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Zu viel Kritik an Trump?

Warum versucht die SZ fast täglich, Politiker wie Trump, Putin und Erdogan, die in ihren Ländern über deutliche Mehrheiten verfügen, vom Grundsatz her anzugreifen und teilweise zu verunglimpfen? Wäre es nicht Aufgabe der SZ, sich sachlicher mit deren Politik zu beschäftigen und die Gründe für deren Mehrheiten zu suchen? MfG, G. Schmidt

18.11.2016

Sehr geehrter Herr Schmidt,

die Medien sollen den Dingen auf den Grund gehen, da stimme ich Ihnen zu. Dazu gehört, vor jeder Bewertung sachlich zu analysieren. Gerade im Falle des Wahlsieges von Donald Trump haben die Medien noch jede Menge Arbeit zu leisten. Es gilt herauszufinden, warum so viele Amerikaner derart frustriert sind. Wie es zu einer so schweren Krise des amerikanischen Kapitalismusmodells kommen konnte. Wieso Menschen mit geringen Einkommen alle Hoffnungen auf einen Milliardär setzen.

Die Antworten auf diese Fragen sind womöglich nicht nur für das Verständnis der Wahlergebnisse in den USA wichtig, sondern helfen vielleicht weiter, rechtspopulistische Bewegungen in Deutschland und Europa besser zu verstehen und die Politik darauf einzustellen. Die Sächsische Zeitung wird mit ihren Möglichkeiten zur Analyse beitragen und sich mit interessanten Debattenbeiträgen an der Diskussion beteiligen. Bitte verfolgen Sie dazu vor allem die Seiten mit dem Titel „Perspektiven“.

Allerdings gehört es zum Selbstverständnis einer Zeitung, dass sie nach der Analyse auch deutliche Worte für kritikwürdige Zustände findet. Selbstverständlich hat die SZ George W. Bushs Irakkrieg oft und deutlich kritisiert und seine Folterkeller ebenso.

Genauso selbstverständlich ist es, Putins aggressiven Kurs in der Ukraine zu verurteilen oder Erdogans Praxis, Zehntausende Gegner in die Gefängnisse zu stecken.

Und es gibt überhaupt keinen Grund, Donald Trumps unverschämte Ausfälle gegen Frauen, Minderheiten, Flüchtlinge nur deshalb zu relativieren, weil eine Mehrheit der Wähler bereit ist, diesem Mann all das durchgehen zu lassen.

Amerikanische Präsidenten bezeichnen sich gern als Führer der freien Welt. Dies ist nicht nur Ausdruck großer Macht und daraus erwachsenem Selbstbewusstsein. Dieser Anspruch leitet sich auch vom Willen ab, weltweit für Demokratie und Freiheit einzutreten. Ist es deshalb nicht ganz selbstverständlich, wenn die Medien Herrn Trump jetzt den Spiegel vorhalten und ihn an diesen Ansprüchen messen? Ist es wirklich erstaunlich, wenn sie dabei feststellen, dass er den bisher auch nicht ansatzweise gerecht geworden ist?

Sollte sich Donald Trump ab 20. Januar 2017 doch als ein verantwortungsvoller Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika erweisen, wird die SZ ausführlich darüber berichten und gewiss nicht mit Lob sparen.

Ihr Olaf Kittel

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