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Donnerstag, 10.03.2016

Dieser Spiegel macht nicht nur Komplimente

Zu den Top-Themen der Cebit, die am Montag startet, gehört das Internet der Dinge. Ein Paar aus Dresden baut daran mit - und präsentiert unserem Video-Reporter einen interaktiven Spiegel.

Von Andreas Rentsch

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Wisch und weg: Will Caroline Bock die nächste Schlagzeile des Nachrichtentickers lesen, bewegt sie die Hand vor dem Spiegel von links nach rechts. Eine Aufwärts-Geste öffnet den kompletten Artikel.
Wisch und weg: Will Caroline Bock die nächste Schlagzeile des Nachrichtentickers lesen, bewegt sie die Hand vor dem Spiegel von links nach rechts. Eine Aufwärts-Geste öffnet den kompletten Artikel.

© Ronald Bonß

  • Wisch und weg: Will Caroline Bock die nächste Schlagzeile des Nachrichtentickers lesen, bewegt sie die Hand vor dem Spiegel von links nach rechts. Eine Aufwärts-Geste öffnet den kompletten Artikel.
    Wisch und weg: Will Caroline Bock die nächste Schlagzeile des Nachrichtentickers lesen, bewegt sie die Hand vor dem Spiegel von links nach rechts. Eine Aufwärts-Geste öffnet den kompletten Artikel.
  • Herzstück der Installation ist ein Platinencomputer. In die erste Version ihres smarten Flurspiegels haben die 28-Jährige und ihr Mann Thomas Bachmann rund hundert Arbeitsstunden und etwa 350 Euro investiert. Das Kirschholz für den hübschen Spiegelrahmen hat gar nichts gekostet.Es stammt von einem Baum aus Opas Garten.
    Herzstück der Installation ist ein Platinencomputer. In die erste Version ihres smarten Flurspiegels haben die 28-Jährige und ihr Mann Thomas Bachmann rund hundert Arbeitsstunden und etwa 350 Euro investiert. Das Kirschholz für den hübschen Spiegelrahmen hat gar nichts gekostet.
    Es stammt von einem Baum aus Opas Garten.

Bevor die Dresdnerin Caroline Bock morgens aus dem Haus geht, haut ihr Flurspiegel noch einen klugen Spruch raus. Heute ist es ein Zitat, das dem römischen Philosophen Seneca zugeschrieben wird: „Fang jetzt an zu leben, und lebe jeden Tag für ein Leben an sich.“

In weißer Schrift leuchtet der Satz auf dem Glas. Schaut sich die 28-Jährige auf dem Spiegel um, findet sie viele nützliche Infos: Über dem Seneca-Zitat werden in Echtzeit die Abfahrtszeiten der Straßenbahn eingespiegelt, weiter oben steht eine Liste mit Dingen, die eingekauft werden müssen. Datum, Uhrzeit, der Wetterbericht für den Stadtteil, Nachrichten von tagesschau.de und der Terminkalender komplettieren die Anzeige. Tritt Caroline nahe an den Spiegel heran, macht er ihr Komplimente: „Du strahlst so viel Stärke aus!“

Die Idee für den „Magic Mirror 2.0“ sei beim Lesen eines Artikels auf der Plattform t3n entstanden, erzählt Carolines Mann Thomas Bachmann, der als Softwareentwickler für ein Berliner Finanztechnologie-Unternehmen arbeitet. In dem Beitrag stellte ein Niederländer sein Konzept eines smarten Spiegels mit Internetzugang vor. „Als ich das gesehen hatte, war mir klar: So etwas will ich auch haben“, sagt der 29-Jährige. Ein etwas anderes Heimwerker-Projekt begann.

Die nötigen Teile besorgten sich Thomas und Caroline, die als Screendesignerin arbeitet, über Amazon und in Geschäften ihrer Heimatstadt. Teuerster Posten: ein 24-Zoll-Flachbildschirm für 153 Euro. Einen Minicomputer vom Typ Raspberry Pi samt Zubehör erstanden sie für
57 Euro, einen USB-WLAN-Adapter und eine Speicherkarte für jeweils acht Euro, ein Datenkabel für fünf Euro. Auf der Suche nach einem halbtransparenten Spiegel wurde das Paar bei einem Handwerksbetrieb im Osten der Stadt fündig.

