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Tödliche Haken, schädliche Hitze

Schutzbemühungen lassen die Bestände von Meeresschildkröten wieder steigen. Doch viele Arten sind noch immer bedroht – durch Fischerei, Plastikmüll und Klimawandel.

22.09.2017
Von Simone Humml

Haken, schädliche Hitze
Die Populationen der Meeresschildkröten haben die Chance, sich zu erholen – wenn ein effektiver Schutz ihre Vermehrung fördert und die Todesfälle durch Beifang gesenkt werden.

© Kostas Papafitsoros/dpa

Es ist 5 Uhr früh und sehr dunkel am Strand bei Ras al-Dschins im Oman. Nur eine Taschenlampe leuchtet. Der Lichtkegel fällt hinter eine Grüne Meeresschildkröte, die ein Ei nach dem anderen in ihre gerade gegrabene Kuhle purzeln lässt. Ihre Schalen sind weich, wie kleine, glänzende Tischtennisbälle liegen schließlich mehrere Dutzend Eier im Nest. Die Menschen in gebührendem Abstand von der Mutter sind mucksmäuschenstill, einzeln dürfen sie kurz hinter die Schildkröte treten. Nachdem das Tier die Eier gelegt hat, scharrt es Sand in die Kuhle und begibt sich – wie die anderen Weibchen in der Nähe – auf den mühsamen Weg zurück zum Meer.

Im Schutzreservat Ras al-Dschins bauen Tausende Grüne Meeresschildkröten (Chelonia mydas) auf 45 Kilometern Küstenlänge ihre Nester. 2008 folgte ein Öko-Tourismusprojekt, in dem Experten kleine Gruppen von Besuchern an die Strände führen.

Doch nach wie vor drohen den Tieren Gefahren: Am Morgen fährt ein Motorboot vor der Küste hin und her, die Männer scheinen Ausschau zu halten nach den Weibchen des auch Suppenschildkröte genannten Tieres. Am Strand graben Füchse nach den Eiern, und Vögel fressen gerne die etwa handtellergroßen Schildkrötenbabys, die nach zwei Monaten schlüpfen und zum Meer wandern. Dort droht ihnen auf den langen Wanderungen die größte Gefahr: Fischernetze und Haken von Langleinen, durch die Schildkröten ertrinken. Hinzu kommt Plastikmüll.

Dennoch zeigt nun eine im Journal Science Advances veröffentlichte Studie Erfolge vieler jahrzehntelanger Schutzbemühungen in der Welt. Die Forscher um Antonios Mazaris von der Universität Thessaloniki in Griechenland haben Daten zu allen sieben Arten der Meeresschildkröten analysiert. Ergebnis: Die Zahl der Schildkröten steigt in vielen Gebieten. Das Team wertete für 299 Populationen jährliche Abschätzungen der Nester über Zeiträume von sechs bis 47 Jahren aus.

Bei 95 Populationen stieg die Zahl der Tiere deutlich, bei 35 sank sie – ebenfalls deutlich. Beim Rest blieb sie in etwa gleich. „Selbst kleine Populationen von Meeresschildkröten haben die Fähigkeit, sich zu erholen“, schreiben die Forscher. Es könne sein, dass Gebiete mit geringer Zahl von Schildkröten zuweilen Zuwachs aus Nachbarregionen erhielten. Hauptgründe für die steigenden Zahlen seien wahrscheinlich jedoch der effektive Schutz der Eier und der Weibchen bei der Eiablage sowie die Senkung der Todesfälle durch Beifang.

„Das sind gute Neuigkeiten“, sagt Meeresschildkröten-Experte Roderic Mast von der Weltnaturschutzunion IUCN. Diese sehe einen ähnlichen Trend. Noch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN. Für die siebte Art, die Wallriffschildkröte (Natator depressus), gibt es laut IUCN nicht genügend Daten zur Einstufung. Es sei zwar positiv, dass man das Artensterben stoppen könne, aber niederschmetternd, dass viele der untersuchten Populationen weiterhin kleiner würden, sagt der WWF-Referent für Seafood Zertifizierung, Philipp Kanstinger.

Die bei Weitem größte Bedrohung für die Meeresschildkröten ist auch nach Ansicht des IUCN-Experten Mast der Beifang. Einige Hunderttausend Schildkröten verenden demnach pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Langleinen. Andere werden in Fisch- und Shrimpsnetzen gefangen, wo sie ersticken. Mehr und mehr Fischer ersetzen jedoch die J-förmigen Haken an den Langleinen durch Rundhaken, in die Schildkröten nicht richtig beißen können. Das reduziert nach WWF-Angaben die Todesrate durch Langleinen um 90 Prozent.

Die zweitwichtigste Bedrohung ist Mast zufolge der weiterhin in vielen Regionen existierende direkte Fang von Schildkröten und das Sammeln der Eier. Auf Nummer drei sieht der Experte die Verschmutzung der Meere, insbesondere durch Plastik. So steige die Zahl der entdeckten Schildkröten mit Plastikteilen im Magen, die auch zum Tod führen könnten. Als vierte Bedrohung nennt er den Verlust der Lebensräume. Hell erleuchtete Hotels an Stränden halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys mit ihren Lichtern, sodass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden.

Gleich mehrfach schädige zudem der Klimawandel die Reptilien, sagt Mast. Sturmfluten und der steigende Meeresspiegel könnten Brutgebiete am Strand vernichten. Und je höher die Sandtemperatur, desto mehr Tiere entwickelten sich in den Eiern zu Weibchen. Was die Änderung im Geschlechterverhältnis letztlich bewirke, sei noch unklar. Wenn die Temperatur weiter steige, könnten die noch nicht geschlüpften Tiere in den Nestern sogar sterben. In Malaysia sei der Temperatureinfluss auf andere Weise eindrücklich belegt: Dort seien Kokospalmen an einem Schildkrötenstrand gefällt worden. Ohne Schatten sei es zu heiß für den Schildkrötennachwuchs.

Da der Erfolg vor allem auf direkte Schutzbemühungen wie Reservate zurückgehe, seien weitere Anstrengungen wichtig, betont Mast. Das Verhalten eines jeden Menschen müsse sich ändern, nicht nur das von Regierungen und Industrie. „Geben sie den Strohhalm aus dem Glas zurück, den Sie im Restaurant erhalten.“ Auch Wasser-Plastikflaschen seien „schlecht für die Schildkröten, schlecht für den Ozean und ebenso schlecht für uns Menschen“.

Unter den Staaten gebe es Vorreiter beim Schutz der Meerestiere, sagt Philipp Kanstinger. Shrimps dürften in den USA nur noch gefangen werden, wenn dies keine Schildkröten gefährde. So gebe es etwa schildkrötenfreundliche Netze mit einer Art Klapptür, durch die Schildkröten nach oben entweichen können. Wenn das Handelsabkommen TTIP gekommen wäre, hätte es die EU vermutlich zu besserem Schutz von Meerestieren gezwungen, wie er in den USA lange üblich sei, meint Kanstinger.

Und Schildkröten-Beobachtung, schadet oder nützt sie? Das kommt darauf an, meinen die Experten. „Ökotourismus ist gut, wenn er ordentlich gemacht wird“, meint Mast. Mit Touristen zum Strand zu gehen sei besser, als die Eier zu essen. „Doch der Hauptgrund, warum solche Touren eine gute Sache sind, ist: Zu beobachten, wie eine Schildkröte – eine vor rund 100 Millionen Jahren entstandene Kreatur – aus dem Ozean kommt und ihre Eier legt, das ist ein lebensveränderndes Erlebnis“, sagt Mast. (dpa)