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Montag, 22.08.2016 Frauen in der Wissenschaft

Zwischen Labor und Familie

Wer als Forscherin Karriere machen will, braucht Organisationstalent – und gute Nerven.

Von Jana Mundus

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Die Familie hat Dunja Knapp (r.) immer mit im Labor. Zumindest als Foto auf dem Laptop. Für sie und ihre Kollegin Ina Stützer bedeutet die Entscheidung für Wissenschaftskarriere und Familie harte Arbeit und eine gute Portion Organisationstalent.
Die Familie hat Dunja Knapp (r.) immer mit im Labor. Zumindest als Foto auf dem Laptop. Für sie und ihre Kollegin Ina Stützer bedeutet die Entscheidung für Wissenschaftskarriere und Familie harte Arbeit und eine gute Portion Organisationstalent.

© René Meinig

Das schlechte Gewissen lässt Ina Stützer vor der Labortür. Zwischen Pipetten und Reagenzgläsern hat es keinen Platz. Hier muss sie konzentriert arbeiten. Bevor sie an diesem Abend den weißen Laborkittel anzog, hat sie zu Hause ihren zweijährigen Sohn ins Bett gebracht. Erst als er eingeschlafen war, hat eine Babysitterin übernommen. So kann die 34-jährige Wissenschaftlerin noch einmal zurück ins Dresdner Zentrum für Regenerative Therapien (CRTD). Wissenschaftskarriere und Familie – das heißt für Ina Stützer organisieren und oft auch zurückstecken. Sie ist nicht die Einzige, die diesen Spagat schafft.

Die drei Kinder von Dunja Knapp sind mit zwölf, 14 und 16 Jahren schon aus dem Gröbsten raus. „Heute sind sie auch mal ganz froh, wenn die Mama nicht zu Hause ist“, sagt die 47-Jährige und lacht. Wie ihre Kollegin ist sie Postdoc am CRTD der TU Dresden, einem seit 2006 geförderten Exzellenzcluster der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Beide Frauen haben vorher ihre Doktorarbeit geschrieben. Jetzt erforschen die Zellbiologinnen die Regenerationsfähigkeiten von Tieren wie dem Axolotl. Irgendwann könnten von ihren Erkenntnissen auch menschliche Patienten profitieren. „Eine spannende Aufgabe“, findet Dunja Knapp.

Die gebürtige Kroatin hat schon an Instituten in Wien, London, der Universität Cambridge und am Max Planck Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden gearbeitet. Dass sie eine Familie haben will, war ihr schon immer klar. „Obwohl ich wusste, dass mich diese Entscheidung bei jedem Schritt meiner Karriere wieder etwas zurückwerfen würde.“ Mit 47 Jahren wären manche männlichen Kollegen die Karriereleiter schon weiter nach oben geklettert. „Ich brauche für die einzelnen Etappen einfach mehr Zeit.“ Ihr Mann ist ebenfalls Wissenschaftler, kennt das Pensum, das auch sie schaffen muss. „Das ist in unserer Situation natürlich hilfreich.“

Dass sich Wissenschaftler auch privat finden, sei keine Seltenheit, sagt Ina Stützer. Ihr Mann ist Physiker. Allerdings nicht in Dresden, sondern am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. In der Woche kümmert sie sich deshalb allein um den Sohn. „Toll wäre es natürlich, wenn wir irgendwann in der gleichen Stadt arbeiten könnten“, erklärt sie. Doch zwei passende Stellen zu finden, sei nicht einfach. „Langfristig ist das aber unser Plan. Ansonsten muss immer einer zurückstecken.“ Momentan klappt es bei ihr oft nur mit Unterstützung des Babysitters. Gerade dann, wenn sie auch abends ins Labor muss, die Kita ihres Sohnes aber schon geschlossen hat. Dabei bekommt sie auch Unterstützung von der TU Dresden.

Dort gibt es seit 2012 die Stabsstelle für Diversity Management, Vielfaltsmanagement. Die Mitarbeiter kümmern sich darum, dass chronisch Kranke, Behinderte und eben auch Frauen die gleichen Chancen an der Universität bekommen. Für Wissenschaftlerinnen organisieren sie beispielsweise die flexible Kinderbetreuung. Aber nicht nur. „Es gibt auch verschiedene Förderprogramme speziell für Frauen“, erklärt Sprecherin Sylvi Bianchin. Darüber werden etwa Stellen finanziert. Außerdem organisiert die Stabsstelle Workshops und Tagungen. „Wir wollen damit Frauen weiterbilden und bei ihrer Karriere unterstützen.“ Eine andere Stelle der TU Dresden versucht Bewerberinnen für ausgeschriebene Professoren-Posten zu finden. Eine schwierige Aufgabe. Bei den Habilitationen liegen Frauen mit 35 Prozent deutlich hinten. Nur jede fünfte Professur wird von ihnen besetzt.

Elly Tanaka besitzt ihren Professorentitel für Tiermodelle der Regeneration am CRTD schon seit 2008. Sie hat Familie und trotzdem eine äußerst erfolgreiche Karriere in der Wissenschaft hingelegt. „In den vergangenen 25 Jahren hat sich schon sehr viel verändert und mittlerweile kenne ich viele Kolleginnen, die ebenfalls Kinder haben“, sagt sie. Über eines müssten sich Frauen jedoch im Klaren sein. „Karriere und Familie haben zu wollen, ist extrem harte Arbeit. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.“ Hinzu kommt die Unsicherheit. Viele Stellen an Instituten sind befristet. Ein Hangeln von Projekt zu Projekt.

Dunja Knapp lebt damit. Sie kennt den Stress, wenn zum Beispiel eine wichtige Veröffentlichung ansteht und die Tage im Labor länger werden. Wer in der wettbewerbsorientierten Wissenschaftswelt mithalten will, muss diese Hürden nehmen. Auch wenn das schlechte Gewissen vor der Labortür lauert.

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Klaus T.

    Wissenschaft ist Leistungssport. Wie auch viele andere, anspruchsvolle Berufsbilder. Unsere Erfahrung: Das ist unheimlich erfüllend, wenn beide Partner und die Kinder eine feste und liebevolle Gemeinschaft bilden und das jeden Tag neu miteinander ausbalancieren. Nichts für Egoisten...

  2. ImZweifelWenigerLuxus

    Für Außenstehende ist der Pay-off dieser Forschungsinstitutionen wichtig, deren kostspielige Interna sind ihr Problem. Sie sollen endlich Konzepte zur Artensicherung ohne Erbkrankheiten(auch für hochgefährdete und ausgestorbene Arten mit extrahierbarer DNA vorlegen), die Unabhängigkeit der Wirkstoffproduktion von Großkonzernen absichern und gegen Krankheiten und für die Gesunderhaltung Verfahren bereithalten. Das alles ist wichtiger, als der Erwerb von Nobelpreisen. Der Übermensch ist ein Albtraum an dem die deutsche Forschung nicht die erwirtschafteten Steuergelder verbrennen soll. Interessant ist welche greifbaren Resultate in der Wirkstoffproduktion(Backup),Chirugie, in der Artenrettung, in der Gesundheitswiederherstellung WIRKLICH realisiert worden sind. Alles Wissen aller Fakutäten(außer Auftragsforschung) soll in Gänze der gesamtdeutschen Allgemeinheit(nicht nur den Kursbelegern) zur Verfügung gestellt werden. Forschung und Künstlerschaft brauchen eine gute Existenzsicherung.

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