erweiterte Suche
Freitag, 17.06.2016

Zu den Waffen

In seinem Lausitzer Laden verkauft Gunter Fritz seit 23 Jahren Messer, Pistolen und Schlagstöcke. Gerade macht er die besten Geschäfte seines Lebens. Auch mit Wutbürgern und Rechtsextremen.

Von Doreen Reinhard

 Präsentiert das Gewehr! Waffenhändler Gunter Fritz zeigt in seinem Laden in Ebersbach eine modifizierte Kalaschnikow-Sportwaffe. Den Pappkameraden links im Foto lässt er nachts natürlich nicht vor der Tür stehen. Die 40 Quadratmeter Laden sind vollgestopft, mit allem, was sich seine Klientel wünscht.
Präsentiert das Gewehr! Waffenhändler Gunter Fritz zeigt in seinem Laden in Ebersbach eine modifizierte Kalaschnikow-Sportwaffe. Den Pappkameraden links im Foto lässt er nachts natürlich nicht vor der Tür stehen. Die 40 Quadratmeter Laden sind vollgestopft, mit allem, was sich seine Klientel wünscht.

© Thomas Kretschel

Auf einer Landstraße in Ebersbach, im hintersten Zipfel der Lausitz, steht ein Soldat am Wegesrand. Er wirbt für einen Laden in einem schlichten Flachbau, den man leicht übersehen könnte. Gunter Fritz glaubt, dass er den Plastiksoldaten eigentlich gar nicht mehr braucht. Denn da gebe es ja diese andere Kampagne. „Die Frau Merkel ist die beste Werbung für meinen Waffenhandel. Sie hat das Land mit Flüchtlingen geflutet, ohne für Lösungen zu sorgen“, sagt er. „Deshalb bin ich da. Ich mache die Bürger wehrhaft, damit sie für ihre Sicherheit sorgen können.“ Alle Kunden, die sein Geschäft betreten, bekommen diese Sätze zu hören. Den meisten gefallen sie.

Der Waffenladen von Gunter Fritz zieht nicht nur Jäger und Sportschützen an. Hier kaufen auch Wutbürger, Flüchtlingsgegner und Rechtsextreme ein. Wer zu welchem Lager gehört, ist nicht immer klar, die Grenze fließend. Das gilt auch für den Chef selbst. Fritz macht Geschäfte mit Waffen und Gefühlen, auch mit Angst und Hass.

Der 55-Jährige ist ein ausgebuffter Händler und weiß, wie seine Kunden ticken. Auch, dass sie lockerer werden, wenn er bei Verkaufsgesprächen herumwitzelt, auf seine ganz eigene Art. „Waffen sind zur Lösung von Problemen da, wissen Sie? Zum Beispiel, wenn Ihre Schwiegermutter zu lange zu Besuch ist ?“ Das ist so ein Scherz, den er bei Kunden oft fallenlässt.

Er funktioniert auch in dieser Situation: Ein Mann, um die 40, betritt das Geschäft und interessiert sich für eine Schreckschusspistole. Sein Sohn, vielleicht zehn Jahre alt, beobachtet den Einkauf stumm. Gunter Fritz erklärt: „Das Schießen mit richtigen Waffen darf man Ihnen nur auf einem Schießstand beibringen. Mit Pappkameraden als Zielscheibe. Sie können sich ja, damit es besser klappt, das Gesicht eines Nachbarn vorstellen, den Sie nicht mögen.“ „Oder einen Asylanten“, ergänzt der Kunde und lacht. Gunter Fritz lacht mit.

Fritz, ein hagerer Mann mit stoischen Gesichtszügen, ist Besitzer und einziger Mitarbeiter seines Waffenhandels. Den Flachbau hat er nach der Wende selbst hochgezogen, direkt vor dem Häuschen, in dem er mit seinen Eltern lebt, 100 Meter entfernt von der tschechischen Grenze. Er wollte sich eine neue Aufgabe schaffen, denn damals war er arbeitslos. Die Kerzenfabrik, in der Fritz jahrelang angestellt gewesen war, machte dicht. „Ich wollte nicht in den Westen gehen wie viele meiner Bekannten.“ Also begann er, mit Waffen zu handeln. Die brauchen die Menschen immer, dachte er. Was nicht stimmte. Es gab Jahre, da lief das Geschäft so schlecht, dass er aufgeben wollte. Er hangelte sich trotzdem durch. Bis wieder goldene Zeiten anbrachen. Jetzt macht Gunter Fritz die Geschäfte seines Lebens.

