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Samstag, 22. September 2007
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Wo Väter wieder Kind sein dürfen
Jens Kuhr
Erlebnis-Wochenende. Um einmal ein paar Tage frei zu haben, schicken Frauen ihre Männer und Kinder gerne ins Abenteuer.
Expeditionsleiter Georg hat Schwierigkeiten, das Feuer zu entfachen. Mit aufgerissenen Augen und rotem Kopf bläst er wieder und wieder in die Glut. Aber das Holz ist nass. Noch immer gießt es. Marc und Luca-Maximilian kommen von ihrem Zelt herüber zur Jurte. Trotz des Regenprasselns ist das Schmatzen ihrer Füße im knöcheltiefen Boden bei jedem Schritt zu hören. Der Zahnarzt aus Osnabrück und sein Sohn wissen seit der vergangenen Nacht, warum sie einem Billigzelt aus dem Discounter nicht mehr vertrauen.
Es ist fast wie in einer dieser Dokusoaps, die zeigen, wie wir Menschen einmal gelebt haben, draußen in der Natur, im Mittelalter oder noch früher. Das von der Arillus GmbH organisierte Vater-Kind Outdoor-Wochenende in einem Wald bei Göttingen dauert zwar nur drei Tage. Dennoch ahnt danach jeder Teilnehmer, wie es einmal ohne Gaskocher und Zentralheizung gewesen sein muss.
Am ersten Tag, beim Abschied von Frauen und Müttern, scheint noch die Sonne. Als die zehn Väter mit ihren Töchtern und Söhnen nach einem Marsch am Nachmittag im Lager ankommen, kann die Stimmung friedlicher kaum sein. Inmitten des alten Buchenwaldes liegt eine Lichtung mit drei hohen Blutbuchen und einer 100-jährigen Tanne. Für die kommenden Tage wird hier das Zuhause der Abenteurer sein. Die erste gemeinsame Aktion komplettiert das Lager. Anders als der Kühlschrank, für den nur ein Loch gegraben wird, in dem Georg eine Kühlbox versenkt, sind Donnerbalken und Dusche komplizierter. Das wesentliche Element des Naturklos ist zwar auch ein großes, tiefes Loch. Doch darauf kommt ein Gerüst, auf das der Klodeckel montiert wird. Und natürlich darf auch ein Sichtschutz nicht fehlen. Für die Dusche bindet Manfred, Eventmanager aus Frankfurt, mit seiner siebenjährigen Tochter Leonie einen Ast zwischen zwei Bäume. Daran befestigen sie eine Leine für die Gießkanne.
Während auf dem offenen Feuer Kartoffeln und Wildgulasch brutzeln, fragt der zweite Expeditionsleiter Jörn, wie viel Kaffeepulver in den Filter soll: „Wenn du denkst, es ist zu viel, dann tu noch einen Löffel drauf“, so die lapidare Antwort von Versicherungsmanager Torsten. Zum ersten und letzten Mal kommt das Gespräch auf die Daheimgebliebenen. Rechtsanwalt Volker berichtet der Runde von der Homepage „mannweg.de“ und Torsten weiß von „sturmfreiebude.de“. Die Kinder machen sich keine Sorgen. Vor allem die Jungen greifen zum Messer und beginnen zu schnitzen. Bis zur ersten Schnittwunde am Zeigefinger dauert es nicht lange. Der achtjährige Fridtjof bekommt ein Pflaster und schnitzt trotzdem unbekümmert weiter.
Bevor es dunkel wird, hängt Jörn Kerzenlaternen in Bäume und Büsche. So findet auch nachts jeder den Weg zum Klo. Ohne Maulen putzen sich die Kinder am Wasserwagen die Zähne und lauschen im Schein des knisternden Feuers noch den Geschichten von Georg. Wem Märchen der Gebrüder Grimm zu gruselig oder zu langweilig sind, der stromert durchs Unterholz. Gegen 23 Uhr ist Schluss.
Waldluft macht müde
Der zweite Tag beginnt mit Vogelgezwitscher, Sonne und Kinderstimmen. Johanna, Lea und Hanna stehen Schlange vorm Versorgungszelt. Georg verteilt Vollkornbrot, Äpfel, Möhren, Müsli, Honig, Marmelade, Käse, Nutella und eine regionale Wurstspezialität: Eichsfelder Stracke. Nach dem Frühstück nennt Georg das Motto des Tages: „Wir werden den Wald kennenlernen.“ Erste Station ist eine alte Buche, um deren äußerste Zweige sich Väter und Kinder stellen sollen. Georg erklärt: „So weit wie die äußersten Äste und Blätter reichen, breiten sich auch die Wurzeln im Boden unter unseren Füßen aus.“ Die Kinder und manche Väter staunen nicht schlecht über den Kreis mit rund 25Metern Radius.