„Solche Spionspiegel kennt man aus dem Tatort“, sagt Bachmann. Typische Szene: Kommissar schaut vom dunklen Beobachtungsraum durch den Spiegel hindurch, dahinter sitzt im grellen Licht der Verdächtige bei der Vernehmung. Der wiederum sieht an der Wand neben sich nur eine spiegelnde Scheibe. Für 65 Euro gab’s das Spezialglas passgenau zugeschnitten. Fehlten nur noch ein paar Kleinteile aus dem Baumarkt. Alles in allem habe er fürs Material rund 350 Euro ausgegeben, sagt Bachmann.

Das Zusammenlöten und Inbetriebnehmen des smarten Spiegels habe etwa eine Woche gedauert, sagt der 29-Jährige. „Bei mir muss so was immer schnell gehen.“ Trivial war die Bastelei nicht. So musste nach einigem Herumprobieren der Raspberry Pi gegen ein stärkeres Modell ausgetauscht werden, damit die Nachrichten-Webseite ihre Inhalte schneller lädt. Außerdem musste weitere Hardware her.

Gesteuert wird der „Magic Mirror“ nicht mit Tippen und Wischen wie auf einem Tablet, sondern mit Handgesten. Für die Erkennung ist ein Infrarotsensor am unteren Rand des Spiegelrahmens zuständig. Ein zweiter Sensor registriert, wenn sich der Nutzer entfernt, was wiederum dazu führt, dass der verborgene Monitor ausgeschaltet wird. Was Betrachter im aktiven Modus zu sehen bekommen, ist eine Webseite, die in einem Chromium-Browser von Google läuft, ohne dass eine Navigationsleiste eingeblendet wird.

Mittlerweile ist der Spiegel ein Alltags-Accessoire, doch er sorgt immer noch für erstaunte Gesichter. Wie neulich bei Carolines Arbeitgeber, der Dresdner Softwarefirma 3m5: Da erzählte eine Kollegin von einem Google-Ingenieur, der in seiner Freizeit einen smarten Spiegel fürs Badezimmer gebaut habe – das Thema laufe gerade hoch und runter in den sozialen Netzwerken. „Da habe ich gesagt, dass so ein Spiegel seit 2014 bei uns im Flur hängt“, sagt die Softwareexpertin. Ja, so sei das halt, wenn bei Berichten über Erfindungen der Name Google auftaucht.

Für Caroline Bock und Thomas Bachmann ist das Thema damit keineswegs durch. Ihr Projekt geht demnächst in die nächste Runde: Getreu dem Motto „Spieglein, Spieglein, an der Wand“ soll das smarte Flurmöbel eine Sprachsteuerung bekommen. Dann könnte ihre vierjährige Tochter mit dem Spiegel sprechen und ihn beispielsweise fragen, wie das Wetter wird. Denkbar wäre auch, mit dem Gerät Raumdaten zu sammeln und anzuzeigen. Dafür müssten Sensoren für Temperatur und Feuchtigkeit in allen Räumen verteilt werden. Die daraus entstehende Karte könnte eine Hilfe beim Lüften sein.

Für den staunenden Besucher stellt sich irgendwann die Frage, warum Elektronikkonzerne oder Smart-Home-Ausrüster bisher nicht schon längst solche intelligenten Spiegel anbieten. Bisher kann man lediglich Exemplare mit integriertem TV-Monitor kaufen. Soll der Spiegel internetfähig sein und individualisierte Dienste anbieten, werde es kompliziert, sagt Caroline Bock. „Dann braucht man eine App und die richtigen Schnittstellen.“ Schon das Einrichten des Selbstbau-Spiegels braucht einigen IT-Sachverstand. „Da stellt sich zum Beispiel die Frage, wie man ein WLAN installiert“, sagt Thomas Bachmann. „Es gibt ja keine Tastatur.“