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Montag, 19.03.2007

Wirtschaftsforscher: „Zu viele Professoren sind untätig“

Die Hälfte aller Hochschullehrer macht zu wenig. Das behauptet ein Wirtschaftsprofessor in seinem Buch.Die SZ sprach darüber mit dem Autor.

Von Stephan Schön

Sie gilt so ziemlich als das Wertvollste an deutschen Hochschulen: Die Freiheit von Forschung und Lehre. Doch manche Hochschullehrer nehmen es mit der Freiheit zu wörtlich. Uwe Kamenz, ein Dortmunder Wirtschaftsprofessor, hat dies nun genauer untersucht. „Die Hälfte aller Professoren kommt ihrer gesetzlichen Pflicht zur Forschung und Lehre nicht nach“, zieht er sein Fazit. Das hätten Analysen in einzelnen Fachbereichen und statistisch belastbare Hochrechnungen ergeben. Auf fast 300 Seiten begründet der Autor dies in seinem Buch über den untätigen Professor.

Begonnen hat alles mit einer fingierten Anzeige in der „Zeit“. Kamenz suchte darin flexible Professoren an zwei, drei Tagen pro Woche für eine attraktive Beschäftigung. „Ihr Hochschulberuf lastet Sie nicht aus?“, stand da gleich am Anfang der Stellenanzeige. 44 Antworten habe er bekommen und sich keineswegs gewundert, gesteht Uwe Kamenz. Entsetzt war er dennoch: Unter den Bewerbern stellte sich sogar ein Fachhochschul-Präsident vor.

Zu viele Jobs nebenbei

Acht Stunden Lehre sind einem Universitätsprofessor in der Woche vorgeschrieben, 18 Stunden den Fachhochschulprofessoren. Der Rest steht jedem Professor nach eigenem Ermessen für Forschung und auch für die bürokratische Verwaltung zur Verfügung. Doch nach zahlreichen, als Personalberater getarnten Telefonaten ist für Uwe Kamenz klar: Dieselben Professoren, die ihre eigenen Vorlesungen so oft es geht an Assistenten delegieren, und deren Name seit Jahren keine Publikation mehr ziert – „diese Professoren haben offenbar alle Zeit der Welt, wenn sie auf eigene Rechnung arbeiten“.

Uwe Kamenz berichtet von üppigen Nebenjobs und Kungelei um Stellen, von manch eigenwilliger Doktorandenausbeutung, die er als „Sklavenhaltertum“ bezeichnet. Das Doktorandennetzwerk Thesis führt eine lange Sündenliste. Einige Doktoranden mussten mehrere Jahre auf die Korrektur und Bewertung ihrer Arbeit warten und standen so auch länger ihrem Doktorvater zur Verfügung.

„Nur ein Drittel der Professoren krempelt ordentlich die Ärmel hoch und leistet etwas Vorbildliches“, sagt Kamenz. Diese Professoren seien engagiert, sie arbeiteten oft viel mehr als vorgegeben. Nicht selten 60 Stunden in der Woche. Sie kümmerten sich um Projekte, Gelder und Studenten. Weil sie gut seien, bekämen sie letztlich immer mehr zu tun, immer mehr Studenten, immer mehr Prüfungen, immer mehr Projekte. Fünf Prozent aller Professoren hätten hingegen an der Hochschule einfach nichts zu suchen. „Dies sind eigentlich Schmarotzer, die nur einen lauen Lenz haben wollen.“ Und niemand könne sie daran hindern.

Heftige Worte sind das, die der Wirtschaftsforscher gebraucht. Er findet sie angesichts der Zustände angemessen. Sein Buch und seine Aussagen kratzen am blitzeblanken Image eines Berufsstandes, der so geachtet ist wie kaum ein anderer in Deutschland. 38000 Professoren gibt es in Deutschland, 2300 sind es in Sachsen. Uwe Kamenz nennt es eine gigantische volkswirtschaftliche Verschwendung. Nicht, dass es zu viele Professoren in Deutschland gäbe. „Aber zu viele Professoren sind untätig.“

Eine Studie in der Betriebswirtschaftslehre mit 100 Professoren an Universitäten und 250 an Fachhochschulen habe ergeben, dass die Hälfte von ihnen überhaupt nicht forscht. Forschung werde aber nicht kontrolliert, und so falle das eben niemandem auf. Hochgerechnet gehen Deutschland damit pro Jahr 13 Millionen Stunden Forschung verloren, für die das Land aber seine Professoren bezahlt.