Das Mittagessen besteht aus Salat und Brot und schmeckt selbst denjenigen Kindern, die Salat und Brot sonst nicht mögen. Weil einige ziemlich kaputt sind, fällt die Pause länger aus als gedacht. Der Figurenspieler Christoph liest seiner Tochter Pauline eine Geschichte vor, Torsten zieht es für ein Nickerchen in den Schlafsack. Kevin und Henry sitzen in Gedanken versunken auf Baumstümpfen und schnitzen, ebenso wie Leonie und Lea. Auch sie haben inzwischen einen Verband um den Finger.
Beim Geländespiel werden Kinder und Erwachsene von einem schwarzen Reiter durch das Unterholz gejagt. Töchter, Söhne und besonders die Väter rennen durch den Wald, als würden sie von einer Wildschweinrotte verfolgt. Der Spaß lässt auch beim Bau einer Befestigungsanlage ohne Nagel und Hammer nicht nach. Lediglich mit Stämmen, Ästen und Seilen fügen Väter und Kinder ein ansehnliches Fort zusammen. Ein Handvoll Freiwilliger sammelt noch für die Waldsuppe. Giersch, Spitzwegerich und Knoblauchsrauke schmecken umso besser, je jünger sie sind, erfahren die Sammler. Die Kinder backen Stockbrot, während es zu nieseln beginnt.
Joanna trifft sofort ins Zentrum
Am Morgen des dritten Tages haben sich kleine Bäche am Boden der Jurte gebildet. Leonie blickt aus dem Zelt und entscheidet: „Ich geh‘ noch mal ins Bett.“ Pauline steht bibbernd in einer Pfütze und verlangt nach einem Pulli. Endlich bekommt Georg das Feuer in Gang. Dennoch ist die Stimmung leicht gereizt. Volker preist mit Engelszungen das Frühstück an. Aber Hanna möchte schnitzen. Philipp dagegen will warme Milch. Volker gehorcht, kann sich aber ein „Das nächste Mal gehste selbst“ nicht verkneifen. Bei Rückkehr bedankt sich Philipp erwachsen: „Na siehste, geht doch!“
Höhepunkt und Abschluss des Wochenendes ist das Bauen eines Bogens mit anschließendem Schießen. Pünktlich scheint auch wieder die Sonne. Hoch konzentriert sitzen alle im Kreis auf der Lichtung und schnitzen Haselholz. Immer wieder wird der Bogen gespannt, „getillert“ wie Georg sagt. Wieder und wieder wird der Experte gefragt, ob es nun reicht. Doch ein guter Bogen braucht seine Zeit. Dann endlich beginnt das Schießen. So mancher Vater wundert sich, wie schwer es ist, die nur wenige Meter entfernte Scheibe zu treffen. Bei der achtjährigen Joanna klappt es sofort, der Pfeil steckt im roten Zentrum. Natürlich kann jeder seinen Bogen mit nach Hause nehmen. Doch auch ohne das Andenken hätte es allen gefallen.
Es ist fast wie in einer dieser Dokusoaps, die zeigen, wie wir Menschen einmal gelebt haben, draußen in der Natur, im Mittelalter oder noch früher. Das von der Arillus GmbH organisierte Vater-Kind Outdoor-Wochenende in einem Wald bei Göttingen dauert zwar nur drei Tage. Dennoch ahnt danach jeder Teilnehmer, wie es einmal ohne Gaskocher und Zentralheizung gewesen sein muss.
Am ersten Tag, beim Abschied von Frauen und Müttern, scheint noch die Sonne. Als die zehn Väter mit ihren Töchtern und Söhnen nach einem Marsch am Nachmittag im Lager ankommen, kann die Stimmung friedlicher kaum sein. Inmitten des alten Buchenwaldes liegt eine Lichtung mit drei hohen Blutbuchen und einer 100-jährigen Tanne. Für die kommenden Tage wird hier das Zuhause der Abenteurer sein. Die erste gemeinsame Aktion komplettiert das Lager. Anders als der Kühlschrank, für den nur ein Loch gegraben wird, in dem Georg eine Kühlbox versenkt, sind Donnerbalken und Dusche komplizierter. Das wesentliche Element des Naturklos ist zwar auch ein großes, tiefes Loch. Doch darauf kommt ein Gerüst, auf das der Klodeckel montiert wird. Und natürlich darf auch ein Sichtschutz nicht fehlen. Für die Dusche bindet Manfred, Eventmanager aus Frankfurt, mit seiner siebenjährigen Tochter Leonie einen Ast zwischen zwei Bäume. Daran befestigen sie eine Leine für die Gießkanne.
