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Zählt nur die Mehrheitsmeinung?

Sie haben einen Brief abgedruckt, in dem eine Leserin schrieb, ihr sei bei einer Rede von Sahra Wagenknecht „kotzübel“ geworden. Ich habe die Rede auch gehört und es ganz anders empfunden. Wir Leser möchten bitte objektive Leserbriefe, die der Mehrheit der noch vorhandenen Abonnenten entsprechen. Gerade im Wahlkampf. MfG E. Kunze

22.07.2017

Sehr geehrte Frau Kunze,

da stellen Sie uns aber eine schwierige Aufgabe. Woher sollen wir denn auf die Schnelle wissen, wer in der Mehrheit ist? Sollen wir dafür Wahlergebnisse zugrunde legen oder erwarten Sie zu jedem Thema eine Meinungsbefragung? Also hier: Wie fanden Sie die Rede von Frau Wagenknecht? War das mutig oder wurde ihnen kotzübel? Selbst wenn wir wüssten, was die Mehrheit davon hält, hätten Sie noch lange keine Gewissheit, ob Frau Wagenknecht nun richtig liegt. Selbst wenn wir gemeinsam wüssten, dass die Mehrheit hinter ihr steht und sie auch noch richtig liegt, könnte nicht gerade eine Minderheitenmeinung wichtig sein, um die eigene Auffassung zu überprüfen und zu schärfen? Wissen Sie tatsächlich immer gleich, was richtig und was falsch ist? Sollte das so sein, dann gratuliere ich ganz herzlich.

Stellen Sie sich vor, werte Frau Kunze, die SZ würde Leserbriefe nicht drucken, die Positionen der Linkspartei unterstützen. Davon finden Sie hier auf dieser Seite immer wieder einige. Und wir würden das mit dem Argument verweigern, dass diese Positionen nicht der Auffassung der Mehrheit unserer Leser entsprechen. Was vermutlich genau so ist. Oder wir würden Pro-Pegida-Briefe ablehnen, weil eine Mehrheit der Dresdner nichts für die Wutbürger übrig hat.

Nein, Frau Kunze, auf dieser Seite geht es weder um Verkündung ewiger Wahrheiten noch um Rechthaberei. Weder soll sie ein Spiegelbild der Redaktionsmeinungen sein noch der offiziellen Politik. Parteienproporz ist uns schnurz. Diese Seite steht einzig und allein den Lesern der Sächsischen Zeitung mit ihren sehr unterschiedlichen Auffassungen zu aktuellen Themen und zum Meinungsstreit über Artikel in der SZ zur Verfügung. Hier soll die ganze Bandbreite dieser Meinungen vorkommen, gerade in Wahlkampfzeiten.

Da wird eben einer Leserin bei einer Wagenknecht-Rede kotzübel, während eine andere davon sehr beeindruckt ist. So ist das Leben. Leser schreiben uns immer wieder, dass sie gerade diese Pluralität sehr an dieser Seite schätzen.

Ihr Olaf Kittel

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