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Samstag, 13.01.2018

„Zittau hat eine Chance“

Landrat Bernd Lange spricht mit der SZ über die mögliche Bewerbung zur Kulturhauptstadt und was das für die gesamte Region bedeutet.

Von Thomas Mielke

Er hat die Idee für Zittaus Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“ gehabt und wirbt nun für diese Idee und um die dafür notwendigen Partner in der Region: Landrat Bernd Lange.
Er hat die Idee für Zittaus Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“ gehabt und wirbt nun für diese Idee und um die dafür notwendigen Partner in der Region: Landrat Bernd Lange.

© Nikolai Schmidt

Zittau. Sogar der ehemalige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hat Zittau ermutigt, sich auf den langen Weg zum Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“ zu machen. Seit der Einführung 1985 durften sich damit in Deutschland Berlin, Weimar und zuletzt 2010 Essen mit dem Ruhrgebiet schmücken. In sieben Jahren ist Deutschland wieder an der Reihe und wird eine von zwei Kulturhauptstädten stellen. Die andere steht Slowenien zu. Bislang wollen sich zwischen Nordsee und Alpen unter anderem Hannover, Nürnberg, Kassel, Hildesheim, Halle, Dresden und Chemnitz bewerben. Zittau ist ebenfalls die allerersten Schritte gegangen. Wie die Chancen stehen, wie er auf die Idee kam, Zittau ins Rennen zu schicken, welche Rolle dabei die gesamte Region spielt und wie Außenstehende die mögliche Kandidatur der Oberlausitzer Stadt bewerten, sagt Landrat Bernd Lange (CDU) im SZ-Gespräch:

Herr Lange, hat die Zittauer Bewerbung auch nur den Hauch einer Chance?

Daran glaube ich fest, so fest, wie ich auch an unsere Region glaube. Zittau hat Potenzial. Das hat ja schon der ehemalige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich während der Eröffnung der Epitaphien-Ausstellung im Sommer deutlich gesagt. Auch einige Projekte wie eben die Epitaphien-Ausstellung sind ein Beweis dafür. Zudem hat uns Herr Pleitgen, Geschäftsführer der Kulturhauptstadt GmbH, für die „Ruhr 2010“, ermutigt. Als der Zittauer Oberbürgermeister und ich kürzlich in Brüssel waren, um zu erfahren, was für die Bewerbung erforderlich ist, ist uns klar geworden, dass unser Bezug zu Europa positiv beachtet wird. Auch hier in Sachsen hören wir viele fachliche Stimmen, die sagen: Das Konzept hat was, auch wenn es noch nicht rund ist.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Zittau ins Rennen zu schicken?

Die Fakten haben gezählt. Die Region braucht so eine Bewerbung, und ich brauche einen Antragsteller. Vor diesem Hintergrund fallen zwei Städte auf, die früher und heute genügend Kultur sowie den Bezug zu Europa haben: Görlitz als geteilte Stadt und Zittau im Dreiländereck.

Zittau ist auch eine geteilte Stadt. Ehemalige Ortsteile liegen in Polen. Aber warum Zittau und nicht Görliwood? Görlitz ist doch viel bekannter.

Warum nicht jemanden Unbekannten bekannter machen? Warum nicht so jemanden aus dem Schatten holen? Aber es sprachen auch Fakten für Zittau.

Welche?

In Görlitz stehen mehrere große Jubiläen an, die vorzubereiten sind. Da hat die Stadt den finanziellen Spielraum für die zweite Kulturhauptstadt-Bewerbung nicht. Also bin ich auf Oberbürgermeister Zenker zugegangen und bei ihm auf offene Ohren gestoßen. Dann haben wir uns in der Bevölkerung umgehört und waren überrascht, wie positiv die Idee – auch rings um Zittau – aufgenommen wurde.

Und Zittau hat Geld für die Bewerbung?

Zittau hat vermutlich genauso wenig finanzielle Spielräume wie Görlitz, vielleicht sogar weniger. Aber die Stadt wird es schaffen, denn wir werden Drittmittel der öffentlichen Hand und aus der Wirtschaft gewinnen. Vorerst sind die Kosten überschaubar. Für 2018 sind 200000 Euro vorgesehen, für 2019 das Doppelte. Wenn wir dann entscheiden sollten, richtig loszulegen, müssen wir unsere gesamte Kraft nutzen und auch Mittel in den nächsten Doppelhaushalt des Landkreises einstellen. Da wir uns auch mit dem Sechs-Städte-Bund, der Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec und dem kleinen Dreieck bewerben wollen, also mit der Gesamtregion, bin ich optimistisch, dass der gesamte Landkreis Görlitz mitziehen und der Kreistag zustimmen wird. Zuvor werden wir den Partnern die Chancen dieser Bewerbung aufzeigen.

Die da wären?

