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Freitag, 19.02.2016

Zu Besuch bei der Ratskeller-Wirtin

Kirsten Naumann war die letzte Betreiberin der Traditionskneipe, die vor sechs Jahren schloss. Bier zapft sie noch immer.

Von Susanne Plecher

Kirsten Naumann war die letzte Ratskellerwirtin. Sie hat die Gaststätte im Oktober 2005 eröffnet und musste sie am 31. Januar 2010 schließen. Die gebürtige Großenhainerin hat sich davon nicht unterkriegen lassen und betreibt seither erfolgreich das Restaurant Tolkewitz in Dresden.
Kirsten Naumann war die letzte Ratskellerwirtin. Sie hat die Gaststätte im Oktober 2005 eröffnet und musste sie am 31. Januar 2010 schließen. Die gebürtige Großenhainerin hat sich davon nicht unterkriegen lassen und betreibt seither erfolgreich das Restaurant Tolkewitz in Dresden.

© Anne Hübschmann

Großenhain/Dresden. Die Marienkirche hat sie mitgenommen. Zumindest ein Bild von ihr. Die zarte Bleistiftzeichnung, die der ehemaligen Ratskellerwirtin Kirsten Naumann einmal geschenkt worden war, hängt nun in ihrem neuen Restaurant am Johannisfriedhof im Dresdner Stadtteil Tolkewitz. Vis-à-vis zur Kirche hat sie das Bild der drei kokett gekleideten Damen platziert, das früher einmal die Kellerbar schmückte. „Daran würden sich bestimmt einige Großenhainer erinnern“, sagt sie. Denn wenn sie zum Tanz rief, einmal im Monat, dann war die Kellerbar voll.

Der letzte Walzer ist längst verklungen. Anfang des Monats waren es sechs Jahre, dass Kirsten Naumann und ihr Team den Ratskeller räumen mussten und Großenhain den Rücken kehrten. Die Verwaltung wollte den befristeten Mietvertrag damals nicht verlängern – auch wenn es Widerstand gab. Treue Ratskellerfans hatten sogar eine Unterschriftenliste befüllt. Über 200 hatten sich darauf für den Erhalt der Traditionsgaststätte ausgesprochen. Doch das Rathaus brauchte den Platz für Verwaltung und Großenhain-Information selbst. Am Bürgermeister-Entschluss war nicht zu rütteln. Damals hat sie nicht mehr schlafen können, aber heute schaut sie ohne Gram zurück. „Es war eine schöne Zeit“, sagt sie trotz des verlorenen Kampfes. Wehmut kommt nicht auf dabei.

Eine Wohngebietsgaststätte

Dass sie zeitnah in Dresden starten konnte, hat geholfen. Schon Mitte Februar 2010 haben Kirsten Naumann und ihr Mann den Mietvertrag für das „Restaurant Tolkewitz“ in der Wehlener Straße 26 unterschrieben. Hell und einladend ist die Gaststätte, die Einrichtung ein bisschen beliebig. „Das hier ist etwas ganz Konservatives, eine richtige Wohngebietsgaststätte“, sagt die Wirtin und kassiert grauhaarige Gäste ab. Eine Frau verabredet sich zum Palatschinken, den gibt es das ganze Jahr. „Aber den Besonderen mit Nuss haben wir nur im Februar“, so Kirsten Naumann. Neben dem Gundelpalatschinken stehen jetzt auch Fischpörkölt, Gulyás und Esterházy Rostbraten auf der Karte, Überbleibsel ihrer Zeit in Ungarn. In Pécs hatte sie in den 80ern studiert. Im September gibt es österreichische Speisen. Auch das kennt man aus dem Ratskeller. Kirsten Naumann hat ihr Team zusammengehalten, Koch und Kellnerin haben den Ortswechsel mitgemacht. Das beste für sie: Der existenzielle Druck ist weg. „Wir haben hier auf einem viel höheren Niveau als in Großenhain begonnen, die Gäste haben uns gleich angenommen“, berichtet sie. Mit dem Tag der Eröffnung kamen die Leute, der Laden läuft seither kostendeckend – durchgehend.

Viele ältere Gäste

Der Johannisfriedhof ist der zweitgrößte der Landeshauptstadt, Maler, Musiker, Dichter fanden hier ihre letzte Ruhe. 2011 hat ihn ein Gremium um Margot Käßmann zum schönsten Friedhof Deutschlands gekürt. Damals nahmen an Kirsten Naumanns Tischen auch Touristen Platz. Doch die meisten Gäste kommen, um ihre Toten zu beweinen. In den „Sterbemonaten“, wie die Wirtin sie nennt, also von Oktober bis März, melden sich 15 bis 20 Trauerfeiern an, allein am Freitag sind es drei. Ein kalkulierbares Standbein. Andere sind Geburtstagsfeiern und die Rentner, die nicht mehr kochen oder nicht allein sein wollen. „Ich komme prima mit unseren älteren Gästen hin“, so die Wirtin. Ihre Eltern, beide über 80, besucht sie jeden freien Tag. „Zum Reden“, wie sie sagt. Als das betagte Paar weniger betagt war, zog es von Großenhain nach Dresden. Auch das war ein Grund für die Tochter, sich in der Landeshauptstadt niederzulassen. Bereut hat sie es nie.

Nach Großenhain ist sie nach dem Umzug der Familie nicht mehr gekommen, das umgebaute Rathaus hat sie sich nicht angeschaut. Aber eine Vorliebe für Ratskeller ist geblieben. „Immer, wenn ich zum ersten Mal in eine Stadt komme, schaue ich, ob der Ratskeller noch betrieben wird“, sagt sie. Und dann kehrt sie ein.