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Samstag, 29.07.2017

Ziemlich eng, wenig Grün – aber Striesen

Mit der „Gartenstadt“ ist ein neues Viertel mit 29 Häusern entstanden. Trotz Kritik sind schon viele Wohnungen bezogen.

Von Sophie Arlet

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Kathrin Leuthold und Antje Runschke sind zufrieden mit ihrem neuen Striesener Heim. Auch wenn sie sich nicht immer unbeobachtet fühlen können.
Kathrin Leuthold und Antje Runschke sind zufrieden mit ihrem neuen Striesener Heim. Auch wenn sie sich nicht immer unbeobachtet fühlen können.

© René Meinig

Im Garten sägt ein Arbeiter die neue Küche zurecht. Auf der Straße vor dem Haus tuckert die Asphaltwalze. Und dahinter schiebt sich ein riesiger Möbelwagen durchs Wohngebiet. In der Gartenstadt Striesen geht es momentan hoch her. Das neue Viertel ist fast fertig. Während die letzten Arbeiten laufen, ziehen ununterbrochen neue Bewohner ein.

Zu ihnen gehören auch Kathrin Leuthold und ihr Mann. Sie haben soeben ihr Erdgeschossapartment mit kleinem Garten bezogen. Dort leben sie zur Miete, der Vermieter ist ihr Sohn. „Er wohnt nur zwei Häuser weiter und hat die Wohnung als Altersvorsorge gekauft“, sagt Kathrin Leuthold. 290 000 Euro hat die Dreizimmerwohnung gekostet. Auch die Eltern der Schwiegertochter sind schon in der Gartenstadt heimisch geworden.

Auf dem Areal zwischen Haenel-Clauss- und Geisingstraße sind 29 Mehrfamilienhäuser mit 200 Wohnungen entstanden. Die Arbeiten haben 2015 begonnen, seit einem Jahr ziehen die Eigentümer und Mieter ein. Parallel wird noch an den restlichen Häusern gebaut. Kathrin Leuthold und ihre Schwester Antje Runschke kennen das Areal noch aus ihrer Kindheit. Sie haben im Zehngeschosser auf der Müller-Berset-Straße gewohnt. Auf dem Weg zur damaligen 58. Polytechnischen Oberschule sind die Schwestern an dem Grundstück vorbeigekommen, auf dem damals Gärtnereien standen. Daran erinnert heute der Name „Gartenstadt Striesen“, die Häuser tragen Blumennamen. Im Viertel wird das allerdings oft belächelt, weil die „Gartenstadt“ nicht gerade durch übermäßig Grün auffällt. Kathrin Leuthold stört das nicht.

Ihr gehe es nur um eine Altersvorsorge, sagt die 52-Jährige. Jetzt hat sie noch einen Garten in Weinböhla. Wenn sie den mal nicht mehr bewirtschaften kann, genügt ihr der Vorgarten an der neuen Wohnung. „Ich pflanze hier natürlich keine Bohnen an, aber es reicht“, sagt Leuthold. Sie und ihr Mann hatten gezielt nach einer Wohnung im Erdgeschoss gesucht, auch wollten sie gerne in Striesen bleiben. Da kam das Angebot des Sohnes gerade recht. Nur an die ziemlich enge Bebauung muss sich die Striesenerin noch gewöhnen.

Die ist auch für Thomas Hirche ein Minuspunkt. Doch die Vorteile haben überwogen, und so haben sich der 31-Jährige und seine Frau 2016 zum Kauf einer Vierraumwohnung entschlossen.

Die 343 000 Euro werden sie die nächsten 20 Jahre über abbezahlen. „Wir hatten ursprünglich nach einer Mietwohnung gesucht“, so Hirche. Das Ehepaar hat ein paar Jahre lang in Magdeburg gelebt und wollte nun zurück nach Dresden. Als die beiden von den neuen Wohnungen erfahren haben, fiel der Entschluss, die Wohnung als Kapitalanlage zu kaufen. „Notfalls könnten wir immer noch vermieten“, sagt der Immobilienkaufmann. Für ihn war klar, dass seine kleine Tochter in Striesen aufwachsen soll. Die Schwiegereltern wohnen in der Nähe, und auch sonst habe der Stadtteil für Familien viel zu bieten.

