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Freitag, 20.04.2018

Unberührte Seen unter arktischem Eis

Forscher hoffen, in verborgenen, jahrtausendealten Gewässern unbekanntes Leben zu finden.

Von Stefan Parsch

Mit Ultraschallmessungen aus dem Flugzeug wurde der Eisschild auf Devon Island erforscht.
Mit Ultraschallmessungen aus dem Flugzeug wurde der Eisschild auf Devon Island erforscht.

© Tom Richter/dpa

Edmonton. Unter dem arktischen Eis im Norden Kanadas liegen vermutlich zwei unberührte, sehr salzhaltige Seen. Die bei Ultraschallmessungen entdeckten Gewässer könnten seit 120 000 Jahren von der Außenwelt abgeschnitten sein, berichten Forscher im Fachjournal Science Advances. Das Team um Anja Rutishauser von der University of Alberta in Edmonton hofft auf ein unberührtes Ökosystem mit unbekannten Lebewesen.

Das Interesse von Wissenschaftlern an Proben aus Seen unter uralten Eisschilden ist groß. Bohrungen gab es in der Antarktis zum Beispiel am Ellsworthsee, über dem sich das Eis 3,2 Kilometer dick türmt, und am Wostoksee mit seinem fast vier Kilometer starken Eispanzer. Russische Forscher gaben bekannt, im Wostoksee unbekannte Mikroorganismen entdeckt zu haben, doch die Ergebnisse sind umstritten. 2013 meldeten britische Wissenschaftler, aus dem Hodgsonsee (ebenfalls Antarktis) 20 verschiedene Bakterienkulturen gewonnen zu haben, von denen einige keiner bekannten Art zugeordnet werden konnten.

Die aktuelle Entdeckung von flüssigem Wasser unter dem Eis gelang den Wissenschaftlern auf Devon Island im Nordosten Kanadas. Der Devon Ice Cap genannte Eisschild ist bis zu 1 900 Meter hoch. Mit einem Echolot entdeckten die Forscher Zonen, in denen Ultraschallwellen besonders gut reflektiert werden, was auf flüssiges Wasser hinweist. Die Seen, bisher nur T1 und T2 genannt, liegen in Gebirgsmulden und sind vermutlich 5 und 8,3 Quadratkilometer groß. Über T1 liegen etwa 560 Meter Eis, über T2 etwa 740 Meter.

T1 und T2 könnten nach Angaben der Forscher unter den Unter-Eis-Seen etwas Besonderes sein. Anhand der Ultraschallmessungen bestimmten Rutishauser und Kollegen die Temperaturen in den Seen auf höchstens minus 10,5 und minus 12 Grad Celsius. Wenn Wasser bei solch tiefen Werten flüssig ist, müsse es zwischen 140 und 160 Gramm Salz pro Kilogramm Wasser enthalten, schreiben die Forscher; nur ein so hoher Salzgehalt könne den Taupunkt des Wassers entsprechend herabsetzen. Zum Vergleich: In den Ozeanen sind durchschnittlich 35 Gramm Salz pro Kilogramm Wasser zu finden, im Toten Meer hingegen über 300.

Das Salz in T1 und T2 stammt sehr wahrscheinlich aus dem umgebenden Gebirge, das größere Mengen Halit (Steinsalz) enthält.

„Wenn Leben in diesen Seen existiert, könnte es sich isoliert entwickelt haben, da das Gebiet seit mindestens 120 000 Jahren von Gletschereis bedeckt ist“, betonen die Forscher. Dies würde Anlass zur Hoffnung geben, auch unter dem Eis des Jupitermondes Europa oder dem Eis der Polarkappen auf dem Mars Lebewesen finden zu können. (dpa)

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