Samstag, 24.11.2012
Ziegen-Subbotnik für den Pathologen
Dorftrottel, zweibeinige Ochsen und vierbeinige Wiederkäuer – der groteske „Tatort“ aus Münster macht wieder Mord und Totschlag zur schönen Nebensache.
Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) in sentimentaler Verbundenheit zu Mimi Foto: ARD
Was ihnen unters Messer kommt, sieht meist nicht mehr gut aus und ist längst kalt. Doch diesmal haben Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne und Assistentin Alberich in ihrem „Leichenkeller“ eine lebende Zeugin: die Ziege Mimi. Das Tier hat Beweismaterial vom Tatort aufgefressen. Boerne versucht dies vor der Verdauung zu retten. „Subbotnik Ziege“, ruft er Alberich zu, die das Tier wieder zunähen darf. Doch damit ist die Ziegenfrage nicht geklärt. Boerne entwickelt ein unerwartet sentimentales Verhältnis zum Tier. „Ziegendoktor“ lästert Kommissar Frank Thiel.
Eigentlich haben beide den Tod eines Heilpraktikers auf dem Dorf aufzuklären. Dieser war bei Frauen wegen alternativer Behandlungsmethoden und Kinderwunsch-Erfüllung beliebt. Boerne entdeckt helfende Kräuter auf dem Hof, darunter Mönchspfeffer: „Der reduziert die männliche Libido auf ein erträgliches Maß“, doziert er, der Unbeweibte, und beißt hinein. Bald wird klar, die alternativen Heilmethoden waren eher profane. Und irgendwie hängen alle Anwesenden in dem Fall mit drin – ob die impotenten Gehörnten oder die potenten Spender. Das ist wie seit zehn Jahren immer in den „Tatorten“ aus Münster klar, aber unwichtig. Denn die witzigen Wortscharmützel zwischen dem schnoddrigen Thiel und dem eitlen Boerne, die skurrilen Charaktere und die absurden Situationen der Protagonisten machen Mord und Totschlag fast zur Nebensache. Der Krimi aus Münster hat die „Tatort“-Reihe innovativ um das Lächeln bereichert.
Allein die auftretenden Dorftrottel sind grandios, wenn Thiel ihnen erklärt: „Eine Affäre ist, wenn man eine Frau hat und noch eine.“ Axel Prahl als Thiel mutiert – zumindest in der Leibesfülle – zum neuen ARD-Dickerchen. Und auch Jan Josef Liefers als Boerne darf neue Seiten als Tierdoktor in Sachen Rinderwunsch-Behandlung zeigen. Zuvor fragt er den Bauern: „Sie züchten Rinder – welche Marke?“
Nur der Schönste ist der Pathologe nicht mehr. Wohl stehen ihm die karierten Gummistiefel, die er seit einem Einsatz im Spargelmilieu 2010 trägt, wirklich gut. Genauso perfekt passen zum dörflichen Ambiente sein Karohemd und der Cowboy-Hut. Doch seinen Meister findet der Doktor in einem Pfau – der spreizt sein Gefieder so prachtvoll überzeugend, da kann der Snob noch was lernen.
„Tatort: Das Wunder von Wolbeck“, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD