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Donnerstag, 14.02.2013

Zehntausend Mal Hand in Hand

Die Dresdner gedenken friedlich der Zerstörung ihrer Stadt am 13. Februar 1945. Gewaltfrei bleibt der Tag dennoch nicht.

Bewegende Momente“: Tausende Dresdner und Gäste haben am Mittwoch eine Menschenkette um Dresdens Innenstadt gebildet.
Bewegende Momente“: Tausende Dresdner und Gäste haben am Mittwoch eine Menschenkette um Dresdens Innenstadt gebildet.

© kairospress

Um 18 Uhr reichen sich einander Unbekannte die Hand, kurz darauf applaudieren sie: Um gegen Neonazis und für Toleranz und Weltoffenheit zu demonstrieren, sind Dresdner und Gäste in der Landeshauptstadt zur Menschenkette zusammengekommen. Rund 10.000 haben sich im Zentrum auf beiden Elbseiten versammelt und setzen so ein eindrucksvolles Zeichen.

Seit Jahren missbrauchen Rechtsextremisten aus ganz Deutschland den Jahrestag der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg für Aufmärsche. Gestern betonte Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU): „Dresden und seine Straßen und seine Geschichte gehören uns, den Dresdnerinnen und Dresdnern, nicht den braunen Enkeln und Urenkeln der Brandstifter von einst.“

Neben Politikern wie Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Landtagspräsident Matthias Rößler (beide CDU) beteiligten sich an der Menschenkette auch Mitglieder von Dresdner Sportvereinen, Studenten, Rentner und Familien. „Es waren bewegende Momente“, sagte Orosz danach.

Rosen statt Kränze

Bereits am Nachmittag hatten rund 3.000 Teilnehmer beim „Mahngang Täterspuren“ Zeugnisse des Faschismus in Dresden besichtigt und damit gegen den Mythos der unschuldigen Kulturstadt demonstriert. „Es ist wichtig, an so einem Tag auch an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern“, sagte die aus Dresden stammende Bundesvorsitzende der Linken, Katja Kipping.

Die Polizeibilanz zum 13. Februar 2013

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Neonaziaufzug und friedlicher Protest

An der ersten größeren Veranstaltung des 13. Februar, dem Mahngang „Täterspuren“, nahmen etwa 2.100 Menschen teil. Er endete gegen 16.00 Uhr auf dem Sachsenplatz. Anschließend versammelten sich jeweils mehrere hundert Personen auf verschiedenen Plätzen - unter anderem dem Lenneplatz, dem Straßburger Platz, die Kreuzung Güntzstraße/Pillnitzer Straße und der Güntzplatz bzw. Sachsenplatz.

Ab 17.30 Uhr verlagerte sich der Schwerpunkt des Protests in das Gelände des Hauptbahnhofes. Hier blockierten zeitweise bis zu 3.000 Menschen den Abmarsch der dort angereisten 400 Neonazis. Die Rechtsradikalen gelang es daher nicht, die geplante Aufzugsstrecke zu erreichen.

Ähnlich erging es einer weiteren Gruppe von 270 Neonazis, die über den Haltepunkt Strehlen angereist waren. Von Einsatzkräften begleitetet wurden sie in Höhe der Parkstraße von mehrerer hundert friedlichen Demonstranten aufgehalten.

Den Startort des geplanten Aufzuges an der Pillnitzer Straße erreichten geradde einmal 30 Neonazis. In Begleitung von Polizeibeamten liefen sie zwischen 21.30 Uhr und 22.15 Uhr bis zum Hauptbahnhof.

Am Abend verließen die Neonazis wieder die Stadt. Einsatzkräfte begleiteten die Abreise der Neonazis. Gegen 22.25 Uhr war Dresden faktisch wieder nazifrei. Der Einsatz der Dresdner Polizei dauerte jedoch bis in die Morgenstunden des Valentinstages an.

Verkehrseinschränkungen

Im Verlauf des Mittwochs kam es immer wieder zu Verkehrseinschränkungen. Neben den bereits genannten zahlreichen Protestorten waren davon vor allem die St.-Petersburger-Straße, das Terrassenufer und der Bereich um den Hauptbahnhof betroffen. Die Sperrungen wurden nur so kurz wie notwendig durchgeführt. Dennoch waren viele Dresdner von den Einschränkungen betroffen.

