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Montag, 15.05.2017

Zwischen Uni und Psychiatrie

Kellnern, Nachhilfe, Pizzabote – typische Studentenjobs. Jessica Beck geht einen anderen Weg.

Von Sabrina Winter

„Schwester“ sagen die Patienten fälschlicherweise zu Jessica Beck. Die Soziologie-Studentin jobbt im St.-Marien-Krankenhaus in Klotzsche, in der Psychiatrie.
„Schwester“ sagen die Patienten fälschlicherweise zu Jessica Beck. Die Soziologie-Studentin jobbt im St.-Marien-Krankenhaus in Klotzsche, in der Psychiatrie.

© Amac Garbe

Zum Mittagessen gibt es Kartoffelbrei. Aber den will der Patient nicht. Er greift den Brei und wirft ihn Jessica Beck entgegen. Sie weicht nicht aus, sondern nimmt es mit Fassung. „Ich weiß, dass so etwas passieren kann“, sagt die 21-Jährige. Sie hat in den vergangenen Monaten erfahren, wie psychisch kranke Menschen reagieren können. Richtig handgreiflich geworden ist ihr gegenüber noch niemand. Sie ist zierlich, hat hellblondes Haar. Bei der Arbeit trägt sie ein blaues Poloshirt. Darüber Strickjacke und Hose in Weiß. Die pink-grau melierten Turnschuhe wirken da wie ein Farbtupfer.

Manche Patienten halten Jessica Beck für eine Medizinstudentin, andere reden sie mit „Schwester“ an. Dass auf ihrem Schild „Studentische Aushilfe“ steht, merken die meisten gar nicht. Jessica Beck arbeitet neben ihrem Studium im St.-Marien-Krankenhaus in Klotzsche, einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie. Eigentlich studiert sie Soziologie und Sozialpädagogik an der TU Dresden. Doch in diesem Semester hat sie mehr Zeit im Krankenhaus als an der Uni verbracht. Ihr Nebenjob ist anstrengend und vereinnahmend. Lange Partyabende? Ausschlafen? Darauf verzichtet sie. Aber das stört sie nicht. Die Arbeit macht Spaß, bringt sie weiter. Auch im Studium. „Ich verstehe das große Ganze besser. Zum Beispiel, was die Gesellschaft für Krankheiten produzieren kann oder dass Drogen manchmal zur Flucht dienen.“

Das St.-Marien-Krankenhaus ist mit seinen sieben Stationen recht klein. Es wird von der Caritas getragen. Jessica Beck ist eine von acht studentischen Aushilfen hier. Diese sind laut Gabriele Ziller, Leiterin der Pflegedirektion des Krankenhauses, eine wertvolle Hilfe: „Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht.“

Eigentlich wollte die Studentin nach der Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Kindergarten machen. Doch dort hat die Atmosphäre im Team für sie nicht gestimmt. Über ihren Betreuer bei der Caritas wechselte sie ins St.-Marien-Krankenhaus, weil dort eine Stelle frei war. „Es war eher Zufall, dass ich hier gelandet bin“, sagt sie. Ein Jahr lang arbeitet sie auf der geschlossenen Psychiatrie. Dort gibt es weder Glasschüsseln, noch gehen die Fenster richtig auf. Das soll verhindern, dass die Patienten sich selbst oder Krankenhausmitarbeiter verletzen. Wer die Station betreten oder verlassen will, braucht einen speziellen Schlüssel.

Im Leben der anderen

Oft verbringen Patienten mehrere Wochen dort. „Längere Aufenthalte in der Psychiatrie sind normal“, erklärt Jessica Beck. Sie hat schon schlimme Schicksale kennengelernt. Zum Beispiel Menschen, die als Kinder misshandelt wurden. Oder einen Mann, der 20 Jahre lang seine krebskranke Frau gepflegt hat. Als sie starb, versuchte er, sich mit den Dämpfen aus seinem Autoauspuff zu vergiften. Das gelang nicht. „Er war ein lieber Mensch und hat mir sehr leidgetan“, sagt die Studentin. Trotzdem hat sie gelernt, all das nicht mit nach Hause zu nehmen. Ihr hilft, mit Kollegen darüber zu sprechen. „Im Team tauschen wir uns aus, so muss niemand allein mit solchen Fällen fertig werden.“

Nach ihrem FSJ arbeitet Jessica Beck heute als studentische Aushilfe weiter. Dabei lernt sie auch andere Stationen im Haus kennen. Denn sie wird dort eingesetzt, wo gerade Bedarf ist. Für sie ist es ein guter Verdienst neben dem Studium. Sie mag die Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet. Im Team halte man zusammen und trete geschlossen auf. „Das ist manchmal wie eine Familie“, sagt sie. Für viele Studenten in Deutschland gehört das Arbeiten neben dem Studium dazu. Laut der letzten Sozialerhebung unter Studenten haben 68 Prozent einen studentischen Nebenjob. Das sind knapp 1,4 Millionen.

