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Donnerstag, 04.12.2014

Muschelmahl mit Muster

Ein paar Linien lassen vermuten, dass Frühmenschen eher als bisher angenommen zu komplexem Denken in der Lage waren.

Von Roland Knauer

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Das Foto zeigt eine Muschel mit Gravuren, die Forscher auf der indonesischen Insel Java entdeckt haben. Die Gravuren sollen die bisher ältesten bekannten von Urmenschen geschaffenen geometrischen Muster sein und ein Alter von 430000 bis 540000 Jahre haben.
Das Foto zeigt eine Muschel mit Gravuren, die Forscher auf der indonesischen Insel Java entdeckt haben. Die Gravuren sollen die bisher ältesten bekannten von Urmenschen geschaffenen geometrischen Muster sein und ein Alter von 430 000 bis 540 000 Jahre haben.

© dpa

Spektakuläre Neuigkeiten erfahren Frühmenschen-Forscher des 21. Jahrhunderts nicht nur bei Ausgrabungen, sondern oft genug auch aus den Archiven und Ausstellungsräumen der Naturkundemuseen. Gerade wurden Josephine Joordens von der Universität im niederländischen Leiden und ihre Kollegen zum Beispiel im Nationalen Naturgeschichtlichen Museum Naturalis in Leiden fündig. Dort lagern die Knochen und andere Fundstücke, mit denen der Holländer Eugène Dubois bereits 1891 am Ufer des Solo-Flusses im Osten der indonesischen Insel Java zum ersten Mal Frühmenschen außerhalb Europas entdeckte. Diese Java-Menschen aber sind nicht nur halb so alt wie bisher vermutet, sondern haben auch bereits Zickzack-Linien in Muschelschalen geritzt, schreiben die Forscher in der Zeitschrift Nature.

Zu diesen Java-Menschen haben sich seither längst viele weitere Funde von Frühmenschen in Asien und vor allem auch in Afrika gesellt. Dort haben sich südlich der Sahara langsam Frühmenschen entwickelt, sind aber schon frühzeitig in verschiedene Weltregionen ausgewandert, nimmt ein großer Teil der Frühmenschenforscher heute an. „Südlich des Kaukasus, im heutigen Georgien, in China und natürlich auch auf Java wurden Überreste dieser Frühmenschen und ihrer Werkzeuge gefunden, die bis zu 1,8 Millionen Jahre alt sind“, erklärt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Die von Eugène Dubois 1891 entdeckten Java-Menschen waren nach bisherigen Messungen dagegen mit rund 900 000 Jahren relativ jung.

Unter diesen Funden waren auch 143 komplette Schalen von Süßwassermuscheln. Weil Jungmuscheln völlig fehlen, vermuten die niederländischen Forscher, dass die Tiere von Menschen gesammelt und verzehrt wurden. Tatsächlich finden sie in jeder dritten Schale genau dort ein kleines Loch mit einem Durchmesser von einem halben bis zu einem Zentimeter, wo der Schließmuskel ansetzt. Diese Löcher aber ähneln denen kaum, mit denen die Zähne von Ottern, Ratten oder Affen Muschelschalen knacken.

Mit dem Haizahn angebohrt

Als die Forscher dagegen mit den Zähnen von Haien an der richtigen Stelle die Schalen lebender Muscheln mit einer drehenden Bewegung durchbohrten, ähnelten die entstehenden Löcher denen in der Museumssammlung frappierend. Da die Forscher einige Haizähne bei den Muschelschalen und den Relikten der Java-Menschen fanden, haben wohl Frühmenschen diese Zähne von der Küste an den Solo-Fluss gebracht und damit dort die Muscheln angebohrt. Sobald der Haizahn-Bohrer durch ist und den innen ansetzenden Schließmuskel verletzt, öffnen sich die beiden Schalenhälften. So konnten die Frühmenschen einen schmackhaften Leckerbissen genießen.

Der Rand einer der Muschelschalen sieht poliert aus und schimmert wie Perlmutt. Vermutlich hatten die Java-Menschen diese Schale als Klinge oder Schaber verwendet. Das überrascht Jean-Jacques Hublin kaum. „Frühmenschen haben schließlich auch aus Knochen Werkzeuge gemacht“, erklärt der Max-Planck-Forscher. Warum sollten sie also nicht auch die scharfen Kanten der Muschelschalen verwendet haben?

„Viel mehr überrascht mich dagegen die Altersbestimmung der untersuchten Muschelschalen“, meint Jean-Jacques Hublin. In ihnen hatte sich Schlamm und anderes Material von Gewässern abgelagert, das auch Partikel aus den auf Java recht häufigen Vulkanausbrüchen enthält. Aus der flüssigen Lava entweicht das gesamte Edelgas Argon, daher muss das heute darin enthaltene Argon nach der Eruption aus einem natürlichen, radioaktiven Kalium-Isotop entstanden sein. Da das Edelgas bei diesem radioaktiven Zerfall sehr regelmäßig entsteht, rechnen die Forscher aus der gesamten Argon-Menge aus, dass die Muschelschalen höchstens 540 000 Jahre alt sind. Mit der sogenannten Lumineszenz-Methode messen die Forscher zusätzlich, dass die Sedimente in den Muschelschalen mindestens 430 000 Jahre unter der Erde begraben waren. Demnach lebten die von Eugène Dubois entdeckten Java-Menschen nicht wie bisher angenommen vor rund 900 000, sondern nur vor einer halben Million Jahren.

Ein relativ großes Gehirn

Das aber macht eine weitere Entdeckung der Forscher umso überraschender: Auf einer Muschelschale muss einer der Frühmenschen vor 500 000 Jahren vermutlich mit dem Zahn eines Hais ein Zickzack-Muster eingeritzt haben. Solche Muster aber halten viele Forscher für einen wichtigen Hinweis auf ein modernes, komplexes Denkvermögen des Graveurs. Bisher hatten sie solche Muster nur aus viel jüngerer Zeit gefunden, in der neben dem modernen Menschen Homo sapiens nur noch sein Cousin, der Neandertaler als Urheber infrage kam.

Offensichtlich beherrschte auch bereits der Java-Mensch, der heute Homo erectus genannt wird, dieses moderne Denken. Aber auch das überrascht Jean-Jacques Hublin kaum: „Homo erectus hatte ja ein großes Gehirn, das relativ komplexes Denken ermöglicht haben sollte.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Felix

    Je mehr man sucht/forscht um so mehr bröckelt die Evolutionstheorie. Da erscheint die Schaffung des ganzen durch eine Intelligenz weitaus logischer. Der Mensch war von Anfang an Mensch - er ist als Mensch geschaffen worden und hat sich nicht erst zum Menschen entwickelt.

  2. Roba

    Felix: "der Glückliche" Träumer.

  3. l.Amann

    Oh Gott, Schöpfungstheorie, dein Ernst? Aber lassen wir ihn träumen von seiner Theorie.

  4. Werner Danner

    Felix: Fehlt nur noch, dass die Erde eine Scheibe ist. Ignoranz der Naturwissenschaften führt wohl zum besseren Weltbild. Hier hat wohl die Schule versagt.

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