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Montag, 18.02.2013

Müllkippe Meer

Allein in die Nordsee gelangen jährlich rund 15.000 Tonnen Plastikabfälle. Sie können auch Menschen gefährlich werden.

Von André Klohn

Plastik ist aus vielerlei Gründen praktisch und kommt in nahezu allen Lebensbereichen zum Einsatz. Doch eine gewaltige Menge der langlebigen Stoffe landet über kurz oder lang im Meer, auch in Nord- und Ostsee. Dort werden sie zum massiven Problem. „Mit Polyethylen beispielsweise verhält es sich ähnlich wie mit anderen so in der Natur nicht vorkommenden, künstlich hergestellten chemischen Verbindungen. Es kann praktisch so gut wie nicht abgebaut werden“, sagt der Mikrobiologe Gunnar Gerdts von der Biologischen Anstalt Helgoland.

„Etwa 20.000 Tonnen Müll landen pro Jahr schätzungsweise allein in der Nordsee“, sagt Meeresschutzreferent Kim Cornelius Detloff vom Naturschutzbund. Drei Viertel davon sei Plastik. Rund 600.000 Kubikmeter Müll vermuten Experten auf dem Boden der Nordsee. Der Großteil des Plastikmülls in der südlichen Nordsee stammt von Schiffen. Ein Teil der über Bord gekippten Abfälle bestehe weiter aus Plastik, obwohl dessen Verklappung mittlerweile verboten sei, sagt Detloff.

Auf der Ostseeinsel Fehmarn haben Umweltschützer bei Untersuchungen mehrerer 100 Meter langer Küstenabschnitte im Schnitt 92 Müllteile gefunden, mehr als 60 Prozent waren aus Plastik. An der Nordseeküste wurden sogar schon mehr als 700 Teile je Abschnitt festgestellt. Doch nur 15 Prozent des im Meer entsorgten Kunststoffes wird wieder an den Küsten angespült. „Schätzungen zufolge treiben weitere 15 Prozent weiter durchs Wasser. 70 Prozent des Plastiks sinken auf den Meeresgrund“, sagt Detloff.

Die Teile werden ständig kleiner

Abgebaut werden die Stoffe im Meer nicht. Dafür werden die einzelnen Plastikteile durch die Einwirkungen von Salzwasser, UV-Strahlung und auch durch Reibung ständig kleiner. „Schätzungen gehen davon aus, dass 90 Prozent des Plastikmülls in den Meeren kleiner als fünf Millimeter im Durchmesser sind“, sagt Detloff. Klein genug, um von Muscheln, Krebsen oder Fischen gefressen zu werden. Bis zu einer Million Seevögel und 100.000 Meeressäuger sterben laut Umweltschützern jährlich den Plastiktod. Bei einem Magen voller Plastik verhungern sie auf tragische Weise. Eine einzelne Plastiktüte beispielsweise kann für eine Meeresschildkröte das Todesurteil bedeuten. Fische sterben in alten Fischernetzen.

„Bislang ist noch wenig darüber bekannt, welche Auswirkungen Plastik in Organismen genau hat“, sagt Mikrobiologe Gerdts. Allerdings hätten Experimente bereits nachgewiesen, dass die Aufnahme von winzig kleinen Plastikteilen in hoher Konzentration zu Entzündungen führen könne. In den Magen-Darm-Trakten von 95 Prozent der tot angespülten und untersuchten Eissturmvögel konnte Plastik nachgewiesen werden, sagt Nabu-Experte Detloff.

Ein großes Problem sei, dass die Mikroplastik-Artikel fettlösliche Schadstoffe wie einen Schwamm aufsaugen, sagt der Toxikologe Edmund Maser vom Universitäts-Klinikum Schleswig-Holstein. Das betreffe neben Weichmachern beispielsweise das als krebserregend geltende PCB oder das Insektizid DDT. Fressen Meerestiere diese Partikel, weil sie diese fälschlicherweise für Plankton halten, nehmen sie die Schadstoffe auf. „Für den Menschen bedeutet es, dass er durch den Verzehr von solchen Meerestieren eben mehr dieser Schadstoffe aufnimmt.“ Viele dieser Stoffe würden auch das Hormonsystem beeinträchtigen. Ob sich dies auch auf den Menschen auswirken könne, sei zurzeit nicht einschätzbar. „Aber die Gefahr besteht“, sagt Maser.

Auf Helgoland läuft derzeit das Forschungsprojekt Microplast. Mit einem Infrarot-Spektrometer wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie viel Plastik etwa in einer Nordseekrabbe steckt. Der Nabu setzt auf die Wirkung eines auf Fehmarn gestarteten Projekts. Mittlerweile beteiligen sich auch der Hafen Sassnitz auf Rügen und vier niedersächsische Häfen daran. Fischer entsorgen dort mit ihren Netzen aus dem Meer gefischtes Plastik. Gut eine Tonne sei bereits aus dem Meer geholt worden, sagt Nabu-Referent Detloff. (dpa)

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