„Ich bin der Frage nachgegangen, mit welchen einfachen Dingen man die Forschung und Lehrleistung schon in ein bis zwei Jahren verbessern kann“, begründet Kamenz seinen Stoß direkt ins Wespennest. Die Professoren seien Deutschlands Schlüssel für die technologische Entwicklung und damit für den künftigen Wohlstand.

Dort setzt Kamenz an mit seinen zehn Empfehlungen. Nur über Ehre und Ansehen sei da etwas zu machen, sagt der Autor, denn eine andere Kontrolle gebe es für Professoren nicht. Allenfalls die größten Skandale fliegen auf und landen vor Gericht. Wie jener Fall aus Hof, wo jemand jahrelang parallel gleich an zwei Hochschulen als vollwertiger Professor tätig war, ohne dass es irgendjemandem aufgefallen wäre. Oder da ist der Fall von „Professor Holiday“ aus Worms. Mitte der 90er Jahre verlegte er seinen Wohnsitz nach Florida. Über Jahre noch zahlte ihm der Staat sein Gehalt als Professor.

Doch oft sind es gerade die simplen, unauffälligen Tricks, mit denen sich Lehrverpflichtungen reduzieren lassen: Geisterseminar nennt sich das unter anderem im Fachjargon. Ein Seminarthema erfinden, das so langweilig ist, dass sich kein Student dafür einschreibt; das bringt freie Zeit. Wenn nicht von vornherein der Assistent die Lehre übernehmen muss, berichtet Uwe Kamenz.

All das sind bei Weitem keine Hirngespinste eines frustrierten Wirtschaftsprofessors. Selbst die Hochschulrektorenkonferenz hatte das Problem schon vor Jahren erkennen müssen. Deren damaliger Präsident, Klaus Landfried, forderte mit Nachdruck: „Als allerletztes Mittel muss faulen Professoren auch der Rausschmiss drohen.“ – Passiert ist bisher nichts.

Die Daten, wer etwas macht und wer nicht, sind eigentlich alle schon da. Sie müssen nur zusammengetragen werden. Vorlesungen und Kurse stehen in Vorlesungsverzeichnissen. Fachveröffentlichungen bräuchten nur gezählt werden. „Freilich ist nicht automatisch der am besten, wer am meisten publiziert. Aber wer als Professor in den letzten zwei Jahren gar nichts veröffentlicht hat, der macht ganz sicher auch keine Forschung.“

Öffentliche Abrechnung

In den USA befinden sich seit mehr als 15 Jahren auf der Internetseite von „RateMyProfessor“ 800000 bewertete Professoren. Wie gut, wie schlecht jemand lehrt, ist dort für jeden nachzulesen. Vor Berufungen fällt oftmals ein Blick auf die Eintragungen, gerade bei den Elite-Unis, die Wert auf exzellente Lehre legen. Ausgerechnet eine jener Unis, die sich in Deutschland zur Elite zählt, die RWTH Aachen, ließ im Frühjahr 2006 ihre 255 Professoren von der deutschen Internetseite MeinProf.de streichen, wo Studenten ihren Professoren unter anderem Noten für Verständlichkeit, Fairness und Material gegeben hatten.

Für Uwe Kamenz zumindest ist die Sache ziemlich klar: „Vor den tätigen Professoren sollte man den Hut ziehen, vor den untätigen sollte man auf der Hut sein.“

Das Buch: Uwe Kamenz, Martin Wehrle: „Professor Untat – Was faul ist hinter den Hochschulkulissen“. Verlag Econ, 288 Seiten, 18 Euro