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Montag, 20.01.2014

Schalter für das Wachsen der Quallen gefunden

Wissenschaftler haben den Lebenszyklus der Glibbertiere analysiert. Sie warnen jedoch vor drastischen Eingriffen in deren Vermehrung.

Wenn Aurelia aurita, die Ohrenqualle, in Massen auftritt, macht der Strandurlaub keinen Spaß mehr.
Wenn Aurelia aurita, die Ohrenqualle, in Massen auftritt, macht der Strandurlaub keinen Spaß mehr.

© dpa

Die oft explosionsartige Vermehrung von Quallen auch in Nord- und Ostsee könnte sich nach neuen Erkenntnissen eindämmen lassen. „Der komplexe Lebenszyklus der sogenannten Ohrenqualle Aurelia aurita und die dahinter liegenden Mechanismen sind jetzt entschlüsselt worden“, sagt Thomas Bosch, Direktor am Zoologischen Institut der Uni Kiel.

Die jahrhundertealte Frage nach einer biologischen Grundlage der Umwandlung sei in einem internationalen Forschungsprojekt – unter maßgeblicher Beteiligung Kieler Wissenschaftler – geklärt worden. Er warnt jedoch davor, mit drastischen Mitteln in die Vermehrung einzugreifen. Ihre Studie stellen die Forscher im US-Fachjournal Current Biology vor. Die Ohrenqualle ist in Nord- und Ostsee sowie im Atlantik verbreitet. Sie ist handtellergroß und nicht giftig, wächst im Frühjahr heran und stirbt jeweils im Winter.

Bosch beschreibt den bereits bekannten Lebenszyklus, bei dem sich Polypen in Quallen verwandeln, so: Aus einer Eizelle bildet sich zunächst eine Larve und daraus ein Polyp. Der Polyp ist festsitzend (etwa an Schleusentoren), er frisst und kann sich nicht fortbewegen. Und dieser kleine Polyp beschließt temperaturabhängig gegen Ende des Winters, dass aus ihm Quallen entstehen. Aus seinem Körper sondert er kleine Ringe ab, aus denen Quallen werden. Sie wachsen über Frühjahr, Sommer und Herbst heran, produzieren Geschlechtszellen und sterben dann. Der Kreislauf beginnt erneut: Aus befruchteten Eizellen entstehen Larven und daraus ungeschlechtliche Polypen. Diese können sich ungeschlechtlich fortpflanzen.

„Um aber eine Lebensform zu produzieren, die Geschlechtszellen herstellt und die beweglich ist, sich also in die Meere der Erde verbreiten kann, muss der Polyp einen Umwandlungsprozess durchlaufen – es ist wie eine Metamorphose“, erläutert Bosch.

Nun habe ein interdisziplinäres Team die molekulare Maschinerie analysiert, die den Übergang vom Polypen zur Qualle reguliere. Im Rahmen des Projekts sei das von der Umgebungstemperatur abhängige Molekül CL 390 entdeckt worden, das auch bei der Metamorphose anderer Tiere eine Rolle spiele. „Erst wenn die Temperatur stimmt, wird dieses Molekül gemacht – es muss im Winter sehr kalt und dann wieder warm werden.“ Wenn das Molekül CL 390 aktiviert sei und ein bestimmtes Membranmolekül existiere, fange der Polyp an, aus sich heraus Quallen hervorgehen zu lassen.

„Wenn man dieses Molekül CL 390 – rein theoretisch – ausschalten könnte, dann würde es nicht mehr die Qualle Aurelia aurita geben“, sagt Bosch. „Die Idee geht dahin, ein synthetisches Molekül zu produzieren, das dieses CL 390 blockiert.“ Die Möglichkeit, chemische Blockierer anzuwenden, könnte nach dieser Studie ein Weg sein, die massenhafte Neubildung von Quallen gering zu halten, resümiert Bosch. Noch gebe es solche synthetischen Moleküle nicht. Der Forscher betont jedoch, dass solch massive Eingriffe in Lebensräume aus Sicht eines Biologen nicht gewollt und höchst riskant sind. „Das hätte biologisch nicht vorhersehbare Konsequenzen.“

Im Fachjournal heißt es zum Schluss, das neue Wissen dürfte zur Entwicklung von wirkungsvollen Substanzen führen, die zur Kontrolle von Quallen-Blüten verwendet werden könnten. (dpa)

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