Die Lage war dann auch der entscheidende Punkt. „Die gleiche Wohnung in Laubegast hätten wir nicht genommen“, sagt Hirche. Denn an die beengte Wohnsituation müsse man sich schon erst gewöhnen. „Ein Haus weniger pro Reihe wäre gut gewesen.“ Zwar haben die Planer die Mindestabstände zwischen den Gebäuden eingehalten. Trotzdem leben die Menschen hier dicht beieinander. „Man könnte sich beobachten“, sagt Hirche. Deshalb gibt es in seiner Wohnung Gardinen. Vom Balkon aus können sich die Nachbarn gegenseitig auf die Grillteller schauen. Passanten erhaschen momentan noch Blicke in die Erdgeschosswohnungen, bis die Hecken höher sind. „Das muss man mögen“, sagt Hirche. Zudem sei die Siedlung recht hellhörig. Wenn die Leute jetzt im Sommer lange draußen sitzen, versteht man jedes Wort. Es kam auch schon vor, dass ein Nachbar nach 20 Uhr noch den Rasenmäher angeworfen hat. „Das ließ sich aber alles entspannt klären.“

Insgesamt überwiegen die Vorteile. Grundriss und Bodenbeläge der neuen Wohnung konnten die Käufer selbst bestimmen. Und wenn Thomas Hirche auf dem Balkon sitzt, hat er das Gefühl, in einer Feriensiedlung zu sein. Das tägliche Urlaubsgefühl entspannt. Um die Nachbarn etwas besser kennenzulernen, will die junge Familie in ihrem Abschnitt der Gartenstadt demnächst ein kleines Sommerfest veranstalten. Auf diesem Weg wollen sie auch eine Art Nachbarschaftshilfe aufbauen. So könnten sich die Bewohner gegenseitig beim Werkeln an ihren neuen Bleiben unterstützen. Auch Kathrin Leuthold und ihr Mann können dann sicher ein paar Erfahrungen beisteuern.

Leser-Kommentare

Insgesamt 11 Kommentare

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  1. ddner

    wie kann man sich da wohlfühlen,wo alles so beengt ist und man jedes Wort verstehen kann.Ich möchte auch mal zum Fenster rausschauen können und freie Sicht haben.Für solche Schuhkistenhäuser ohne"Gesicht"würde ich keinen Cent ausgeben.Dolle Archiktektur!So viel wie möglich auf nen m² bauen.Da ist Nachbarschaftsstreit vorprogrammiert.Das ist nun mal des Deutschens Mentalität,beobachten und streiten.Da lobe ich mir meine Genossenschaftswohnung.Da wurde noch so gebaut,das man genügend Abstand zu den anderen Häusern hatte!

  2. Peter

    @ ddner: Achso? ich wusste gar nicht das die Genossenschaft auch Eigenheime mit viel Platz baut...?! ;)

  3. Kunert 01

    Immer wieder eine Freude, die Immo-Vermarkter-Texte zu lesen: 'Gartenstadt' für … Gebiete, auf denen vorher vielleicht mal viel Gartenfläche war bzw. andere Gärten, wie vielleicht auch der Große Garten erreichbar sind. Jede frühere Mietskaserne mit damals noch gebauten künstlerischen verzierten Gestaltungselementen ist gern im Prospekt eine gleich eine Villenwohnung.

