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Mittwoch, 21.02.2018

Die unsichtbare Ansteckungs-Gefahr

Warum Stofftaschentücher eine Erkältung verlängern und in Toiletten Teppiche für Viren fliegen.

Von Stephanie Wesely

Deshalb ist Händewaschen so wichtig.
Deshalb ist Händewaschen so wichtig.

© B. Daoust/123RF

Im Freistaat geht die Erkältung um. Viele husten, viele niesen. Allein in der letzten Woche waren laut Landesunter-suchungsanstalt fast 9 000 Sachsen wegen eines grippalen Infektes beim Arzt. Im Gegensatz zur echten Grippe gibt es gegen die Erkältung keine Impfung. Doch wirksamer Schutz ist trotzdem möglich.

Wo lauert die größte Gefahr, sich mit einer Erkältung anzustecken?

„Zu 80 Prozent passiert das über die Hände. Und mit konsequentem Händewaschen könnte das Risiko von Atemwegserkrankungen um bis zu 45 Prozent gesenkt werden“, sagt Dr. Ernst Tabori, Infektiologe und Ärztlicher Direktor am Deutschen Beratungszentrum für Hygiene. Nur zu einem kleineren Teil über Anniesen oder Anhusten. Die keimhaltigen Tröpfchen hätten einen maximalen Streuradius von eineinhalb Meter, „dann fallen sie nach unten und können uns nicht mehr krank machen“, sagt er. „Nehmen wir die Viren jedoch beim Anfassen von Oberflächen wieder auf, verteilen sie weiter oder befördern sie direkt in Augen oder Nase, wo sie ideale Lebensbedingungen vorfinden.“ Laut einer amerikanischen Untersuchung fasst man sich bis zu 400 Mal täglich ins Gesicht.

Wo haften am meisten Keime?

An Gegenständen, die häufig berührt und selten gereinigt werden, so Tabori. „Das sind zum Beispiel die Haltegriffe in Bus und Bahn, Treppengeländer, Türklinken und, nicht zu vergessen, Computertastaturen und -mäuse.“ Bei Zimmertemperatur und Trockenheit könnten die Grippeviren über einige Stunden infektiös bleiben. In öffentlichen Verkehrsmitteln reicht die Zeitspanne, um viele Menschen anzustecken. Während Bakterien Wärme und Feuchtigkeit lieben, profitieren Grippeviren von Kälte und Trockenheit. Bei Temperaturen unter null Grad bleiben sie sogar über Monate infektiös, sagt Dr. Tabori.

Wie gefährlich sind Stofftaschentücher?

Nicht gefährlicher als Papiertaschentücher, wenn man sie nach einmaligem Gebrauch wäscht. Was im Alltag jedoch schwer zu realisieren ist. Deshalb sind Papiertaschentücher in Erkältungszeiten besser, sofern sie nach einmaligem Gebrauch entsorgt werden. „Wer Stofftaschentücher mehrfach benutzt, bringt die Viren immer wieder in die Nase zurück. Damit konterkariert man den sinnvollen Vorgang des Körpers, die Erreger mit dem verstärkt produzierten Nasensekret herauszuspüle“, sagt der Infektiologe.

Kann man sich über weggeworfene Taschentücher erneut anstecken?

Wenn die Taschentücher im Müll liegen und nicht angefasst werden, nicht, so der Hygienefachmann. Die Keime haften an dem Tuch und werden im geschlossenen Behälter nicht aufgewirbelt.

Reicht Händewaschen aus oder sollte ich die Hände besser desinfizieren?

Wenn die Hände richtig gewaschen werden, reicht das, sagt Ernst Tabori. Richtig bedeute, mit Wasser und Seife und ausreichend lange. Gibt es keine Gelegenheit zum Händewaschen, leisten Desinfektionsmittel oder -tücher einen guten Dienst. In medizinischen Einrichtungen sei die Desinfektion oberste Pflicht. „Eine Desinfektion ist auch bereits Erkrankten zu empfehlen, die ihre Keime nicht weitertragen wollen“, sagt Professor Lutz Jatzwauk, Krankenhaushygieniker der Uniklinik Dresden. „Geeignete Desinfektionsmittel erhält man in der Apotheke.“ Zu empfehlen sei eine Desinfektion auch für Flächen, die schlecht zu reinigen sind, zum Beispiel Fernbedienung und Lichtschalter.

Muss beim Waschen Seife benutzt werden, oder genügt klares Wasser?

„Die Viren bilden eine Art Film auf der Haut, der nur durch Seifenlauge gelöst werden kann. Klares Wasser reicht dafür nicht“, so Tabori. Die Temperatur des Wassers könne sich aber jeder so wählen, wie er sie angenehm empfindet, um die Hände ausreichend lange reinigen zu können, informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Wie trocknet man die Hände richtig?

Die besten Ergebnisse werden Untersuchungen zufolge mit Einmalhandtüchern erreicht, so die Bundeszentrale. Durch das Reiben der Haut beim Abtrocknen würden nochmals Keime von den Händen entfernt. Zu Hause sollten Handtücher regelmäßig ausgetauscht und heiß gewaschen werden. „Elektrische Händetrockner empfehle ich nicht“, sagt Dr. Tabori. Es dauere meist lange, sodass die wenigsten ihre Hände gründlich trocknen. Turbotrockner mit dem heftigen Luftstrom führten zu einem regelmäßigen Anstoßen der Hände an die Seitenwände des schmalen Spalts, so dass sie dort wieder kontaminiert werden könnten. „Außerdem verwirbeln die Lufttrockner die Staubpartikel, zum Beispiel Hautschüppchen, an denen die Keime haften. Die Hautpartikel sind wie ein fliegender Teppich für die darauf befindlichen Keime“, sagt Ernst Tabori.

Wie sinnvoll ist ein Mundschutz in Erkältungszeiten?

„Sehr sinnvoll“, sagt Lutz Jatzwauk. Sowohl für den bereits Erkrankten als auch für Gesunde. Einerseits werde die Verbreitung der Tröpfchen gestoppt, andererseits das Einatmen beim Gegenüber.

Muss ich mit einer Erkältung unbedingt zum Arzt?

„Ratsam ist das, wenn der Patient hohes Fieber hat und sich sehr krank fühlt. Denn dann braucht er Ruhe und sollte andere nicht noch anstecken“, sagt Ingrid Dänschel, Vizechefin der sächsischen Hausärzte. Der Arztbesuch sei für die meisten auch deshalb nötig, weil sie eine Arbeitsbefreiung brauchten. In manchen größeren Firmen könnten Arbeitnehmer auch ohne Krankenschein ein paar Tage zu Hause bleiben, das sei natürlich besser.

Was hilft gegen eine Erkältung?

Ruhe und viel trinken, so Dänschel. Flüssigkeit sei der beste Hustenlöser. „Lediglich bei starkem Reizhusten verordnen wir etwas, damit der Patient nachts Ruhe findet.“ Von anderen Erkältungsmitteln wie Grippostat rät die Hausärztin ab. „Das darin enthaltene Paracetamol ist viel zu niedrig dosiert, das ist eine Dosis für Kinder“, so Dänschel. Eine Tablette Paracetamol allein reiche völlig aus und sei viel kostengünstiger.

Muss ich als gesetzlich Versicherter Erkältungsmedikamente selbst zahlen?

Ja. Nur Kinder bis zum 12. Lebensjahr können frei verkäufliche Mittel von der Kasse bezahlt bekommen. Ausnahmen gibt es auch für Kinder bis zum 18. Lebensjahr, die unter Entwicklungsstörungen leiden, so der Verband der gesetzlichen Krankenversicherung.