sz-online.de | Sachsen im Netz

Schuppentiere auf absteigendem Ast

Jagd und illegaler Handel drohen eine uralte Säuger-Familie auszurotten.

26.09.2017
Von Roland Knauer

iere auf absteigendem Ast
Auch wenn Weißbauch-Schuppentiere offensichtlich hervorragend klettern können, enden viele von ihnen in den Schlingen von Wilderern. Foto: Nationaler Botanischer Garten Belgiens

Seit Urzeiten können Schuppentiere sich auf ihre Verteidigungsstrategie verlassen. Können sie sich vor einem Feind nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen, rollen sie sich zu einer Kugel zusammen. Die harten Schuppen auf ihrem Kopf, Rücken und Schwanz bilden dann einen Panzer, dessen scharfe Kanten nach außen gerichtet sind. Das Tier ähnelt so einem überdimensionalen Tannenzapfen. Verzahnen sich bei diesen „Tannenzapfen-Tieren“ dann auch noch die Schuppen auf dem Schwanz mit denen des Nackens, kann sie auch das stärkste und geschickteste Raubtier nicht mehr aufrollen. Selbst ein hungriger Löwe zieht dann mit knurrendem Magen unverrichteter Dinge weiter.

Seit aber Feinde auf zwei Beinen auftauchen, die mit Schlingenfallen auf die Jagd gehen, haben die acht Arten der Schuppentiere schlechte Karten. „Zahlen Menschen in den Städten Westafrikas doch hohe Preise für die als Delikatesse gehandelten Tiere“, erklärt Jörn Scharlemann von der University of Sussex in der Nähe der englischen Stadt Brighton. Besonders hohe Summen legen Käufer für den Panzer aus Schuppen auf den Tisch, weil die harten Hornplatten in der asiatischen Medizin als Mittel gegen eine Reihe von Leiden, von Entzündungen über Rheuma bis zu Asthma, sowie zur vermeintlichen Steigerung der Manneskraft angepriesen werden. Nach Angaben der Internationalen Naturschutzunion IUCN werden die Tiere inzwischen häufiger als alle anderen Säugetiere – einschließlich der Elefanten mit ihrem Elfenbein – gehandelt. Wobei „schmuggeln“ eigentlich richtiger wäre, weil das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES seit 2016 den internationalen Handel mit allen acht Arten der Schuppentiere oder Teilen von ihnen wie den begehrten Schuppen verbietet.

Am schlechtesten geht es anscheinend den vier Arten in Asien. Das Chinesische und das Malaiische Schuppentier stehen in den Roten Listen der IUCN als „vom Aussterben bedroht“, das Vorderindische und das Palawan-Schuppentier stuft die Organisation als „stark gefährdet“ ein. Die restlichen vier Schuppentier-Arten leben in Afrika und sind als „gefährdet“ gelistet. Allerdings hat die IUCN bei dieser Einordnung erhebliche Schwierigkeiten, weil Zoologen und Naturschützer über diese Tiere sehr wenig wissen.

In Zoos und Tierparks lassen sich Schuppentiere kaum halten. Stehen doch auf ihrem Speiseplan normalerweise nur Ameisen und Termiten, deren Bauten sie mit kräftigen Klauen aufbrechen. Danach verleiben sie sich ihre noch lebende Mahlzeit mit einer langen, klebrigen Zunge ein. Dabei verschließen sie die empfindlichen Augen, Ohren und Nasenlöcher sorgfältig, damit die durchaus wehrhaften Insekten sie dort nicht attackieren. Zum Füttern müsste sich ein Zoo also zusätzlich auch noch die entsprechenden Ameisen und Termiten samt ihrer Bauten zulegen. Und das reichlich, schließlich wird die größte Art, das Riesenschuppentier in den Wäldern von West- und Zentralafrika, mit Schwanz bis zu 140 Zentimeter lang, ein Exemplar wog 33 Kilogramm.

