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Glücklich durch Vitamin N

Ein Paar aus Moritzburg hat die Natur als Kraftquell entdeckt. Ein Ritual hat ihr einst gestresstes Leben verändert.

25.10.2017
Von Susanne Plecher

 durch Vitamin N
Morgenstunde in der Nähe der Moritzburger Teiche. Diese Stimmung mögen Beate und Olaf Hofmann besonders gern. Ihr Hund trägt sie sogar im Namen: Aruna heißt „Morgendämmerung“.

© Thomas Kretschel

Das Herbstlaub raschelt unter den Sohlen. Kalte, klare Luft flutet die Lungen, irgendwo hämmert ein Specht. Die Moritzburger Teiche dampfen im Morgenlicht. Beate und Olaf Hofmann schlagen die Kragen hoch. Ihre Augen strahlen. In diesem Moment ist alles richtig, alles ist gut. Das Leben ist schön und das Leben ist: Jetzt!

Zum Glücklichsein gehört nicht viel. Glück braucht keine Reichtümer, keine ausufernden Reisen, keine übervollen Kleiderschränke. Beate und Olaf Hofmann finden es draußen in der Natur, abseits aller Hektik. Die beiden sind Diakone, und sie sind Experten für Auszeiten – für ganz kurze, die nur einen Spaziergang dauern, genau so wie für lange. Ein ganzes Jahr haben sie in Westkanada verbracht und dafür vieles zurückgelassen, was gemeinhin als anstrebenswert gilt: ein eigenes Haus im Großraum Stuttgart, gut dotierte Jobs. Sie ist damals Landesreferentin in der evangelischen Jugendarbeit, er Dozent. Sie stehen unter Stress und Leistungsdruck, haben nur wenig Zeit für die Kinder, noch weniger für die eigene Beziehung. „Bis 67 hält man das nicht durch. Und die Idee, dass mein Leben, wie ich es mir wünsche, erst anfängt, wenn ich Rentner bin, ist für mich nicht diskutabel“, sagt Olaf Hofmann.

Mit Mitte vierzig ist es Zeit für einen Kassensturz. Sie fragen sich, ob sie so hochtourig weiterleben wollen – und was sie bedauern würden, nicht gelebt zu haben. Ob es die Liebe aushält, wenn jeder beruflich stark eingebunden bleibt. Kanada ist ihre Antwort. Der Preis aber ist hoch, denn eine Rückkehr in die Jobs bleibt ihnen verwehrt. „Das tat weh. Aber die Aussicht, nicht zu gehen und es immerzu zu bereuen, wäre noch schlimmer gewesen“, so Beate Hofmann. Die beiden großen Kinder bleiben in Deutschland zum Studium, die Jüngste nehmen sie mit. Sie spricht noch heute, sieben Jahre nach der Rückkehr, ein akzentfreies kanadisches Englisch. Auch bei Beate und Olaf Hofmann hallt die Erfahrung nach. Dieses eine Jahr hat viel mit ihnen gemacht. Es hat sie einander näher gebracht und gestärkt.

Glück ist eine Lebensentscheidung. Und die Frage: „Willst du glücklich sein?“, ist schlau, weil sie die Aufmerksamkeit nicht auf das Materielle richtet. „Glücklich sind vor allem Menschen, die das Glück bemerken“, wissen Beate und Olaf Hofmann. Sonne blitzt durchs Laub. Atemluft kondensiert vor ihren Mündern. Sie zitieren Ergebnisse der Zwillingsforschung. Das menschliche Glücksempfinden hängt demnach zu 50 Prozent von genetischen Faktoren, zu zehn Prozent von der Umwelt und zu 40 Prozent von den eigenen Verhaltensweisen ab. Ergo: Wer will, der kann.

Und sie wollen. Um sich den Kanada-Effekt nach Hause zu holen, geben sie sich am Silvesterabend 2015 ein Versprechen. Für das neue Jahr nehmen sie sich vor, einmal im Monat draußen zu schlafen, unter freiem Himmel, ohne Hütte, ohne Zelt. Losgehen soll es nicht erst in einer lauen Julinacht, sondern gleich im Januar. „Das Leben ist nicht unendlich. Ich muss mir überlegen, was ich mit meiner kostbaren Zeit mache“, sagt Beate Hofmann rückblickend. „Ich wollte das Leben mehr spüren, wieder ein bisschen wilder sein.“ Die Nächte sollen Micro-Auszeiten aus dem Alltagstrott und den Gewohnheiten werden. Kein Einschlafen vor dem Fernseher, sondern unter dem Sternenhimmel.