Sein Laden ist nicht groß, 40 Quadratmeter, vollgestopft bis in den letzten Winkel. Der billigste Artikel ist Pfefferspray, die Dose zu 9,90 Euro, zuletzt häufig ausverkauft. Die teuersten Produkte liegen in verschlossenen Vitrinen, scharfe Waffen, Jagdgewehre und umgerüstete Kalaschnikow-Kopien, für die man vierstellige Beträge zahlen muss. Lange fielen in seinem Geschäft 50 Prozent der Verkäufe in die Kategorie „Sport & Spiel“, die andere Hälfte in „Jagd & Verteidigung“. Seit Herbst 2015 steigen die Umsätze vor allem im Bereich Verteidigung. „Die Leute kommen zu mir, weil sie Angst vor der Zukunft haben.“

Will man wissen, wovor sich die Menschen fürchten, rattert Gunter Fritz seine eigenen Ängste herunter: „Meine Heimat geht den Bach runter. Keine Wirtschaft mehr, massenhaft Abwanderung, Grenzkriminalität. Jetzt kommen auch noch die Asylanten. Mit denen steigt die Kriminalität noch mehr. Davor müssen wir uns schützen, die Polizei schafft das nicht. Also erledige ich die Aufgabe der Polizei.“ Die Rechnung des Waffenhändlers hat komplizierte Faktoren, in seiner eigenen Logik aber ein einfaches Ergebnis: Anleitung zur Selbstverteidigung. Oder Aufruf zur Selbstjustiz. Die Art, wie Fritz seine Geschäfte abwickelt, lässt beide Interpretationen zu.

Manchmal ist er stundenlang allein in seinem Laden. Dann wieder drängeln sich Autos mit Kennzeichen aus ganz Sachsen davor, und Fritz muss im Akkord beraten. Ein älteres Paar schleicht um die Auslage mit Schreckschusswaffen. Er würde am liebsten sofort eine Pistole kaufen, ihr ist das nicht ganz geheuer. Beide gehen schließlich unbewaffnet. „Ich komme ohne meine Frau wieder“, wispert der Mann Gunter Fritz noch schnell zu. Der hat schon wieder das Telefon am Ohr, ein Kunde aus Freiburg. Er erledigt häufig Fernbestellungen, wenn andere Händler ausverkauft sind. „Einen Fünfschüsser suchen Sie? Den wollen Sie auf der Straße tragen? Beziehungsweise, den müssen Sie auf der Straße tragen - von wollen kann heute ja keine Rede mehr sein.“ Dann beansprucht ein Bekannter seine Aufmerksamkeit. Ein „Patriot“ - das steht in Großbuchstaben auf seiner Jacke. Er will nicht kaufen, nur klagen. Über den Niedergang der Provinz, über Betriebe, die geschlossen haben, und über Einbrüche in der Nachbarschaft.

Man kann mit Fritz stundenlang über die Lage im Land diskutieren. Auch deshalb kommen seine Kunden. Er war noch nie bei einer Pegida-Kundgebung, obwohl er mit der Bewegung sympathisiert. Doch zum einen hat er keine Zeit - „Ich bin ja immer in meinem Laden“ -, zum anderen braucht Fritz Pegida nicht, weil es an seinem Verkaufstresen oft ähnlich zugeht wie montags in Dresden, mit den gleichen Parolen, Gerüchten, Verschwörungstheorien, mit Frust auf die Politik und Wut auf die Presse.

„Politiker sind Angestellte des Volkes. Sie sollen machen, was wir sagen, aber das tun sie eben nicht“, schimpft er. „In Zeitungen stehen nur zwei Dinge, die man glauben kann: das Datum und der Preis.“ Die Sächsische Zeitung hat er trotzdem abonniert. Um sich zu informieren, sagt er. Täglich schneidet er Polizeimeldungen aus und klebt sie in einen Ordner, der griffbereit im Laden steht. „Gesammelte Beweise für die schlechte Arbeit von Polizei und Presse.“ Fritz glaubt: „In der Zeitung stehen nur drei Prozent der tatsächlichen Straftaten, der Rest wird unterschlagen. Und die Polizei hat die Lage nicht im Griff.“