  4. Kunert 02

    Oder Ausweichen auf fremde Sprachen wie auf's französische um dem ganzen einen gehobenen Touch zu geben: Souterrain-Wohnung für klardeutsch: Kellerloch ... Ich kann nur hoffe, dass Dresden aufpasst, dass viele Grün nicht nach und nach zu verlieren. Gerade das Grün an der Elbe als Erholungsgebiet erscheint mir wichtig zu erhalten bzw. erst zu kultivieren. Der nah an die Elbe Heranbauversuch einer gewissen Dame mit hohen Häusern hat mich ja geschockt. ... Nix mehr mit verspieltem Garten … Rationalisierung aller Orten … Und warum eigentlich nur 5 oder 6 Geschosse … Bauen wir doch gleich Höchsthochhäuser hin. … Das rechnet sich für wenige, denn dann können noch höhere Quadratmeterpreise errechnet werden. … Von Dresdens Ruf leben wollen und in ihrem Tun diesen Ruf dann aber zerstören … wie schade wäre das …

  5. Berg

    Die Architekten hätten erst einmal die Tzschimmerstraße, die Pohlandstraße, die Jacobistraße besichtigen sollen, bevor sie sich erlauben, von Striesener Häusern und von Gartenstadt zu sprechen. Damals im vorvorigen Jahrhundert baute man Mehrfamilienhäuser mit ansehnlichen Fassaden in wohldosierten Grundstücken mit Vorgärten, Obstbäumenan vierspurigen Straßen . DAS ist Striesener Baustil! - Und dass sich bei diesen hohen Kaufpreisen überhaupt Käufer finden, versetzt mich in Erstaunen.

  6. S.B.

    @4 Kunert 02 Es werden keine Hochhäuser gebaut, weil hier höhere Anforderungen an den Brandschutz gelten. Siehe Hochhausbrand in London. (Wobei natürlich strengere Vorschirften als in England zu befolgen sind) Ein Aufzug hingegen gehört bei Neubauten fast schon zum Standard. Die Architektur ist bei allen Vorschriften, wie Energieeinsparverordnung, fast in Fesseln gelegt um kreative Bauten entstehen zu lassen.

  7. Laugegaster

    "Die gleiche Wohnung in Striesen hätten wir nicht genommen“ Dann sind wir uns ja einig. Prima. PS: Liebe Grüße aus Laubegast.

  8. H B

    Als unmittelbarer Nachbar kann ich mich nur wundern Wer erteilt für solche Pläne überhaupt eine Baugenehmigung??? Da wohnt man ja in Prohlis und Gorbitz individueller. Etwas Farbe hätte man auch verwenden können. Im Volksmund heisst das Gebiet übrigens GEISTERSTADT.

  9. SaLa

    Wir sind selbst Mieter in der Gartenstadt... Nochmal würden wir hier nicht herziehen und erst recht kein Eigentum hier erwerben! Die Wohnungen sind renditeoptimiert & man hängt hier schon sehr aufeinander. Die unteren Etagen sehen fast nur Beton, unverfälschtes Tageslicht Fehlanzeige! Werden uns in den nächsten Jahren (nach Ablauf der Mietbindung) was Eigenes am Stadtrand & mit viel Grün suchen.

  10. Niederwaeldler

    #9: und vergessen Sie bitte nicht ein großes Auto zu kaufen. Am Waldrand fahren kaum Busse.

  11. Jessica

    343 000 Euro Kaufpreis über die nächsten 20 Jahre bezahlen? Da kommt mit Zinsen eine schöne monatliche Rate zusammen. Da sollte man besser nicht krank oder arbeitsunfähig werden. Fast hätten wir uns auch von den motivierten Maklern der USD Partnerfirmen einlullen lassen so eine schicke neue Kasernenwohnung zu nehmen. Ich bin froh dass wir uns dann doch für eine sehr schöne Altbauwohnung in einem vor 10 Jahren sanierten 1900er Klinkerbau entschieden haben. Ja, den Grundriss und den Bodenbelag mussten wir so nehmen wie er ist. Aber die Abstände zu den Nachbarhäusern stimmen, es gibt viel Grün vor der Tür und diesen Kaufpreis kann man entspannt in 10 - 15 Jahren abbezahlen und nebenbei genug für Instandhaltung zurücklegen. Für uns die bessere Entscheidung.

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