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Wo Gewalt anfängt

Der Ton an den Schulen wird rauer, die Fäuste fliegen schneller. Schüler in Ehrenberg lernen, mit solchen Situationen umzugehen.

06.10.2017
Von Anja Weber

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Lara Vicky und ihre Mitschüler nahmen an einem Workshop der Aktion Zivilcourage innerhalb der Anti-Gewalt-Tage an der Förderschule Ehrenberg teil.

© Dirk Zschiedrich

Ehrenberg. Eben noch haben die beiden Schüler zusammen gesprochen. Einer dreht sich um, ein kurzer Schubs. Die Rückhand als Antwort kommt prompt. Das passiert an vielen Schulen. Damit dies nicht an der Adolf-Tannert-Förderschule zum Alltag wird, gibt es dort Anti-Gewalt-Tage. Projekt-Leiterin Bärbel Ziemann hat für die Schüler, abgestimmt auf die Altersklassen, die entsprechenden Angebote organisiert.

Für die Klasse 9 stand kürzlich ein Seminar mit der Aktion Zivilcourage auf dem Plan. Geleitet wurde der Workshop von Rico Schwibs, freiberuflicher Politikwissenschaftler, und Friedemann Brause von der Aktion Zivilcourage. Zentrale Fragen sind: Wie behaupte ich mich in brenzligen Situationen? Wie rette ich mich, wenn ich selber hinein gerate? Und wo gehe ich hin, wenn andere betroffen sind?

Mit verschiedenen Aktionen sollen zunächst die Schüler selbst Gewalt mit Worten oder in Taten einordnen können. Das ist offenbar nicht ganz leicht. Schnell hat sich in der Klasse eine Diskussion darüber entsponnen, wann Gewalt anfängt. Ist es das Gerangel auf dem Schulhof, die verbale Beleidigung oder auch eine ungerechte Behandlung durch den Lehrer.

Anhand von verschiedenen Karten ordnen die Schüler unterschiedliche Gewaltarten ein. Rico Schwibs beobacht die Aktion. „Was Gewalt ist, definiert nicht der, der zuschlägt oder der beleidigt, sondern das Opfer“, sagt er. Und bei einem Gerangel auf dem Schulhof, so wie das offenbar öfters passiert, zuzusehen sei absolut falsch. Mit Worten dazwischen gehen, den Lehrern Bescheid geben, wäre die richtige Variante.

Im Laufe des Vormittags erfahren die Schüler in dem Workshop dann noch viel mehr über Gewalt, die nicht erst beginnt, wenn jemand grün und blau geschlagen ist oder der Notarzt vor der Tür steht. Schon der Spruch „Neben Dir will ich nicht sitzen“ ist eine Gewaltform, weil der Betroffene aus der Gruppe ausgeschlossen wird, sagt der Politikwissenschaftler.

Lehrerin Marina Hartrampf kennt ihre Schützlinge schon seit der ersten Klasse. Aus Erfahrung weiß sie, dass das Gewaltpotenzial zunimmt. Auch in der Klasse sei es so gewesen. Manche Jugendliche würden schon von zu Hause die Aggressionen mit in die Schule bringen, wieder andere lassen sich davon anstecken. „Wir haben uns in der Klasse von Anfang an dieser Situation gestellt und auch verschiedene Angebote angenommen, um zu deeskalieren“, sagt die Lehrerin. Mit der Aktion Zivilcourage arbeite man da schon seit Längerem zusammen, nutze die Gespräche oder auch die Workshops. Die Angebote können bei der Aktion Zivilcourage gebucht werden. „Solche Workshops dauern etwa einen Vormittag. Wir passen die Inhalte altersgerecht an“, erklärt Friedemann Brause. Das Projekt der Aktion Zivilcourage war nicht das einzige Angebot in dieser Woche. Bärbel Ziemann konnte auf die bewährte Zusammenarbeit mit Vereinen und Institutionen zurückgreifen, so unter anderem auf den ASB, die AOK, das DRK-Mehrgenerationenhaus in Sebnitz, den Karateverein sowie auf das Theaterprojekt Elke Leupold.