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Dienstag, 24.05.2016

Ekel, Ethik, Mehlwurm: Insekten als Lebensmittel auf dem Prüfstand

Haben Pasta mit Grillen oder Quiche mit Mehlwurm eine Zukunft in Deutschland? Bevor Insekten regelmäßig auf den Tisch kommen, gibt es zwei Probleme: Ekel und Lebensmittelsicherheit

Von Ulrike von Leszczynski

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Grillen gelten in einigen Weltgegenden als Delikatesse, hierzulande landen sie eher selten auf den Tellern.
Grillen gelten in einigen Weltgegenden als Delikatesse, hierzulande landen sie eher selten auf den Tellern.

© dpa

Berlin. Eine Quiche mit Mehlwurm oder Wüstengrillen auf Mango-Maracuja-Chutney? Was nach einer Ekel-Prüfung aus dem Dschungel-Camp klingt, hat für Wissenschaftler eine andere Bedeutung. Insekten auf dem Teller werden unter Europas Forschern ernsthaft diskutiert. Es geht um Eiweiße, Fettsäuren, Nachteile der Massentierhaltung und die Welternährung. „Wir brauchen eine Umstellung unserer Nahrung“, sagt Arnold van Huis, der für die Welternährungsorganisation FAO zu essbaren Insekten forscht. „Wenn der Fleischbedarf weiter steigt, bekommen wir ein Problem.“

In van Huis niederländischer Heimat sind Insektenburger schon auf dem Markt. Auch Belgien, Frankreich und Dänemark preschen vor, bevor es in Europa von 2018 an mehr Regelungen zu Insekten als Nahrungsmittel geben soll. Bisher gelten sie in der EU als „neuartige Lebensmittel“, die nur nach einer gesundheitlichen Bewertung und Zulassung auf den Teller kommen dürfen. In der USA wird Heuschreckenpulver schon als nachhaltiges und umweltschonendes Produkt beworben.

„Insekten als Nahrungsquelle stoßen zunehmend auf öffentliches Interesse“, berichtet Reiner Wittkowski, Vizepräsident des Berliner Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) am Dienstag auf einer Tagung. „Umso wichtiger ist es zu klären, wie sicher diese neuen Lebensmittel sind.“

Vor den großen Zukunftsträumen steht eine nüchterne Bilanz: Nur jeder zehnte Deutsche, der noch nie Insekten gekostet hat, kann sich im Moment überhaupt vorstellen, die Krabbeltiere zu essen. Rund 30 Prozent würden Insekten zumindest mal probieren. 60 Prozent lehnen sie als Lebensmittel aber gänzlich ab - vor allem aus Ekel. Das ergab eine repräsentative BfR-Umfrage im April. Viele haben zwar schon von essbaren Insekten gehört, doch nur zehn Prozent haben sie schon einmal probiert, zumeist im Urlaub in Südostasien.

Nach Schätzungen der FAO sind rund 1 900 Insektenspezies essbar. Bei rund zwei Milliarden Menschen stehen sie bereits auf dem Speiseplan. Am beliebtesten sind Käfer, gefolgt von Raupen, Bienen, Wespen, Ameisen, Heuschrecken, Grillen, Zikaden, Termiten, Libellen und Fliegen - bis hin zu Küchenschaben. In Uganda sind Heuschrecken eine Delikatesse. In China werden Zikadenlarven mit Gemüse und Chili gebraten.

Vielen Forschern gelten diese Traditionen als zukunftsweisend. Denn 2050 könnten neun bis zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben - nährstoffreiches Essen für alle könnte knapp werden. Die Nahrungsmittelproduktion mit Hilfe von Insekten sei dabei mit Blick auf Wasser- und Futterverbrauch sowie Kohlendioxid-Erzeugung wesentlich effektiver als beispielsweise die Rinderzucht, erklärt van Huis.

Insekten sind reich an Proteinen, ungesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen wie Eisen, Magnesium, Selen und Zink. Und die Larven des Mehlkäfers liefern ähnlich wertvolle Omega-III-Fettsäuren wie Fisch.

Nur hilft das alles nicht gegen Ekel. Deshalb sind Insekten auch als verarbeitete, sozusagen unsichtbare Lebensmittel im Gespräch. „Wenn die Currywurst aus dem 3D-Drucker kommt, geht Insektenmehl in Zukunft vielleicht auch“, sagt BfR-Experte Wittkowski. Noch ist das in Deutschland aber Zukunftsmusik. Insekten gibt es bisher allein als Futtermittel für den Heimtierbedarf. Für Nutztiere sind sie nicht erlaubt. Und exotische Insektenrestaurants brauchen in der Regel die Erlaubnis der Lebensmittelüberwachung in den Bundesländern.

Die BfR-Wissenschaftler denken vor einer möglichen Liberalisierung auch über Nachteile von Insekten als Lebensmittel nach und sehen erheblichen Forschungsbedarf. Denn Insekten können Krankheitserreger wie Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten übertragen. Zwar seien Erkrankungen für Europa bisher nicht nachgewiesen, sagt Niels Bandick, der am BfR zu biologischer Sicherheit forscht. Für eine mögliche Zucht sollten solche Risiken aber ausgeschlossen werden. „Auch wenn Insekten in der Regel nicht roh gegessen werden.“

Vorsicht empfiehlt auch Alfonso Lampen, am BfR zuständig für Lebensmittelsicherheit. „Einige Käferarten, zum Beispiel Bockkäfer, produzieren toxische Substanzen. Beim Menschen können sie Magen-Darm-Probleme auslösen“, sagt er. Dazu komme die Frage nach Allergenen. Winzige Hausstaubmilben seien ein Beispiel dafür, dass Insekten Allergien auslösen könnten.

Und auch Insekten sind Tiere. Bei einer Zucht in Europa - als Lebens- oder Futtermittel - kommen ethische Fragen dazu. Empfinden Insekten Schmerz? Ist das Gas Kohlendioxid eine humane Tötungsart für Krabbeltiere? Und ist ein tierisches Produkt wirklich ökologisch sinnvoller als eine importierte pflanzliche Alternative wie Sojamehl? Das BfR will diese Fragen geklärt sehen, ehe Grillen-Snacks und Mehlwurm-Pfannkuchen mehr als ein Party-Gag werden. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. nettosteuerzahler

    Nun es ist schon lange ein Traum der weisen und wohlmeinenden Herrscher ihr zweibeiniges Nutzvieh auf billige und schnell regenerierende Nahrungsquellen abzurichten.

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