Während auf dem offenen Feuer Kartoffeln und Wildgulasch brutzeln, fragt der zweite Expeditionsleiter Jörn, wie viel Kaffeepulver in den Filter soll: „Wenn du denkst, es ist zu viel, dann tu noch einen Löffel drauf“, so die lapidare Antwort von Versicherungsmanager Torsten. Zum ersten und letzten Mal kommt das Gespräch auf die Daheimgebliebenen. Rechtsanwalt Volker berichtet der Runde von der Homepage „mannweg.de“ und Torsten weiß von „sturmfreiebude.de“. Die Kinder machen sich keine Sorgen. Vor allem die Jungen greifen zum Messer und beginnen zu schnitzen. Bis zur ersten Schnittwunde am Zeigefinger dauert es nicht lange. Der achtjährige Fridtjof bekommt ein Pflaster und schnitzt trotzdem unbekümmert weiter.
Bevor es dunkel wird, hängt Jörn Kerzenlaternen in Bäume und Büsche. So findet auch nachts jeder den Weg zum Klo. Ohne Maulen putzen sich die Kinder am Wasserwagen die Zähne und lauschen im Schein des knisternden Feuers noch den Geschichten von Georg. Wem Märchen der Gebrüder Grimm zu gruselig oder zu langweilig sind, der stromert durchs Unterholz. Gegen 23 Uhr ist Schluss.
Waldluft macht müde
Der zweite Tag beginnt mit Vogelgezwitscher, Sonne und Kinderstimmen. Johanna, Lea und Hanna stehen Schlange vorm Versorgungszelt. Georg verteilt Vollkornbrot, Äpfel, Möhren, Müsli, Honig, Marmelade, Käse, Nutella und eine regionale Wurstspezialität: Eichsfelder Stracke. Nach dem Frühstück nennt Georg das Motto des Tages: „Wir werden den Wald kennenlernen.“ Erste Station ist eine alte Buche, um deren äußerste Zweige sich Väter und Kinder stellen sollen. Georg erklärt: „So weit wie die äußersten Äste und Blätter reichen, breiten sich auch die Wurzeln im Boden unter unseren Füßen aus.“ Die Kinder und manche Väter staunen nicht schlecht über den Kreis mit rund 25Metern Radius.
Das Mittagessen besteht aus Salat und Brot und schmeckt selbst denjenigen Kindern, die Salat und Brot sonst nicht mögen. Weil einige ziemlich kaputt sind, fällt die Pause länger aus als gedacht. Der Figurenspieler Christoph liest seiner Tochter Pauline eine Geschichte vor, Torsten zieht es für ein Nickerchen in den Schlafsack. Kevin und Henry sitzen in Gedanken versunken auf Baumstümpfen und schnitzen, ebenso wie Leonie und Lea. Auch sie haben inzwischen einen Verband um den Finger.
Beim Geländespiel werden Kinder und Erwachsene von einem schwarzen Reiter durch das Unterholz gejagt. Töchter, Söhne und besonders die Väter rennen durch den Wald, als würden sie von einer Wildschweinrotte verfolgt. Der Spaß lässt auch beim Bau einer Befestigungsanlage ohne Nagel und Hammer nicht nach. Lediglich mit Stämmen, Ästen und Seilen fügen Väter und Kinder ein ansehnliches Fort zusammen. Ein Handvoll Freiwilliger sammelt noch für die Waldsuppe. Giersch, Spitzwegerich und Knoblauchsrauke schmecken umso besser, je jünger sie sind, erfahren die Sammler. Die Kinder backen Stockbrot, während es zu nieseln beginnt.
Joanna trifft sofort ins Zentrum
Am Morgen des dritten Tages haben sich kleine Bäche am Boden der Jurte gebildet. Leonie blickt aus dem Zelt und entscheidet: „Ich geh‘ noch mal ins Bett.“ Pauline steht bibbernd in einer Pfütze und verlangt nach einem Pulli. Endlich bekommt Georg das Feuer in Gang. Dennoch ist die Stimmung leicht gereizt. Volker preist mit Engelszungen das Frühstück an. Aber Hanna möchte schnitzen. Philipp dagegen will warme Milch. Volker gehorcht, kann sich aber ein „Das nächste Mal gehste selbst“ nicht verkneifen. Bei Rückkehr bedankt sich Philipp erwachsen: „Na siehste, geht doch!“
Höhepunkt und Abschluss des Wochenendes ist das Bauen eines Bogens mit anschließendem Schießen. Pünktlich scheint auch wieder die Sonne. Hoch konzentriert sitzen alle im Kreis auf der Lichtung und schnitzen Haselholz. Immer wieder wird der Bogen gespannt, „getillert“ wie Georg sagt. Wieder und wieder wird der Experte gefragt, ob es nun reicht. Doch ein guter Bogen braucht seine Zeit. Dann endlich beginnt das Schießen. So mancher Vater wundert sich, wie schwer es ist, die nur wenige Meter entfernte Scheibe zu treffen. Bei der achtjährigen Joanna klappt es sofort, der Pfeil steckt im roten Zentrum. Natürlich kann jeder seinen Bogen mit nach Hause nehmen. Doch auch ohne das Andenken hätte es allen gefallen.







