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Montag, 05.05.2014

Zwischen Hanf-Therapie und Rausch

Rund 400 Menschen forderten am Sonnabend am Alaunplatz die Entkriminalisierung von Marihuana. Sie erhielten ungewöhnliche Schützenhilfe.

Von Tobias Wolf

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Stefan Richter ist an Epilepsie erkrankt. Er wünscht sich, dass Cannabis-Medikamente von den Krankenkassen bezahlt werden. Seine Omas Margot Richter und Ute Biedermann unterstützen ihn.
Stefan Richter ist an Epilepsie erkrankt. Er wünscht sich, dass Cannabis-Medikamente von den Krankenkassen bezahlt werden. Seine Omas Margot Richter und Ute Biedermann unterstützen ihn.

© André Wirsig

Für die einen ist es das Recht auf freien Rausch, für manch anderen die letzte medizinische Hoffnung. Rund 400 Menschen haben am Sonnabendnachmittag am Alaunplatz gegen das Verbot von Cannabis-Drogen demonstriert. Vor allem junge Dresdner, aber auch Familien mit Kindern und Senioren verwandelten den Platz in eine friedliche Veranstaltung, die Züge eines Volksfestes annahm.

Sie forderten, den Besitz und Konsum von Marihuana nicht mehr zu kriminalisieren. Laut geltenden Gesetzen drohen mehrjährige Haftstrafen. „Ich bin hier, weil wir gerade in der Schule darüber sprechen“, sagt Abiturientin Petra Engelmann. „Ich finde nicht, dass Marihuana verteufelt werden sollte, weil Alkohol viel mehr Menschen tötet und trotzdem erlaubt ist.“ Damit werde aber viel Geld verdient.

Mitten unter den Demonstranten stehen Margot Richter und Ute Biedermann. Von Drogenpartys halten die beiden Rentnerinnen nichts. Sie sind gekommen, um ihren Enkel Stefan Richter zu unterstützen. Der 25-Jährige ist an Epilepsie erkrankt und auf Medikamente mit Cannabinoiden, den Wirkstoffen der Hanfpflanze, angewiesen. Auf der Bühne im Alaunpark berichtet er: „Mit 18 Jahren hatte ich den ersten Anfall.“ Seither sei dies immer schlimmer geworden. Herkömmliche Medikamente halfen wegen extremer Nebenwirkungen nicht, sagt er. „Es war erschreckend, das mitzuerleben“, sagt die 74-jährige Ute Biedermann. „Ich habe ihn zucken sehen und konnte nicht helfen.“ Erst nachdem Ärzte Tropfen mit Wirkstoffen verschrieben, die in Marihuana enthalten sind, sei es ihrem Enkel besser gegangen, sagt Biedermann. „Im medizinischen Bereich muss Cannabis unbedingt legalisiert werden“, fordert sie. In vielen US-Bundesstaaten ist das seit den 1990er-Jahren erlaubt. In einer Resolution an den Bundestag gehen über 120 deutsche Strafrechtsprofessoren noch einen Schritt weiter. Sie sehen das geltende Recht von der sozialen Wirklichkeit überholt. Die Drogenpolitik des Verbietens und Strafens sei „gescheitert, sozialschädlich und unökonomisch“, so die Resolution.

Die Bundesregierung sieht bislang keinen Handlungsbedarf und wird durch Umfragen bestätigt. Gegner der Marihuana-Freigabe warnen, dass der Konsum schwere Gesundheitsschäden verursachen könne. Die Aktivisten im Alaunpark, die für den freien Konsum von Cannabisprodukten eintreten, werden wohl weiterdemonstrieren müssen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 11 Kommentare

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  1. woewe

    Danke für den Beitrag: Cannabis ist Medizin, Cannabis ist vielgestaltig, von den Cannabinoiden berauscht (bei entsprechenden Mengen) nur eins: THC (Schmerzmittel, gegen Glaukom), ansonsten CBD (Antagonist zu THC, entzündungshemmend), Cannabigerol (blutdrucksenkend), Terpene. Weitere Anwendungsgebiete: gegen Übelkeit, Appetitlosigkeit, Spastik, Tourette-Syndrom, Krebs, psychiatrische Symptome, Autoimmunerkrankungen (Sativex wird bei MS von der Krankenkasse bezahlt), Alzheimer (siehe Israel). Außer dieser Ausnahme muss Patient seine Medizin selbst bezahlen, für Blüten muss Ausnahmeantrag bei der BfArm gestellt werden. Deutschland ist Entwicklungsland. Viele Konsumenten nehmen unbewusst Cannabis als Selbsttherapie. Prohibition hingegen tötet: Keine Qualitätskontrolle, Verunreinigungen, Streckmittel (Brix, Dünger, Blei) Verfolgung (auch von Patienten), kein Jugendschutz (Dealer interessiert sich nicht fürs Alter), mehr beim Schildower Kreis und bei der Resolution der Strafrechtsprofessoren.

  2. wolfg.

    Nicht nur gesundheitsschädlich sondern auch sozial abträglich ist dieser 'Stoff' zu bezeichnen. Insbesondere, wenn wie derzeit 'angesagt', Mischkonsum praktiziert wird, also z.B. Alkohol mit div. anderen Drogen (-Cannabis) kombiniert wird.-- Welcher Cannabiskonsument lässt sein Bier stehen....?? --Alkohol bleibt aber die Droge Nummer 1, deshalb wird vor jeder Maßlosigkeit mit oder ohne anderen Drogen gewarnt. Ein unsäglicher Vorgang: Kranke als Alibi zu benutzen, um eine sog. Legalität von Cannabis zu erreichen.

  3. Thomas

    "Gegner der Marihuana-Freigabe warnen, dass der Konsum schwere Gesundheitsschäden verursachen könne." Das ist das typische Totschlagargument. Alles KANN schwere Gesundheitschäden verursachen: Zucker, Alkohol, Auto fahren, Leistungssport. Es würden mich mal Zahlen interessieren, wie viele von den Menschen, die regelmäßig kiffen, wirklich relevante Gesundheitsschäden bekommen. Mit einer Legalisierung (mit klaren Begrenzungen!) würden das sicher weniger werden (siehe Kommentar oben)

  4. woewe

    Hallo Namensvetter, Ihr Wissen stammt anscheinend aus sehr duiosen Quellen, ich kann meine nennen: cannabis-med dot org, Schildower Kreis, Selbsthilfenetzwerk Cannabis als Medizin, DHS. Ja, Mischkonsum ist weitgehend abträglich, besonders der von Alkohol mit beliebigen anderen Drogen, hingegen der von Opioiten mit Cannabinoiden ist ZUträglich: Patient kann Dosis seines Opiates verringern. Nein, das kann ich aus den langjährigen Kontakten mit Patienten, die Cannabis als Medikament nutzen, sagen, dass auch diese hinter einer ALLgemeinen Legalisierung von Cannabis stehen und z.T. auch bei den GMMs mitgewirkt haben: in Frankfurt, Heidelberg und Dortmund (in beiden mit eigenem Transparent), ...

  5. siggi

    Ich sehe das ähnlich. Die "Ist-Situation" sieht doch folgendermaßen aus. Es existiert ein großer Schwarzmarkt ohne jede Kontrolle, Jugend- und Rechtsschutz. Patienten und Konsumenten insbesondere Jugendliche werden kriminalisiert. Unmengen an Geldern werden jedes Jahr für Strafvervolgung ausgegeben. In all diesen Punkten würde eine Legalisierung eine Verbesserung herbeiführen!

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