In Brüssel hat man uns gesagt: Für die Bewerbung müsst ihr den regionalen Bezug herstellen. Um die Stadt Dresden zum Beispiel, die sich auch bewerben will, leben nur Deutsche. Wir aber leben mit Polen und Tschechen bereits Europa. Zittau arbeitet im Kleinen Dreieck mit ihnen zusammen, unser Theater hat das trinationale Festival J-O-S, das Umgebindeland funktioniert grenzüberschreitend, die Hochschule Zittau/Görlitz betreibt die Neiße-University mit Partnern in Polen und Tschechien, um nur einige Beispiele zu nennen. Das ist für uns schon Normalität, für andere aber etwas ganz Besonderes. Auch den Zusammenhalt im Sechs-Städte-Bund über die Grenze hinweg gab es nicht nur früher. Er wird gelebt, was man unter anderem an der Zusammenarbeit der Landkreise und beim Tourismus sehen kann. Wenn wir darstellen, dass diese Zusammenarbeit auch die Zukunft der Region ist, dann schaffen wir es, uns in Sachsen und Deutschland herauszustellen. Dann hat die Bewerbung eine echte Chance. Nicht umsonst ist die Stadt Dresden auf uns zugekommen und hat um Gespräche gebeten. Auch Frau Ludwig, die Chemnitzer Oberbürgermeisterin, die sich mit ihrer Stadt ebenfalls bewerben will, beobachtet ganz genau, was wir hier treiben.

Vom Sechs-Städte-Bund haben bisher aber nur Bautzen, Löbau und Kamenz ihre Freude über die mögliche Bewerbung kundgetan…

Auch der Görlitzer Oberbürgermeister hat signalisiert, dass er mittun will.

Wirklich? Öffentlich gab es dazu bisher keine Stellungnahme.

Ja, er hat das signalisiert. Nicht in führender Rolle. Aber Görlitz will mittun.

Stimmt es, dass Sie einen weiteren Partner – die Stadt Nova Gorica in der slowenischen Partnerregion des Landkreises Görlitz – ins Boot holen wollen?

Ja. Die Idee ist bereits vor einem Dreivierteljahr geboren worden. Auch Slowenien darf 2025 eine Kulturhauptstadt stellen. Da lag der Gedanke nahe, unserer Partnerregion die Kooperation anzubieten und so zu zeigen, dass wir quer durch Europa verbunden sind. Das wäre ein Element, mit dem wir bei der Bewerbung noch mehr punkten könnten. Wir haben unsere Partner daraufhin angeschrieben – und sie waren von der Idee hellauf begeistert.

Sie sagten, dass die Region so eine Bewerbung braucht. Warum?

Sie bietet Chancen auf die Rückkehr zum Selbstbewusstsein: Leute, ihr könnt stolz auf eure Region sein, auf das, was wir geschaffen haben und was wir schaffen werden. Und sie bietet die Chance, die Region hinter einer Sache zu vereinen. Wenn sich alle – na gut, 90 Prozent, denn alle machen nie mit – hinter die Bewerbung stellen, entsteht ein neues Wir-Gefühl.

Was bringt eine Bewerbung, wenn sie dann aber nicht erfolgreich ist?

Einen ganz großen Werbeeffekt. Auch wenn man es kaum glauben mag: Die Oberlausitz ist zwar in Ostdeutschland bekannt, im Westen aber noch relativ wenig. Schon die Bewerbung würde Menschen anziehen, die dann anderen sagen: Dort ist es toll. Das hätte nicht nur Effekte für den Tourismus, sondern auch für die Wirtschaft an sich. Vielleicht werden Firmen wie zum Beispiel Borbet auf die Region aufmerksam und sagen sich, dass sie nicht in die großen Städte gehen, sondern lieber zu uns kommen. Davon würde nicht nur Zittau, sondern Bad Muskau, ja die ganze Region, würden auch die Nachbarn in Polen und Tschechien mit ihrer Tourismus-Infrastruktur profitieren. Diese Effekte hat schon die Bewerbung von Görlitz gezeigt, auch wenn die Stadt am Ende Zweiter geworden ist.

Was sind die nächsten Schritte auf dem Weg zur Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“?

Wir wollen möglichst noch im Januar eine Geschäftsstelle mit vorerst einem Mitarbeiter in Zittau eröffnen. Sie soll über Drittmittel finanziert werden, von denen der erste Teil schon da ist. Zudem muss um Sponsoren geworben werden. Dann erwarten wir in den nächsten Monaten die Ausschreibung und werden uns mit externer Begleitung mit den Antragsunterlagen beschäftigen. Auch möchten wir einen begleitenden Arbeitskreis mit Vertretern aus allen Schichten der Gesellschaft einrichten. Im 4. Quartal werden wir Rechenschaft vor dem Kreistag ablegen und hoffentlich sagen können: Wir sind auf einem guten Weg. Allerdings werden wir auch klar sagen, wenn wir keine Chance sehen. Das Gleiche wird Oberbürgermeister Zenker sicher auch vor dem Zittauer Stadtrat tun.

Wann wird endgültig klar sein, ob Zittau den Hut in den Ring wirft?

Bis November müssen wir offiziell signalisieren, ob wir uns bewerben wollen.