erweiterte Suche
Donnerstag, 07.05.2015

Zwei Bagger, eine Backpfeife

Weil die Investorin Regine Töberich nicht bauen darf, wie sie will, lässt sie ein Stück des Elberadweges wegreißen.

Von Tobias Wolf, Simone Burig, Sophie Arlet, Sandro Rahrisch und Marco Henkel

Der Tag nach dem Radweg-Abriss Elberadweg verliert 50 Meter in Dresden

Regine Töberichs (l.) Leibwächter greift erst zu, als der Mann ihr eine Ohrfeige verpasst hat.
Regine Töberichs (l.) Leibwächter greift erst zu, als der Mann ihr eine Ohrfeige verpasst hat.

© Christian Juppe

Die Motoren dröhnen, als die beiden Bagger sich den Weg durch die Büsche bahnen. Wie aus dem Nichts. Und schon graben sich ihre Schaufeln in den Elberadweg – mitten im Feierabendverkehr. Immer wieder, bis die schwarze Asphaltschicht in großen Schollen aufbricht. Eilig werden die Trümmer beiseite geräumt.

Daneben steht Regine Töberich, bekleidet mit einer militärgrünen Jacke – und gibt ihre Anweisungen wie ein General. Ihre Augen sind hinter einer dunkeln Sonnenbrille verborgen. Sie ist die Investorin des umstrittenen Marina Garden Projekts, eines Luxuswohnprojekts am Pieschener Elbufer. Energisch zeigt die 50-jährige den beiden Baggerfahrern, bis wohin sie den Weg zerstören dürfen.

Der Tag nach dem Radweg-Abriss

Elberadweg verliert 50 Meter in Dresden

Radler bremsen verwundert ab, bleiben fluchend stehen, Jogger weichen über die Elbwiese aus. Mancher wird wütend, brüllt Regine Töberich an. Vergebens. Sie lässt sich nicht beirren. Seit Wochen hatte sie damit gedroht, den Elberadweg abzureißen, wenn die Stadt ihr keine Baugenehmigung erteilt. Erpressung – hieß es im Rathaus. Jetzt macht Töberich ernst. Völlig überraschend. Und irgendwie auch fast erwartet. Noch am Mittag hatte sie der SZ gesagt, vor einem Abriss wolle sie noch den Bescheid der Landesdirektion abwarten, die sich zu ihren Plänen äußern wollte.

Bagger illegal auf dem Elberadweg

Immer mehr Menschen kommen hinzu, schütteln den Kopf. Töberich bleibt ungerührt, schimpft stattdessen über die Stadträte André Schollbach (Linke) und Johannes Lichdi (Grüne), nennt sie „kriminelles rot-grün-rotes Gesocks“. Es habe Versuche gegeben, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, um die Probleme mit dem Bauprojekt auszuräumen, sagt Töberich. Trotzdem dürfe sie ihre Pläne nicht umsetzen. Sie will 240 Wohnungen auf dem Gelände zwischen Leipziger Straße und Elbufer errichten. Rot-Grün-Rot lasse sie nicht bauen. Als sie gefragt wird, ob ihre Bagger nicht illegal über den Elberadweg fahren mussten, um an die Abrissstelle zu kommen, lächelt sie kurz. „Solange Rot-Grün-Rot das Recht bricht, dürfen Sie von mir nichts anderes erwarten.“ Martin Fiedler ist gerade auf dem Weg nach Hause. „Es kann ja sein, das die Investorin Probleme mit der Stadt hat“, sagt er. „Aber das nun hier alle Radfahrer und Fußgänger in Sippenhaft genommen werden, geht gar nicht.“

Inzwischen kommt es zu tumultartigen Szenen. Immer wieder wird Töberich von vorbeifahrenden Radfahrern beschimpft: „Du bist das Letzte“ oder „Das ist mutwillige Zerstörung aus purem Egoismus.“ Erst um kurz vor halb sieben treffen Polizisten und Mitarbeiter des Ordnungsamts ein. Zwei Minuten, nachdem die Bagger weggefahren sind. Auch Baubürgermeister Jörn Marx (CDU) ist aus dem Stadtrat zum Elberadweg geeilt. „Ich bin entsetzt. Was hier abläuft, ist nicht in Ordnung. Halten Sie die Arbeiten an “, fordert er Töberich auf. Sie bleibt cool: „Mache ich nicht. Der Weg gehört mir. Das hier haben Sie und die Verwaltung zu verantworten.“

Ein empörter Radler unterbricht Marx und Töberich: „Warum zerstören Sie meinen Arbeitsweg?“ Ein anderer ruft: „Sie haben sich soeben zur unbeliebtesten Person in ganz Dresden gemacht.“ Ein älterer Mann mit langem weißen Haar und ebenso weißem Bart spricht Töberich an: „Sie sind sehr schön, aber Sie zerstören gerade mein Leben.“ Töberich lächelt nur.

Claudia Band ist nicht nach Lachen zumute. Die 26-jährige Rollstuhlfahrerin quält sich neben dem Radweg vorbei: „Wenn es ihr Radweg ist, kann Frau Töberich ja auch eine Umfahrung bauen. Ich kann nicht aufstehen und meinen Rollstuhl über die Wiese schieben.“ Die Menge um sie herum ist inzwischen auf 150 Menschen angewachsen. Der Ton wird rauer. Ein etwa 50-Jähriger kommt auf sie zu und gibt ihr eine schallende Ohrfeige. Die beiden Bodyguards von Töberich greifen beherzt, aber zu spät zu.

Polizisten schützen Investorin

Nicht jeder der Schaulustigen vermag in der Ohrfeige etwas Unrechtes erkennen, so angespannt ist die Situation. „Du bist das Allerletzte. Das ist völlige Ignoranz, was du hier machst. Wenn Eigentum so etwas macht, dann sollten alle enteignet werden“, schreit eine Mittdreißigerin mit bebender Stimme, während Töberich von Polizisten umringt wird – zur Sicherheit.

Doch aller Protest nützt nichts. Als die Sonne untergeht, errichten Arbeiter einen Zaun um die Lücke im Elberadweg. Morgen soll Schotter darüber kommen, aber nur, damit niemand dort verunglückt.