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Montag, 20.06.2016

Tauchender Held auf Schatzsuche

Archäologen haben es unter Wasser oft schwer. Stück für Stück müssen Fundorte versunkener Vergangenheit dokumentiert werden. Jetzt kommt Hilfe aus Dresden.

Von Jana Mundus

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In der kroatischen Adria sucht das Kamera-Unterseeboot der HTW Dresden nach einem Schiffswrack – und liefert gleich ein 3-D-Modell davon.
In der kroatischen Adria sucht das Kamera-Unterseeboot der HTW Dresden nach einem Schiffswrack – und liefert gleich ein 3-D-Modell davon.

© Archaeonautic

  • In der kroatischen Adria sucht das Kamera-Unterseeboot der HTW Dresden nach einem Schiffswrack – und liefert gleich ein 3-D-Modell davon.
    In der kroatischen Adria sucht das Kamera-Unterseeboot der HTW Dresden nach einem Schiffswrack – und liefert gleich ein 3-D-Modell davon.
  • Mit den Augen der Kamera: Während der Taucher vor ihm die Fundstelle dokumentiert, macht der Roboter seine Aufnahme. Gesteuert wird er vom Ufer aus. Die Wissenschaftler dort sehen alles in Echtzeit an einem Monitor.
    Mit den Augen der Kamera: Während der Taucher vor ihm die Fundstelle dokumentiert, macht der Roboter seine Aufnahme. Gesteuert wird er vom Ufer aus. Die Wissenschaftler dort sehen alles in Echtzeit an einem Monitor.
  • An Land ganz unscheinbar, revolutioniert der Tauchroboter gerade die Welt der Archäologie. Marco Block-Berlitz (2.v.l.) und seine Kollegen haben aber schon wieder neue Ideen, die sie in Ecuadors Grotten führen werden.
    An Land ganz unscheinbar, revolutioniert der Tauchroboter gerade die Welt der Archäologie. Marco Block-Berlitz (2.v.l.) und seine Kollegen haben aber schon wieder neue Ideen, die sie in Ecuadors Grotten führen werden.

Der kleine Taucher verschwindet im Wasser. Einen Augenblick ist er noch zu sehen, im nächsten verschluckt ihn die Dunkelheit der Tiefe. Immer weiter sinkt er in Richtung Grund. Die Kühle um ihn herum spürt er nicht. Unbeirrt macht er sich weiter auf den Weg. In sechs Metern Tiefe sieht er vor sich einen Hügel aus Steinen. Dazwischen aufgequollenes Holz. Die Überreste eines Schiffs, das hier im 16. Jahrhundert vor der kroatischen Küste gesunken ist. Gerade wird das Wrack von Archäologen in Taucheranzügen untersucht. Doch der Roboter hat keine Zeit, noch näher heranzuschwimmen. Er hat eine Mission. Bahn für Bahn schwimmt er über dem Wrack hin und her und dreht dabei einen Film. Nicht irgendeinen, sondern einen, der den Archäologen helfen soll. Schließlich ist der kleine Taucher das Vorzeigemodell des Projekts Archaeonautic. Ein kleiner Tauchroboter, der die Welt der Archäologie revolutionieren will.

Die Väter des Tiefseehelden sitzen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden (HTW). Informatiker, Mathematiker und Experten für Geoinformation arbeiten hier zusammen, um dem Mini-Kamera-U-Boot das Schwimmen beizubringen. In Kooperation mit Kollegen der Freien Universität Berlin entwickelten sie die Technik, die dafür notwendig ist. Im April hatte das Projekt seine Prüfung. Im kroatischen Veruda unterstützten die Dresdner das Deutsche Archäologische Institut und die Universitätskollegen der ICUA Zadar bei der Dokumentation des Schiffswracks. „Wir waren nur eine Woche dort, hatten also gar nicht viel Zeit“, erzählt Marco Block-Berlitz. Der Professor für Computergrafik an der HTW-Fakultät für Informatik und Mathematik ist gleichzeitig wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin, hält so auch den Kontakt zwischen den Projektpartnern. Die haben in der Vergangenheit schon die Lüfte erobert.