Zurzeit arbeitet Jessica Beck auf Station B3, der Neurologie. Dort ist sie für hauswirtschaftliche Tätigkeiten eingeteilt. Das bedeutet, sich um die Küche kümmern, die Patienten mit Essen versorgen und Betten putzen. Das kann anstrengend werden, besonders, wenn viele Betten frei werden. „Ich muss alles desinfizieren, jede einzelne Strebe reinigen und das Bett dann neu beziehen“, beschreibt sie ihre Arbeit. Für ein Bett braucht sie 20 Minuten. Danach hat sie oft Rückenschmerzen.

Auf der Station B3 liegen vor allem Patienten, die wegen Schmerzen ins Krankenhaus kommen. Oft sind es Krankheiten wie Multiple Sklerose, ALS und Schlaganfälle, die hier behandelt werden. Um die Schmerzen zu lindern, arbeiten auf der Station auch Physio- und Ergotherapeuten. Auf den Gängen der B3 ist es ruhig. Ältere Menschen schlendern an den gelben und weißen Wänden entlang, ab und zu ein Klopfen an einer Zimmertür, Besucher mit Blumen, in der Küche klappern Tassen. Auf der digitalen Anzeige über dem Gang wechseln sich das Datum und die Uhrzeit ständig ab.

Auf der A1, der geschlossenen Psychiatrie, ist die Atmosphäre wuseliger. Das ist Jessica Becks Lieblingsstation. Auch wenn sie hier mit Kartoffelbrei beworfen wird. „Ich kann mich richtig einbringen“, sagt die Studentin. Am Anfang hatte sie viel Respekt vor den Patienten. Dass es manchmal nötig ist, stark aufzutreten, musste sie erst lernen. „Je länger ich dabei bin, desto besser lerne ich, Menschen einzuschätzen.“ Auf der Psychiatrie ist es wichtig, dass sie genauso viel über die Patienten weiß wie das Pflegepersonal. Denn manchmal gibt es kleine „Verträge“ mit den Patienten. Sie nennt ein Beispiel: Wenn jemand sein Zimmer ordentlich hält, darf er zehn Zigaretten am Tag rauchen – zum Runterkommen. Über solche Kompromisse muss jeder aus dem Team Bescheid wissen, um nicht ausgetrickst zu werden. Zum Rauchen gibt es einen extra Raum, denn die Patienten dürfen die Station nicht verlassen. Die Arbeit in der Psychiatrie findet die Studentin interessant – auch aus einer soziologischen Perspektive. „Ich sehe Menschen, deren Verhalten von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Zum Beispiel Leute, die sich verkleiden und glauben, im Krieg zu sein, oder sich im Wäschekorb verstecken. Das finde ich spannend.“

Krimi oder Krankenhaus?

Um möglichst nah an ihrer Arbeit zu sein, hat sich Jessica Beck in Klotzsche eine Wohnung gemietet. Die liegt nur wenige Minuten vom St.-Marien-Krankenhaus entfernt. Von dem Geld, das sie verdient hat, konnte sie sich dort schön einrichten. Der Vorteil eines Studentenjobs. Dass sie nah an der Arbeitsstelle wohnt, lohnt sich vor allem, wenn sie erst 20 Uhr Dienstschluss hat und schon um 6 Uhr am nächsten Tag zur Frühschicht muss. Zu den Lehrveranstaltungen in der TU Dresden ist es allerdings ein ganzes Stück Weg. Doch das sieht Jessica Beck entspannt. „An den Tagen, an denen ich zur Uni muss, habe ich sowieso immer frei.“ Genug Zeit also.

Ob sie später beruflich in einer Psychiatrie arbeiten will, weiß sie noch nicht. Sie könnte sich aber vorstellen, als Sozialarbeiterin in solch einem Krankenhaus zu arbeiten. Dann würde sie psychisch kranken Menschen beispielsweise bei Behördengängen helfen. Aber auch eine andere Perspektive kann sie sich vorstellen. Ein Job als Fallanalytikerin bei der Kriminalpolizei. Das wäre auch interessant, sagt sie. „Als Soziologin verkauft man ja eher sein Potenzial.“ Wo genau es mit ihrem hingehen wird, bleibt vorerst noch offen.

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