Man kann ihm vieles entgegnen. Von der Arbeit in Zeitungsredaktionen berichten, etwa dass Journalisten Polizeimeldungen aus Platzgründen auswählen, nicht aber 97 Prozent der Straftaten bewusst geheim halten. Man kann ihm auch die offiziellen Statistiken der Polizei zeigen, die viel weniger dramatisch klingen: Ja, es gibt in der Lausitz Probleme mit Grenzkriminalität, mehr als in anderen Kreisen. Aber die Zahlen der Straftaten sind in der Region insgesamt gesunken, laut zuständiger Polizeidirektion 2015 um fünf Prozent. Mehr als jede zweite Straftat wurde aufgeklärt.

Aber all diese Fakten prallen an Gunter Fritz ab. Seine Wahrheit ist das, was seine Kunden im Laden erzählen und er anderen Kunden weitererzählt. Anderen Informationen verweigert er sich. Nicht aber Gerüchten wie jenem, dass Flüchtlinge in Supermärkten Sachen im Wert von 40 Euro klauen dürften. Es gäbe Anweisungen, an die sich jeder Mitarbeiter halten müsse, davon ist er überzeugt. Man kann ihn bitten, gemeinsam alle benachbarten Supermärkte zu besuchen, um festzustellen, dass dieses Gerücht an keiner Stelle der Wahrheit entspricht. Fritz schüttelt mit dem Kopf: „Das bringt nichts. Das ist eine inoffizielle Anordnung, die man in den Märkten befolgt. Darüber dürfen die aber nicht sprechen.“

Flüchtlinge, die in seinem Laden so oft Thema und Anlass für Waffenkäufe sind, sieht Gunter Fritz selten, in seiner Gemeinde Ebersbach-Neugersdorf leben nur wenige. Etwa drei Dutzend Asylbewerber seien in Wohnungen untergebracht, heißt es vom hiesigen Ordnungsamt. Dafür hat sich eine andere Gruppe auffällig vergrößert: die der Waffenbesitzer.

Das Gesetz unterscheidet zwei Gruppen. Scharfe Waffen sind nur einem kleinen Kreis erlaubt, zum Beispiel Sportschützen und Jägern. Zu Hause dürfen diese Waffen nur verschlossen aufbewahrt werden. Der Eigentümer muss eine Waffenbesitzkarte nachweisen und Sachkundeprüfungen, etwa eine mehrmonatige Ausbildung in einem Schützenverein. Außerdem gibt es den sogenannten Kleinen Waffenschein für das Führen von Schreckschusswaffen. „Führen“ heißt: Man darf diese Waffen in der Öffentlichkeit tragen, aber nicht damit schießen. Falls jemand damit schießt, müsste er vor Gericht erklären, ob er aus Notwehr gehandelt hat. Darüber entscheiden letztlich juristische Einzelprüfungen. Ein Sachkundenachweis wird für den Kleinen Waffenschein nicht verlangt.

Der Sächsische Schützenbund hat Anfang des Jahres einen Rekord veröffentlicht. Die Zahl der Mitglieder ist seit 2015 um knapp neun Prozent gestiegen. Während der gesamtdeutsche Verband in der gleichen Zeit 14 000 Mitglieder verlor, verbuchten Sachsens Schützen das größte Plus aller Landesverbände. Im Vorstand des Verbandes schwankt man zwischen Freude und Verwunderung. Einen Zusammenhang zur besonders ausgeprägten Unsicherheit und Hysterie im Freistaat will niemand herstellen. Doch es herrsche erhöhte Aufmerksamkeit. Der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Frank Kupfer, Präsident des Sächsischen Schützenbundes, erklärte unlängst seinen Mitgliedern: „Wir stehen unter Beobachtung der Öffentlichkeit. Wir dürfen uns keine Fehler leisten. Lieber einmal auf ein Mitglied verzichten, als den Falschen aufzunehmen.“

Auch die Zahl der Kleinen Waffenscheine steigt. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden in Sachsen 2 926 Kleine Waffenscheine ausgestellt, teilte das Innenministerium mit. Das sind allein im ersten Quartal fast doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr. In der Heimat von Gunter Fritz, im Landkreis Görlitz, wurden im April 890 dieser Scheine registriert - 226 mehr als ein Jahr zuvor. Ob es jetzt auch stärkere Kontrollen der Waffenbesitzer gibt, bleibt trotz Anfrage beim Landratsamt unklar. „Kontrollen werden individuell und bei Bedarf vorgenommen“, heißt es dort nur.