Vergangenem auf der Spur

Durch einen ehemaligen Studienkollegen kam Block-Berlitz vor ein paar Jahren zum ersten Mal in Kontakt mit der Welt der Archäologie. „Das Dokumentieren ist gerade in diesem Bereich eine wichtige Aufgabe“, sagt er. Ob Ausgrabungsstelle steinzeitlicher Siedlungen, die Fundstelle jahrtausendealter Knochenreste oder eben versunkene Vergangenheit in den Tiefen des Meeres: Alles muss fotografiert und die Lage der Fundstücke festgehalten werden.

Mit Kollegen überlegte er, wie den Archäologen mittels modernster Technik geholfen werden könnte. Vor vier Jahren begann deshalb die Arbeit am Projekt Archaeocopter. Die Idee: die Entwicklung einer fliegenden Kamera, die hochauflösende Bilder von archäologischen Ausgrabungsstätten liefern kann. Diese Technik sollte leicht verständlich und nachzubauen sein. Zu einem Preis, den sich wissenschaftliche Projekte auch leisten können. „Das ist das große Credo unserer Arbeit. Es muss erschwinglich sein“, sagt er.

Deshalb verwendeten sie Bausätze für Drohnen, die jeder kaufen kann, und passten sie für den vorgesehenen Zweck an. Daran montierten sie Action-Kameras, die sich Privatmenschen sonst gern für raffinierte Aufnahmen während wilder Radtouren auf ihren Sturzhelm montieren. Mit diesem System können sie Ausgrabungsflächen aus allen möglichen Perspektiven filmen. Der Clou ist jedoch die ebenfalls entwickelte Software, die nach dem Dreh an die Arbeit geht. Sie sucht im Film nach passenden Fotos und fügt sie zu einem dreidimensionalen Modell zusammen.

Die Neuentwicklung sprach sich herum. Erste archäologische Projekte forderten das Team an, um sich helfen zu lassen. Auf Tagungen und Konferenzen stellten die Dresdner und Berliner ihre Arbeit vor. „Irgendwann stand dann die Frage im Raum, ob das System nicht auch unter Wasser eingesetzt werden könnte“, sagt Marco Block-Berlitz. Den Beweis tritt die Forschungsgruppe postwendend an und erfand das Kamera-U-Boot.

Auch diesmal greifen sie auf schon existierende Bausätze für kleine Unterseeboote zurück. Neben den Kameras sind diesmal aber vor allem die Lampen wichtig, mit denen Licht ins Meeresdunkel gebracht wird. Das in Kroatien eingesetzte Modell hat vier Lampen an Bord mit 800 Lumen. „Wir haben aber schon gesehen, dass eine stärkere Leuchtkraft wichtig ist. Deshalb planen wir noch hellere Leuchten.“ Für rund 2 000 Euro könnten Forschergruppen solch ein Gerät jetzt nachbauen.

Künftig soll dieser Tauchroboter den Archäologen Zeit sparen. Üblicherweise fotografieren sie unter Wasser Stück für Stück die Teile versunkener Schätze. Das ist mühsam und zeitaufwendig. „Unser U-Boot fährt das betreffende Gebiet viel schneller ab, fotografiert und filmt gleichzeitig.“ Während einer Ausgrabung kann es sogar wiederholt auf Tauchgang gehen und so auch Fortschritte zeigen.

Gerade diese Möglichkeit soll in wenigen Monaten in Österreich eingesetzt werden. Im dortigen Mondsee existieren versunkene Pfahlbau-Dörfer. Wie sich die Strömung auf deren Zustand auswirkt, soll herausgefunden werden. Die Dresdner wollen mit ihrer Technik die Antwort darauf liefern. Die Ideen für die Zukunft gehen weiter. In Ecuador soll das System in dunklen Grotten ausprobiert werden. „Daraus 3-D-Modelle zu basteln wird eine sehr spannende Aufgabe“, sagt Block-Berlitz.

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