, aber gefährlich. Die Unfallchirurgen in Sachsens Notfallaufnahmen schlagen Alarm.

25.09.2017
Von Susanne Plecher

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Hoch und höher: Johann und Kurt, beide acht Jahre alt, lieben das Toben auf dem Sprungtuch.

© kairospress

Mit Schwung schnellt Kurt in die Höhe, zieht die Beine an, landet wieder und springt noch ein Stück höher. Sein Freund Johann steht ungeduldig am Rand des Trampolins. Er will dringend sein neuestes Kunststückchen zeigen: die Knie beim Sprung bis an die Ohren zu ziehen. „Das ist schwierig. Ich musste lange dafür üben“, sagt er. Die beiden achtjährigen Dresdner lieben es, sich auf dem Trampolin auszupowern. Aufeinander Rücksicht zu nehmen, klappt dabei oft, aber nicht immer. Wirklich wehgetan haben sie sich beim Hüpfen noch nie. Ein Glücksfall, muss man fast sagen.

Trampoline gibt es inzwischen in vielen privaten Gärten, und proportional zu ihrer Zahl ist auch die der Unfälle gestiegen. Nun schlagen Orthopäden und Unfallchirurgen Alarm. Denn Kinder erreichen bei ihren zum Teil meterhohen Sprüngen Sprunggeschwindigkeiten, bei denen sie schnell die Kontrolle über ihren Körper verlieren und hinfallen können. Am gefährlichsten sind Stürze auf den Boden, gefolgt vom Trampolinrand und den Stahlfedern – und den Zusammenstößen mit anderen Kindern. Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) weist nach, dass sich Trampolinunfälle bei Kindern seit der Jahrtausendwende mehr als verdreifacht haben. Rund 28 Prozent verletzen sich dabei schwer. Gehirnerschütterungen, Knochenbrüche, Prellungen und Platzwunden sind in der frostfreien Jahreszeit an der Tagesordnung.

„Wir versorgen jeden Abend in den Sommermonaten in einer Stadt wie Dresden ein bis zwei Kinder, die einen Trampolinunfall hatten. Das ist beträchtlich“, sagt Professor Guido Fitze. Er leitet die Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie am Uniklinikum Dresden. Wer dort eingewiesen wird, hat sich ernsthaft verletzt: Brüche des Handgelenks oder des Unterarms, des Unterschenkels oder Schädel-Hirn-Traumata. Neulich hatte sich ein Vierjähriger eine Oberschenkelschaftfraktur zugezogen. Den Gips trägt er im ungünstigsten Fall zwölf Wochen.

Besonders häufig versorgen Fitze und seine Kollegen aber einen ganz speziellen Knochenbruch, der mit der Trendsportart deutlich zugenommen hat. Die Kinder brechen sich das Schienbein unmittelbar unterhalb des Kniegelenkes. Vermutlich handelt es sich dabei um Stauchungsfrakturen, die zustande kommen, wenn kleine Kinder entgegen dem Rhythmus des Sprungtuches aufkommen.

Instabile Gelenke

„Wir wünschen uns als Mediziner natürlich, dass sich die Kinder sportlich betätigen und aktiv sind“, meint der Chirurg. Aber beim Trampolin sei Vorsicht geboten. Besonders verletzungsgefährdet sind kleinere Kinder. „Das liegt an ihren noch unzureichend ausgebildeten koordinativen und motorischen Fähigkeiten. Zudem sind ihre Gelenke äußerst instabil“, sagt Peter Schmittenbecher von der DGOU. Orthopäden raten deshalb davon ab, Kinder unter sechs Jahren überhaupt auf das Sprunggerät zu lassen. Doch wann ist ein Kind reif für das Trampolin?

Reinhard Weber, Referent für Gesundheitssport beim Sächsischen Turn-Verband, kennt einen einfachen Test: „Das Kind sollte problemlos einbeinig hüpfen können.“ Zudem müsse es in der Lage sein, sich steif zu machen und damit Körper und Gelenke zu stabilisieren. „Das lässt sich gut mit der Übung ,Toter Mann' trainieren. Dafür stehen die Kinder im Kreis und bewegen ein Kind in der Mitte wie einen Baum im Wind hin und her“, erklärt er. Generell rät der Sportmediziner dazu, die Kinder mittels einfacher Übungen mit der Sprungmatte vertraut zu machen und sie im Vierfüßlerstand, in Bauch- oder Rückenlage liegend oder sitzend damit in ersten Kontakt zu bringen. „Sie sollten erst einmal wippen, ohne dass die Füße das Sprungtuch verlassen. Ziel muss sein, den Körper unter Kontrolle zu haben“, sagt er. Das gelte auch für Erwachsene.

Nicht auf dem Trampolin zu essen, mittig und barfuß zu springen – das sind Regeln, an die auch Johann und Kurt sich halten. „Das Trampolin ist für uns ein Segen. Seit wir es haben, gehen die Kinder wieder freiwillig an die frische Luft“, sagt Johanns Mutter, Anne Rygol. Der Springspaß hat noch andere Vorzüge. Er stärkt Muskulatur und Ausdauer – und bietet Anreiz, eine bestimmte Übung so lange zu trainieren, bis sie klappt. „Das ist ein guter Ausgleich zum bewegungsarmen Alltag“, sagt Bernd Kladny vom DGOU. Trotzdem: Das Trampolin sei ein Sport- und kein Spielgerät. Eltern sollten ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt lassen. „Wir Ärzte in den Notaufnahmen haben häufiger den Gedanken, dass manche Unfälle hätten verhindert werden können, wenn die Eltern besser aufgepasst hätten“, sagt Professor Fitze.

Sprödes Material

Aufpassen ist die eine Sache, für ein sicheres Sprunggerät zu sorgen die andere. Denn häufig stehen Trampoline das ganze Jahr über draußen. UV-Strahlen und Witterung setzen den Materialien zu. „Viele Unfälle passieren, weil Außennetze versprödet sind oder fehlen“, sagt Rolf Ohlsen, der das Spielzeuglabor des Tüv Rheinland leitet. Er rät zur Daumenprobe: Das Netz darf bei Daumendruck nicht reißen. Trampolinbesitzer sollten immer wieder den Zustand des Sicherheitsnetzes, der Sprungmatte und der Polsterung überprüfen, vor allem vor jeder Hüpfsaison.

Inzwischen hat Johann seinen neuen Sprung gezeigt und strahlt. Kurt will ihm nacheifern. Und hoch geht es. Und höher.