Gunter Fritz beteuert seine Gesetzestreue. „Es kommen immer mal Leute vorbei, die mich nach illegalen Waffen fragen, aber das mache ich nicht. Da bin ich ja sofort meine Lizenz los.“ Es gebe regelmäßig Kontrollen in seinem Geschäft, auch von Testkäufern, die Behörden zu ihm schickten. Er klärt seine Kunden über die Gesetze auf und lässt sich die Belehrung schriftlich bestätigen. Was sie mit den Waffen vorhaben? Für solche Nachforschungen fühlt Fritz sich nicht verantwortlich. „Ein Autoverkäufer kann sich auch nicht dafür verbürgen, dass ein Kunde nicht am nächsten Tag mit dem Wagen eine Bank überfällt.“

Was Fritz sehr wohl weiß: Bei ihm kaufen auch Rechtsextreme. Ein Teil seines Sortiments ist speziell für diese Klientel attraktiv, daraus macht er keinen Hehl. „Ich darf niemanden diskriminieren. Jeder hat das Recht auf seine Meinung.“ Bomberjacken? „Ist praktische Bekleidung.“ Aufnäher für Jacken, die das Logo „Doberman Deutschland“ und gemalte Springerstiefel zeigen? „Ganz normale Stiefel. Oder sehen Sie da ein Hakenkreuz?“ Das wäre verfassungsfeindlich, also verboten. Auf solche Details achtet Fritz, der Grenzgänger, peinlich genau. Eine Grenzverletzung kann er sich keinesfalls leisten.

Obwohl man damit nicht schießen kann, ist ein Bestseller in seinem Laden ein Schwibbogen, sogar jetzt, im Frühsommer. Eine Familie ist extra deshalb gekommen. „Wir wollen die Sonderbestellung abholen“, sagt die Frau, Mitte 30, und schaut sich misstrauisch um. Es ist ihr nicht recht, dass andere mithören. Während Gunter Fritz den Lichterbogen von einem Regal holt, testet sie eine Armbrust. Ihr Mann prüft derweil Gewehre, der Sohn, etwa acht Jahre alt, interessiert sich für einen Spielzeug-Galgen. Dann stehen alle begeistert vor dem Schwibbogen. Eine Szene, gegossen in schwarzes Metall: Soldat mit Schäferhund, Flagge, Flugzeug, ein Wachturm, der an Konzentrationslager erinnert, darunter der Schriftzug „Deutsches Vaterland“, darüber ein Reichsadler. „Gute deutsche Wertarbeit!“, sagt die Kundin. „Wir kennen noch mehr Interessenten und würden gern eine Großbestellung machen.“ Warum sie sich gerade für dieses Exemplar interessiert? Statt einer Antwort packt die Frau stumm die Einkäufe zusammen und schiebt ihre Familie aus dem Laden.

114,99 Euro kostet so ein Schwibbogen. „Die produziert ein Bekannter im Ort“, sagt Fritz. Mehr will auch er dazu nicht sagen. Möglicherweise benutzt der Bekannte eine Vorlage. Im Internet findet man jedenfalls einen Bogen, der fast identisch ist mit dem Lausitzer Modell. Dieselbe „Vaterlands“-Szene, allerdings dekoriert mit Hakenkreuzen. Vertrieben wird jenes Exemplar von Onlinehändlern mit Firmensitz in Gibraltar, doch ist auf der Webseite vermerkt, dass man gerne an Kunden in Deutschland liefert. Auch Erdnüsse in einer nachempfundenen Büchse „Zyklon B“ - das Auschwitz-Gas.

Gunter Fritz sagt, er habe von diesem Online-Shop noch nie gehört. Mit Hakenkreuzen wolle er eh nichts zu tun haben und würde auch nie Werke von Adolf Hitler verkaufen. „Die kommentierte Ausgabe von ,Mein Kampf? finde ich albern. Das Original habe ich zum Teil gelesen, aber das ist wirklich großer Mist.“ Gunter Fritz überlegt kurz, dann fügt er hinzu: „Adolf Hitler ist doch der beste Beweis, dass Ausländer für Deutschland schädlich sind.“