Samstag, 18.08.2012

Die Facebook-Mitleser

Mit spezieller Software lassen sich öffentliche Einträge in sozialen Netzwerken gezielt durchforsten. Doch ist das schon Schnüffelei?

Von Andreas Rentsch

Was wir bei Facebook öffentlich machen, interessiert viele.  Foto: dpa, Montage: SZ/Bildstelle
Was wir bei Facebook öffentlich machen, interessiert viele. Foto: dpa, Montage: SZ/Bildstelle

Die Empörung war groß, als bekannt wurde, was Sachsens Staatskanzlei vorhat: Mit teurer Software sollten soziale Netzwerke und Blogs automatisch ausgewertet werden. Die Opposition machte das Vorhaben öffentlich – nun soll das Projekt nicht weiterverfolgt werden. In der freien Wirtschaft hingegen ist der Einsatz solcher Software oft schon selbstverständlich. Selbst kritische Experten sagen, dass Pläne des Staates, Social Media Monitoring zu betreiben, nicht rundheraus zu verdammen sind.

Was kann Software fürs Social Monitoring?

Im Kern geht es darum, öffentlich zugängliche Eintragungen bei Facebook oder Twitter, aber auch Blogs automatisch nach vordefinierten Suchbegriffen oder Suchwort-Kombinationen zu durchforsten und die Ergebnisse digital auszugeben. „Das ist vergleichbar mit der klassischen Medienbeobachtung“, sagt die IT-Beraterin Helene Fritzsche. „Nur dass das Ergebnis keine Clipping-Mappe mit Zeitungsausschnitten ist, sondern ein Online-Report.“ Der wird in regelmäßigen Abständen per E-Mail verschickt. Oft werden die zentralen Ergebnisse in einer Art Kennzahlen-Cockpit angezeigt. Diese Übersicht sieht der Auftraggeber auf seinem Bildschirm.In einer einfachen Variante listet Social-Monitoring-Software die Dokumente mit den gefundenen Begriffen nur auf. Aufwendigere Lösungen schaffen es, Dokumente automatisch zu sortieren, zu gruppieren und zu analysieren.

Wer nutzt die Software schon und warum?

Für größere Firmen und Konzerne ist Social Monitoring längst ein unverzichtbares Werkzeug, um ihre Außenwirkung in sozialen Netzwerken, Blogs und anderen Online-Plattformen zu kontrollieren. Interessant sei der Moment, in dem sich bestimmte Stichwortkombinationen häufen, erklärt Hans-Peter Schüler von der Fachzeitschrift c‘t. So sollte beispielsweise ein Unternehmen alarmiert aufhorchen, wenn der Firmenname im Zusammenhang mit Stichworten wie „Abzocke“ oder „Service“ auftritt. Manch einer schreibt eben nicht ins Kundenforum der Firmenwebseite, sondern macht seinem Ärger lieber auf Facebook Luft. So etwas kann sich in bestimmten Fällen zum Skandal ausweiten, den andere Medien aufgreifen.

Wie teuer sind solche Softwarelösungen?

Das hängt von der Komplexität der Software ab. Und von der Frage, wie viel Service ein Kunde will. Wer auf die Variante „Selbstbedienung“ setzt, bezahlt dafür teilweise gar kein Geld. Rundum-Sorglos-Pakete kosten dagegen laut einer neuen Branchenstudie bis zu 24 000 Euro pro Jahr. Allerdings liefern dort die Anbieter eine maßgeschneiderte Software und auch gleich eine Interpretation der Ergebnisse. Preislich in der Mitte liegen Hybrid-Lösungen. Bei diesen kümmert man sich grundsätzlich selbst um das Monitoring, kann aber bei Bedarf Reports oder Analysen bestellen.

Je nachdem, wie ausgefeilt die Software ist, kann der Auftraggeber des Monitorings auch auswerten lassen, wer da eigentlich postet. Sind es eher Ältere oder Jüngere, mehr Männer als Frauen, mehr englischsprachige Nutzer als deutsche? Die Filterungsmöglichkeiten sind vielfältig – und dürften noch ausgefeilter werden.

Kann man solche Software auch testweise benutzen?

Ja. Experten empfehlen, mehrere Programme parallel zu testen, um das subjektiv beste herauszufinden. Bislang ist der Markt noch unübersichtlich. Üblich ist, dass zunächst Gratis-Zugänge für Testzwecke eingerichtet werden können, Einen Grobvergleich bietet unter anderem die Webseite somemo.at/compareTools.php. Einen ähnlichen Service bietet die Beratungsfirma Goldbach Interactive. Für deren Analyse sind 31 Softwarelösungen untersucht worden – am besten (aber auch teuer) waren Radian 6 und Sysomos Heartbeat.

Um einfaches, nichtprofessionelles Netz-Monitoring zu betreiben, genügt zunächst Google Alerts. Dieser Dienst liefert Ergebnisse einer Google-Suche zu einem bestimmten Stichwort per E-Mail – täglich, wöchentlich oder stets zum Erscheinungszeitpunkt.

Was ist bei Benutzung der Software erlaubt, was nicht?

Grundsätzlich kann Monitoring-Software nur jene Daten auswerten, die ihr zur Verfügung stehen. Die rechtliche Hoheit liege bei den Plattformen – also beispielsweise Facebook – und denen, die dort ein Profil anlegen, Beiträge verfassen und in deren Veröffentlichung einwilligen, sagt Helene Fritzsche. „Hackern wird es natürlich möglich sein, weitere Daten auszulesen.“ Das zu verhindern liege an den Plattformbetreibern.

Wie schütze ich mich vor dem Ausgespähtwerden?

Die Frage ist, ob man überhaupt davon sprechen kann, wenn Daten ausgewertet werden, die im Netz frei abrufbar sind. Das Problemliege woanders, sagt Hans-Peter Schüler von der c‘t. „Es geht darum, zu fragen: Was schicke ich überhaupt ins Netz? Und welcher Adressatenkreis kann das lesen?“ Hier müssten viele Nutzer von Online-Netzwerken bewusster agieren.

Wo setzt der Staat schon Monitoring-Software ein?

Software, die technisch gesehen etwas Ähnliches tut, ist beispielsweise bei den Finanzbehörden im Einsatz. Steuerfahnder verwenden seit 2003 das Programm Xpider, um bei Ebay nach verdächtigen ProfiVerkäufern zu suchen, die nicht ordnungsgemäß als Gewerbetreibende registriert sind.

Dass der Staat dagegen Meinungsforschung auf Facebook und Twitter betreiben wolle, sei ihm neu, sagt Hans-Peter Schüler. Social Media Monitoring deshalb strikt als „Blockwart-Werkzeug“ abzulehnen, sei allerdings „vorauseilender Pessimismus“. Dennoch betont Schüler die Notwendigkeit, genau zu hinterfragen, was die Behörden eigentlich wissen wollen.