Gemeinhin enden viele gute Vorsätze als Makulatur. Dieser nicht. Die beiden Sachsen suchen sich Monat für Monat für eine Nacht einen Schlafplatz in der Natur. Wenn möglich wandern sie hin. Auch, als vom Januar nur noch ein stürmisch-kaltes Wochenende übrig ist und sie ihr erstes Nachtlager im Matsch aufschlagen müssen. Die Überwindung ist riesig, aber Stolz und Glücksempfinden, trotz des miesen Wetters nicht aufzugeben, ein süßer Lohn.

Die großen Fragen des Lebens

Spätestens die Morgenstunden allein in der Natur gleichen die Strapazen aus, sagen sie. „Danach wussten wir, dass wir das machen können“, so Beate Hofmann. „Man zehrt lange von diesen kleinen Fluchten und nimmt Alltägliches mit neuer Intensität wahr. Wissen Sie, wie herrlich nach so einer Nacht frisch gebrühter Kaffee duftet?“

Ausgestattet mit Isomatte, Schlafsack und Stirnlampe suchen sie sich fortan Übernachtungsplätze im Wald, auf einer Insel im Moritzburger Schlossteich, in einer Boofe im Elbsandsteingebirge. „Unsere Nächte draußen haben für viel Gesprächsstoff gesorgt. Sie helfen uns, im Leben stark zu bleiben“, so Olaf Hofmann. Ihre Erlebnisse haben sie in einem Buch aufgeschrieben. „Leben mit tausend Sternen“ ist sein Titel. Die Frage, was dieses Draußen-Schlafen mit dem Stark-Bleiben im Leben zu tun haben soll, hat sich das Paar zum beruflichen und privaten Inhalt gemacht. Als Buchautoren, Redner und Referenten verdienen sie damit ihr Geld. Ihr Thema ist die grüne Resilienz, die wohltuende Wirkung der Natur auf Körper und Geist. Sie bezeichnen sie auch als Vitamin N – wobei das „N“ für „Natur“ steht. Sie verstehen sie als Kraftquelle, die sich zur Stärkung der psychischen Widerstandskraft nutzen lässt. Die Sehnsucht nach ihr treibt viele Menschen um. Bücher mit dem Thema füllen in den Buchhandlungen ganze Regalreihen. Der Wald wird bejubelt und als Therapieraum entdeckt.

Tatsächlich haben Forscher seine positiven Effekte auf Blutdruck, Herzrate und das Stresshormon Cortisol nachgewiesen. Sie sinken schon bei einem kurzen Spaziergang signifikant. Auch auf den Geist hat der Wald eine belebende Wirkung: Er klärt das Denken, ist „ein Scheibenwischer fürs Gehirn“, so Beate Hofmann. Denn beim Wandern stellen sich Gespräche ein, die nichts mit dem alltäglichen Kleinkram zu tun haben, sondern die großen Fragen des Lebens bewegen.

Die Nächte unter freiem Himmel schärfen den Blick für die Schönheit der kleinen Dinge. Und sie schulen das Selbstbewusstsein. „Ich traue mir mehr zu, bin unabhängiger“, sagt Beate Hofmann. Seit ihr Mann und sie wissen, mit wie wenig man auskommen kann, haben sich ihre Prioritäten verschoben. Neulich haben sie sich einen teuren Rucksack und einen federleichten Campingkocher gekauft. Der Fernseher aber ist uralt. „Wir schulden dem Leben das Funkeln in unseren Augen“, hat sie auf das Fenster über dem Arbeitsplatz geschrieben. Dahinter sieht man Bäume. Der Wald ist nur einen Steinwurf entfernt. Dort liegt das Glück, direkt vor der Haustür.

Das Buch: „Leben mit tausend Sternen“, Adeo-Verlag. 220 Seiten, 18 Euro.

Draußen schlafen – Tipps von den Profis:

  • Das Gepäck sollte nicht mehr als zehn bis zwölf Kilogramm wiegen.
  • Wirklich wichtig sind ein warmer Schlafsack, eine leichte Isomatte, ein kleines Kopfkissen, Stirnlampe, Messer, Toilettenpapier, Feuerzeug, Verpflegung und Karte. Auch eine Plane zum Unterlegen und faltbare Sitzkissen als Schutz vor Feuchtigkeit und Dornen sind sinnvoll.
  • Die erste Nacht unter freiem Himmel sollte in vertrauter Umgebung stattfinden: im Garten, auf der Terrasse oder dem Balkon.
  • Vorsicht bei Wildschweinen in der Brunft, in der Jagdsaison, bei Sturm, Schneebruch, extremen Wetterlagen.
  • Den Lagerplatz unbedingt sauber verlassen, Notdurft eingraben.
  • Unterwegs ist man am besten mit einem Lieblingsmensch: Partner, Freund, Kind.
  • Für alle Fälle: Ausweis und Geld mitnehmen.