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Donnerstag, 04.12.2014

Ziemlich stille Freunde

Sudarshan aus Nepal leistet in Dresden Freiwilligendienst. Zu dem gehörlosen Autisten Florian hat der junge Mann aus dem Himalaya eine ganz besondere Beziehung.

Von Anna Hoben

Für den sozialen Freiwilligendienst hat Sudarshan zum ersten Mal seine Heimat Nepal verlassen. Dass er noch wenig Deutsch spricht, kümmert den Autisten Florian nicht. Die beiden verstehen sich ohne Worte.
Für den sozialen Freiwilligendienst hat Sudarshan zum ersten Mal seine Heimat Nepal verlassen. Dass er noch wenig Deutsch spricht, kümmert den Autisten Florian nicht. Die beiden verstehen sich ohne Worte.

© Norbert Millauer

Florian ist groß und kräftig, Sudarshan klein und schmächtig; aber wenn die beiden in der Wohngemeinschaft umhergehen, dann stützt der Kleine den Großen. Florian zwicke manchmal Fremde, warnt ein Betreuer; aber wenn Sudarshan seine Hand auf Florians legt, bleibt er ganz ruhig. Florian isst am liebsten nur Fleisch; aber wenn Sudarshan ihn füttert, dann schluckt er sogar den Spinat hinunter.

Man kann Florian nicht fragen, was er an Sudarshan mag; Florian ist Autist, geistig behindert und gehörlos, er hat noch nie gesprochen. Man spürt aber, dass die beiden eine besondere Verbindung haben, der 28-jährige Florian und Sudarshan Bhattarai, 21 Jahre alt, der dieses Jahr zum ersten Mal in seinem Leben sein Heimatland Nepal verlassen hat, um sich in einem AWO-Wohnheim in Luga um mehrfach schwerstbehinderte Menschen zu kümmern. „Mein Freund Florian“, sagt Sudarshan und lacht. „Die beiden haben sich gesucht und gefunden“, sagt die Heimleiterin Gabriele Löbel. Sie findet es „ungeheuer mutig“ von Sudarshan, für ein Jahr seine Heimat aufzugeben, um eine so herausfordernde Arbeit zu machen. „Er hätte ja zum Beispiel auch kuschlig in eine Kita gehen können.“ Von Anfang an sei der junge Mann völlig vorbehaltlos auf die Bewohner zugegangen. „Er hat eine unglaubliche Geduld, strahlt eine Ruhe und Ausgeglichenheit aus, die ihnen richtig guttut.“

Dass junge Europäer nach dem Abitur ihre Sachen packen und einen sozialen Freiwilligendienst in Südamerika, Afrika oder Asien machen, ist mittlerweile nicht mehr außergewöhnlich. Dass jemand aus einem Land wie Nepal, Ecuador oder Ruanda in die westlichen Industriestaaten kommt, allerdings schon. Diesen umgekehrten Freiwilligendienst fördert die Organisation Zugvögel, mit der auch Sudarshan nach Dresden gekommen ist.

Ende August hat er sich auf den Weg gemacht: zehn Stunden Flug von Nepal nach Istanbul, vier Stunden von Istanbul nach Düsseldorf, dann mit dem Zug nach Dresden. Er stammt ursprünglich aus Butwal, einer 120 000-Einwohner-Stadt, sechs Fahrstunden westlich von Kathmandu. Nach dem Highschool-Abschluss hat er in der nepalesischen Hauptstadt ein Bachelorstudium in sozialer Arbeit begonnen; wenn er zurückgeht, will er es fortführen. Anderthalb Jahre lang hat er dort bereits mit Behinderten gearbeitet. „Menschen können andere Menschen glücklich machen“, sagt Sudarshan. Er will Behinderten dabei helfen, ihr eigenes Leben zu führen. In Nepal gebe es zwar auch Heime für Menschen mit Behinderung; aber keine staatliche Unterstützung. „Arme Angehörige können sich die Unterbringung nicht leisten.“

In Florians Wohnbereich, für den auch Sudarshan zuständig ist, leben neun Menschen. Es gibt dort einen großen Gemeinschaftsraum mit einem Aquarium, einer Sofaecke und einem Weihnachtsmann, der an der Fensterscheibe klebt. Ein Bewohner baut gerade etwas aus großen Legosteinen, eine Bewohnerin malt in einem Malbuch, und Florian trinkt Vita-Cola ohne Zucker. „Florian liebt Cola“, sagt Sudarshan.

Nach dem Essen geht er manchmal mit ihm nach draußen, ein bisschen spazieren auf dem Waldweg neben dem Heim. Wenn Florian raus will, nimmt er Sudarshans Hand und zieht ihn zum Schrank, damit er seine Jacke rausholt. In Nepal hat Sudarshan schon zwei Monate Deutsch gelernt; auch jetzt in Dresden geht er regelmäßig zum Sprachkurs. Dass es trotzdem noch kräftig holpert mit der Sprache, ist dem gehörlosen Florian herzlich egal. Mit den Mitarbeitern hingegen gab es am Anfang immer wieder Missverständnisse. Weil sie sich mit Sudarshan meist auf Englisch unterhielten, kam das zwischendurch eingestreute sächsische „nu“ bei dem Nepalesen als „no“ an – also als Nein statt Ja.

Eine Kleinigkeit, die nach einer Woche geklärt war. Auch was die kulturellen Unterschiede angeht, ist Sudarshan ziemlich anpassungsfähig. Seine Eltern, sagt er, vermissen ihn mehr als er sie vermisst. Kein Wunder, schließlich gibt es für ihn so viel zu sehen. Er war in Frankfurt, Düsseldorf, Münster, Prag – und vor Kurzem in Berlin. Dort sprach Angela Merkel vor Freiwilligen aus aller Welt über Globalisierung; stolz zeigt Sudarshan am Laptop die Fotos, die er von der Kanzlerin gemacht hat.

Der Winter wird für ihn eine Zeit der ersten Male: Zum ersten Mal will er bei der Weihnachtsfeier nächste Woche Bier trinken. Und zum ersten Mal wird der Junge, der nahe des Himalaya aufgewachsen, aber nie im Gebirge gewesen ist, Schnee sehen.