Mittwoch, 02.01.2013

NF3: Ein besonders schädliches Treibhausgas macht „Karriere“

Ab 2013 wird in der EU ein rasant zulegendes Treibhausgas verstärkt kontrolliert, um den Ausstoß im Kampf gegen die Erderwärmung zu begrenzen. Stickstofftrifluorid, kurz NF3, ist 17.200 mal so stark wie CO2 - es wird bei der Produktion von Fernsehern und Solarzellen freigesetzt.

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Solarzellen als Klimakiller? Ein kaum denkbarer Zusammenhang, der trotzdem irgendiwe zutrifft. Bei der Produktion von Solartechnik entsteht das Gas NF3, das 17.200 mal schädlicher als CO2 ist.
Solarzellen als Klimakiller? Ein kaum denkbarer Zusammenhang, der trotzdem irgendiwe zutrifft. Bei der Produktion von Solartechnik entsteht das Gas NF3, das 17.200 mal schädlicher als CO2 ist.

©dapd

Berlin. Als Abdullah bin Hamad Al-Attiyah in Doha den Hammer fallen ließ, beendete er damit nicht nur eigenmächtig das zähe Ringen beim UN-Klimagipfel. Der katarische Konferenzpräsident bereitete damit vor knapp vier Wochen auch den Weg für einen verstärkten Kampf gegen ein sehr schädliches Treibhausgas. Denn in dem bis 2020 verlängerten Kyoto-Protokoll verpflichten sich die 27 EU-Staaten und zehn weitere Länder, ab 2013 auch Stickstofftrifluorid (NF3) in die Klimabilanz einzubeziehen. Es wird daher ab sofort auch in Deutschland stärker kontrolliert.

Die rasante Zunahme seit den 90er Jahren hängt vor allem mit der verstärkten Verwendung des Gases bei der Produktion von Flachbildschirmen und von Solarzellen zusammen - die ja wiederum dank der Sonnenstromproduktion eigentlich das Klima schützen sollen. NF3 wird unter anderem zur Beseitigung von Siliziumrückständen benutzt. Während Klimaschutzskeptiker die menschliche Schuld an der Erderwärmung um schon rund 0,8 Grad seit den 1960er Jahren gerne bestreiten, ist NF3 der beste Beweis des Gegenteils. Denn es ist industriellen Ursprungs und in seiner Wirkung 17.200 mal stärker als CO2.

NF3-Konzentration steigt um 11 Prozent pro Jahr

Die NF3-Konzentration in der Atmosphäre steigt nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) um elf Prozent pro Jahr - allerdings sei die Gesamtmenge bisher marginal, betont die Emissions-Erfassungsbehörde in Deutschland. „Es dürfte direkt korrelieren mit dem Produktionszuwachs bei Solarmodulen und Flachbildschirmen“, erläutert Michael Strogies. Er ist beim UBA für die Berichterstattung über die Entwicklung der Treibhausgasemissionen in Deutschland zuständig.

Der Ausstoß hat auch deshalb zugenommen, weil die Substanz als Ersatzstoff für verbotene Fluorkohlenstoff-Verbindungen verwendet wird. Neben der hohen Klimaschädlichkeit kommt erschwerend hinzu, dass NF3 nur sehr langsam abgebaut wird. Die Verweildauer in der Atmosphäre beträgt 740 Jahre.

Wie der NF3-Ausstoß verringert werden soll

Ab 2013 muss nun gemäß des verlängerten Kyoto-Protokolls in 37 Staaten die NF3-Ausstoßmenge konkret erfasst werden. Dies soll in Deutschland vor allem geschehen über eine Erfassung der Emissionen aus der Solarindustrie, eine nennenswerte Flachbildschirmproduktion gibt es in Deutschland nicht mehr. „Für mich ist das nur eine Spalte mehr bei der Berichterstattung“, gibt sich Strogies pragmatisch. An der Messstation für Emissionen an der Zugspitze soll NF3 zunächst nur probeweise gemessen werden, da die Messungen sehr aufwendig sind.

„Unsere Probemessungen werden zeigen, ob und wie wir NF3 dort dauerhaft messen“, betont UBA-Präsident Jochen Flasbarth. „Dieser Stoff zählt zu den klimawirksamsten Gasen, die wir in der Atmosphäre haben“, erläutert er. Für Deutschland gebe es aber bereits erhebliche Anstrengungen, um den Ausstoß zu mindern. In der Solarindustrie werde der NF3-Austritt durch Abgasreinigungsanlagen zunehmend eingedämmt.

Besonders in asiatischen Ländern, wo die meisten Solarzellen und Flachbildschirme produziert werden, dürfte der NF3-Ausstoß jedoch stark zunehmen. Sie machen bei Kyoto II aber nicht mit. Bis zu dem ab 2020 geplanten Weltklimavertrag gibt es hier also keine Minderungs- oder Kontrollauflagen. So steht NF3 auch für das Dilemma beim globalen Klimaschutz. Während vor allem die EU um eine Begrenzung bemüht ist, steigen in anderen Weltregionen die Emissionen. Sodass unter dem Strich oft noch nicht einmal ein Nullsummenspiel herauskommt. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

  1. Doc1971

    Bitte korrigieren: Die 0,8 Grad durchschnittliche globale Erwärmung beziehen sich auf das Jahr 1850 (Beginn der Industrialisierung), und nicht auf die 60er Jahre wie im Artikel angegeben. Siehe aktuelle Datenreihen bei woodfortrees.org: http://tinyurl.com/9jtybu2 0,8 Grad Celsius in 160 Jahren. Diese Erwärmung beendete (glücklicherweise) die sog. kleine Eiszeit, eine Epoche die von Missernten und Hungersnöten geprägt war.

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