Verletzte Personen

Insgesamt wurden sechs Polizisten verletzt. Gegen 20.30 Uhr griffen Vermummte zwei zivile Polizeibeamte auf der Parkstraße mit Zaunslatten an und schlugen auf die Männer ein. Die Beamten erlitten Kopfverletzungen und mussten in ein Dresdner Krankenhaus eingeliefert werden. Einer von ihnen verbrachte die Nacht dort.

Ein Beamter der Bundespolizei wurde gegen 21.15 Uhr in der Unterführung am Hauptbahnhof verletzt, als Unbekannte ihn mit einem Laserpointer blendeten. Die Augenreizung wurde in einem Dresdner Krankenhaus behandelt.

Am Nachmittag waren bereits zwei Polizeibeamte auf der Dürerstraße verletzt worden. Unbekannte hatten versucht, eine Absperrung zu durchbrechen und dabei die Polizisten getreten und geschlagen. Ein weiterer Beamter erlitt durch einen Schneeballwurf leichte Verletzungen.

Ingewahrsamnahmen

Insgesamt wurden am Mittwoch fünf Männer im Alter von 21, 22, 25, 27 und 29 Jahren festgesetzt. Die Männer hatten unter anderem Absperrungen durchbrochen, Flaschen geworfen bzw. gegen das Versammlungsgesetz verstoßen.

Nachfragen bei der Polizei

Im Verlauf des 13. Februar erkundigten sich 316 Bürger am Kontakttelefon der Dresdner Polizei.

Ebenfalls am Nachmittag hatten Politiker, Vertreter von Alliierten, Kirchen und der jüdischen Gemeinde auf dem Heidefriedhof der bis zu 25.000 Toten gedacht. Erstmals legten sie statt Kränzen weiße Rosen nieder. Orosz betonte, das alte Dresden sei untergegangen, „als dieser vernichtende Krieg dorthin zurückkehrte, wo er angefacht worden war“. Um 21.45 Uhr, dem Beginn der Bombardierung vor 68 Jahren, läuteten die Kirchenglocken.

Mehr als 3.500 Polizisten versuchten am Nachmittag und Abend Konflikte zwischen Neonazis und ihren Gegnern zu unterbinden. Mehrere Tausend Blockierer verhinderten am Ende einen Aufmarsch von Rechtsextremisten, die an mehreren Stellen der Stadt versprengt blieben. Rund 500 Neonazis saßen zunächst am Hauptbahnhof fest. Sie wurden mit Schneebällen beworfen, vereinzelt flog Pyrotechnik. Unweit des Stadions trugen Polizisten 30 Blockierer weg. Knapp 300 Neonazis hielten dort eine Kundgebung ab, weil sie nicht weiterziehen konnten. 3.000 Demonstranten lärmten dagegen an. Zuvor waren bei einem Angriff von Vermummten zwei Polizisten schwer verletzt worden.

Immer weniger Neonazis

Politiker bewerteten die Gegendemonstrationen als vollen Erfolg. Es sei offenkundig, dass die Lage für die Neonazis durch die starke Gegenwehr in Dresden immer aussichtsloser werde, hieß es. Tatsächlich sind die Teilnehmerzahlen stark rückläufig. Noch vor ein paar Jahren kamen gut 6.000 Rechtsextreme nach Dresden, am Mittwoch waren es nur noch ein paar Hundert. Seit 2010 wurden die Aufmärsche durch Blockaden verhindert oder wie im Vorjahr nur auf einer sehr reduzierten Strecke zuglassen.

Der Parteichef der sächsischen Linken, Rico Gebhardt, zollte der Polizei Respekt: „Dieses Mal war es relativ einfach, sich als Gegendemonstrant in der Stadt zu bewegen.“ Für die Zukunft hält Gebhardt aber noch ein stärkeres Zusammengehen aller demokratischen Kräfte für notwendig. Zu viele Aktionen der Stadt und anderer Veranstalter würden noch separat laufen. (SZ/dpa)

Die einzelnen Meldungen des 13. Februar können Sie in unserem Tickerprotokoll nachlesen.