Um ihren Appetit zu stillen, nutzen selbst die mit weniger als 20 Kilogramm deutlich kleineren Steppen-Schuppentiere in den Savannen des südlichen und östlichen Afrikas die Termiten- und Ameisenbauten in einem mehrere Quadratkilometer großem Gebiet. Da greift der Zoo in Leipzig, in dem die einzigen Schuppentiere Europas leben, doch lieber zu einem Spezial-Rezept aus Bienenlarven und anderen Zutaten. Nachwuchs haben die beiden Chinesischen Schuppentiere aber trotzdem noch nicht bekommen.

Auch in der Natur lassen sich die Tiere kaum beobachten. „Die vier afrikanischen Schuppentier-Arten sind vermutlich überwiegend nachts unterwegs. Drei von ihnen sind in den oft schwer zugänglichen Regenwäldern zu Hause, während die Steppen-Schuppentiere sich über die weiten Savannen verteilen“, erklärt Jörn Scharlemann. Da fällt die Forschung schwer. Wenn über sie aber kaum etwas bekannt ist, ist auch ihr Schutz problematisch.

In solchen Fällen sind Spezialisten wie Jörn Scharlemann und seine Kollegen gefragt, die die wenigen Informationen mit Computer-Analysen zu einem besseren Bild zusammensetzen. „An 36 Orten in sieben Staaten in West- und Zentralafrika hatten Kollegen auf den Märkten untersucht, wie viele Tiere dort angeboten wurden, an 113 Orten in 14 Staaten ermittelten sie, wie viele Tiere gejagt wurden“, fasst Jörn Scharlemann die Grundlagen der Untersuchung zusammen, über die er und seine Kollegen in der Zeitschrift Conservation Letters berichten. Fast 350 000 Wirbeltiere wurden in diesen Studien zusammengefasst, die zum Beispiel einzelne Doktorarbeiten oder ähnliche Untersuchungen waren.

Waren in den 1970er-Jahren noch 0,04 Prozent der gejagten Wirbeltiere Schuppentiere, kamen sie vier Jahrzehnte später bereits auf 1,83 Prozent. Offensichtlich konzentrierte sich die Jagd zunehmend auf die gut gepanzerten Tiere, was Jörn Scharlemann auch aus einer anderen Entwicklung abliest: „Zwischen 1975 und 2010 stieg die Zahl der angebotenen Schuppentiere um 150 Prozent“, erklärt der deutsche Naturschutz-Professor. Wurden vor der Jahrtausendwende jedes Jahr noch 0,3 bis 1,2 Millionen Schuppentiere in dem untersuchten Teil Afrikas gejagt, waren es in den Jahren danach bereits 0,8 bis drei Millionen. Bei diesen Zahlen fehlen allerdings die Steppenschuppentiere, für die einfach zu wenig Zahlen für eine zuverlässige Analyse vorlagen. „Trotzdem ist das ein riesiger Anstieg, den die Studien bei anderen Tiergruppen nicht zeigen“, meint Jörn Scharlemann.

Seit 1990 stieg der Preis für das Riesenschuppentier in den Märkten der Städte um das 5,8-Fache, während die anderen beiden im Wald lebenden Arten nur 2,3-mal teurer wurden. Auf den Dörfern blieben die Preise sogar gleich. Hinter dieser Entwicklung vermutet Jörn Scharlemann zwei Ursachen: „In den Städten leisten sich etliche Menschen Schuppentiere als kulinarische Delikatesse, gleichzeitig werden zunehmend Fleisch und Schuppen der Tiere nach Asien geschmuggelt.“

Weil Schuppentiere vermutlich nur selten Junge bekommen, hat der florierende und illegale Handel auf die Bestände wohl einen starken Einfluss. Das deuten auch die Analysen an: „Nur die Hälfte der heute gejagten Schuppentiere waren bereits erwachsen, 45 Prozent waren noch nicht zur Fortpflanzung fähig“, nennt Jörn Scharlemann ein weiteres Ergebnis der Studie. Wenn die Wilderer aber zunehmend Jungtiere erwischen, scheint die Population auf einem kräftig absteigenden Ast zu sein. „Wir sollten schnell handeln, um die Schuppentiere vor dem Ausrotten zu retten“, schließt Jörn Scharlemann aus solchen Daten.