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Dienstag, 26.01.2016

Wie ein PC-Spiel Hippelkinder zähmt

Das Dresdner Uniklinikum behandelt ADHS-Patienten mit einer ungewöhnlichen Methode. Erste Erfolge sind sichtbar.

Von Marleen Hollenbach

Für den Test des PC-Spieles lässt sich Praktikantin Sophie Schwab mit Sensoren verkabeln, die ihre Hirnströme messen. Gleichzeitig kann sie damit den Computer steuern – mit der Kraft ihrer Gedanken. Foto: Robert Michael
Für den Test des PC-Spieles lässt sich Praktikantin Sophie Schwab mit Sensoren verkabeln, die ihre Hirnströme messen. Gleichzeitig kann sie damit den Computer steuern – mit der Kraft ihrer Gedanken. Foto: Robert Michael

© robert michael

Vollste Konzentration. Sophie Schwab hat den Tunnelblick auf den Bildschirm gerichtet. Ein kleines Männlein ist darauf zu sehen. Noch steht es ganz still. Wenn die junge Frau die richtigen Hirnströme aktiviert, soll es sich bewegen. Der Test beginnt – und es tut sich nichts. Doch schon nach wenigen Sekunden läuft die Figur wie durch Zauberhand von der einen Bildschirmseite zur anderen. Eine Maus oder Tastatur braucht Sophie Schwab dafür nicht. Die Kraft ihrer Gedanken genügt, um den Computer zu steuern.

Was wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film klingt, ist in Wirklichkeit eine neue Behandlungsmethode. Das sogenannte Neurofeedback bietet die Uniklinik Dresden zur Behandlung von ADHS-Patienten an. Vor zwei Jahren starteten die Ärzte mit der Therapie. Inzwischen haben 80 Kinder und Jugendliche davon profitiert. „Wir konnten beobachten, dass sich dank der Behandlungsmethode die Konzentrationsfähigkeit der Patienten erhöht hat“, erklärt Professor Christian Beste, Leiter des Forschungsbereichs für kognitive Neurophysiologie. Das zeige sich vor allem bei den schulischen Fähigkeiten der Kinder. Genau da, im Klassenzimmer, treten bei ADHS-Patienten die größten Probleme auf.

Oberärztin Dr. Jessika Weiß kennt viele Geschichten. Meist kommen Kinder, die an einer solchen Krankheit leiden, schon in der ersten Klasse nicht richtig mit. „Sie können unwichtige Reize nicht ausblenden und schaffen es deshalb nicht, sich auf eine Sache zu konzentrieren“, erklärt Weiß. Auch fehle ihnen die Fähigkeit, über ihre Worte kurz nachzudenken, bevor sie etwas aussprechen. Häufig komme es deshalb zu Streit mit den Klassenkameraden. Im schlimmsten Fall wird der Schüler von seinen Mitschülern isoliert. Am Dresdner Uniklinikum werden pro Jahr 700 bis 800 potenzielle ADHS-Kinder vorgestellt – davon mehr Jungen als Mädchen. Nicht bei jedem liegt tatsächlich eine psychische Erkrankung vor. „Doch oftmals bestätigt sich der Verdacht“, so Jessika Weiß. Und die Zahl der Patienten steigt. Vor allem deshalb, weil sich mehr Eltern und Lehrer trauen, diesem Verdacht nachzugehen.

Fällt die Diagnose ADHS, müssen viele Kinder Medikamente nehmen. Das kann auch die neue Behandlungsmethode nicht verhindern. Die sei, so betonen die Experten von der Uniklinik Dresden, lediglich ein Zusatzangebot, das die bestehende Therapie optimiere. Und auch nicht für jedes Kind ist das Computerspiel die richtige Wahl. „Die Patienten müssen selbst den Wunsch haben, etwas an sich zu ändern. Dann erst ergibt die Neurofeedback-Methode Sinn“, so Weiß. Das PC-Spiel für Zappelphilippe funktioniert wie ein Mini-EKG. Dabei werden zunächst fünf Sensoren am Kopf angebracht, welche die Hirnströme messen. Mithilfe des Computers lernt der Patient, diese zu steuern. Auf einem zweiten Bildschirm kann der Arzt parallel dazu die Fortschritte erkennen.

Bei Sophie Schwab klappt das super. Sie ist aber auch keine Patientin, sondern Praktikantin der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ein ADHS-Patient hat es da schwerer. Deshalb sind nach Meinung der Ärzte 16 bis 20 Neurofeedbacksitzungen notwendig, die im Schnitt 50 Minuten dauern. Für Patienten der Uniklinik ist die Behandlung gratis. Gesetzliche Krankenkassen in Deutschland übernehmen die Kosten in solchen psychiatrischen Institutsambulanzen. Auch Ergotherapiepraxen bieten das Neurofeedback an. Hier kann es aber sein, dass die Eltern einen Teil der Behandlung selbst zahlen müssen. „Auch weil die Technik teuer ist, gibt es diese Methode in Sachsen so selten“, sagt Christian Beste. Dabei ist die Nachfrage groß, die Warteliste der Dresdner Uniklinik lang. Bisher mussten sich Kinder und Eltern ein Dreivierteljahr gedulden, bevor es losgehen konnte. „Gerade bei jungen Patienten ist eine lange Wartezeit sehr ungünstig“, sagt Oberärztin Weiß. Ab sofort gibt es deshalb vier statt zwei Behandlungsplätze. Damit können pro Woche 16 Patienten parallel therapiert werden, zehn mehr als bisher. Das Ziel: Keiner soll länger als vier Monate warten müssen.

Was genau das Spiel mit dem Gehirn des Patienten macht, lässt sich am Beispiel von Musik erklären. Jedes Lied hat einen bestimmten Rhythmus. Bei ADHS-Patienten spielt das Gehirn die Musik im falschen Tempo. Bei einem gesunden Menschen hat das Gehirn vier bis acht Schwingungen pro Sekunde, wenn es sich nicht anstrengt, und 13 bis 22 Schwingungen, wenn es voll konzentriert ist. Bei Kindern mit ADHS bleibt das Gehirn oft im Ruhebereich. Es ist also zu langsam. Das Computerspiel ist so aufgebaut, dass es eine hohe Konzentration, also ein schnelleres Gehirn, belohnt. Das Männlein auf dem Bildschirm bewegt sich nur dann, wenn die Anzahl der Hirnschwingungen stimmt. Sophie Schwab hat zunächst nur daran gedacht, dass das Männlein vorwärts geht. Ihre Gehirntätigkeit reichte dabei aber nicht aus. Die Figur blieb stehen. Als sie in Gedanken zu zählen begann, stieg die Gehirnleistung, das Männlein machte sich auf den Weg. Mit Zauberei hat es eben doch nichts zu tun.