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Dienstag, 26.08.2014

„Marvin, bring mir Wasser“: Roboter soll Behinderten im Alltag helfen

Geschirr aufräumen, Licht ausmachen, Spülmaschine leeren - für manche körperlich Behinderte können solche Aufgaben anstrengend sein. Könnte so etwas künftig nicht ein Roboter übernehmen?

Von Kathrin Streckenbach

Benjamin Stähle (r.), Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, bereitet im Forschungslabor in Weingarten einen Serviceroboter vor.
Benjamin Stähle (r.), Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, bereitet im Forschungslabor in Weingarten einen Serviceroboter vor.

© dpa

Weingarten. Wenn alles nach Plan läuft, könnte Marvin schon bald seine erste Stelle als Haushaltshilfe antreten. Dann könnte er den Tisch abräumen, ein Glas Wasser aus der Küche holen oder abends das Licht ausschalten. Es wäre ein ungewöhnlicher Test - denn Marvin ist ein Roboter. Momentan existiert er als Prototyp eines Forschungsprojekts am Institut für Künstliche Intelligenz der Hochschule Ravensburg-Weingarten in Baden-Württemberg. Dort wird untersucht, wie solche Maschinen den Alltag von Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung erleichtern können.

Dabei stünden ganz grundsätzliche Fragen im Zentrum, sagt der Projektsprecher und Professor für Angewandte Informatik, Wolfgang Ertel: Welche Hilfe wird gebraucht? Können Maschinen diese Hilfe übernehmen? Und wie müsste ein solcher Roboter gebaut sein? Schon jetzt gebe es in manchen Altersheimen Hilfe durch Roboter, sagt Ertel. „Aber das sind Hol- und Bringdienste, also standardisierte Abläufe. Dazu muss die Maschine nicht intelligent sein.“

Der Helfer ist lernfähig

Marvin dagegen ist lernfähig: Wenn er einen Befehl nicht versteht oder eine Aufgabe nicht lösen kann, kommuniziert er das. Sein Besitzer kann die Arbeit dann vorführen - beispielsweise Wasser in ein Glas einschenken - und der Roboter merkt sie sich für das nächste Mal. Die Frage, auf welche Art und Weise die Kommunikation am besten ablaufen könne, sei ebenfalls Forschungsgegenstand, sagt Ertel. Infrage käme beispielsweise eine Sprachschnittstelle, so dass man mit dem Roboter reden und die Maschine auch antworten kann. Auch möglich wäre die Bedienung über einen Computer oder ein Tablet.

An dem Projekt beteiligt sind auch Studenten der Arbeitsgruppe von Professor Maik Winter, Pflegewissenschaftler und Dekan der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege an der Hochschule. Sie haben Betroffene befragt, um die Bedürfnisse von Menschen mit einer körperlichen Behinderung herauszufinden. „Sie brauchen vor allem kleine Hilfen im Alltag und Tätigkeiten im Haushalt“, sagt Winter. „Den Becher holen, das Licht ausmachen, den Tisch abräumen - das sind für Menschen mit Beeinträchtigung anstrengende und ungeliebte Aufgaben.“

Noch ein Jahr lang wird im Labor geprüft und weiterentwickelt, dann soll Marvin in Wohnungen eingesetzt werden. Die Tester müssten eine gewisse Technikaffinität mitbringen, sagt Winter. „Sie dürfen keine Angst davor haben.“ Allerdings seien viele Menschen mit körperlicher Behinderung die Technik im Alltag längst gewöhnt - beispielsweise beim Rollstuhl. Getestet werden soll der Assistenzroboter von Menschen, die von den Zieglerschen betreut werden, einem diakonischen Unternehmen.

Roboter gegen den Pflegekräftemangel

Aber könnten durch Roboter wie Marvin nicht zahlreiche Arbeitsplätze verloren gehen - wie schon in der Industrie in vielen Bereichen geschehen? „Die Gefahr sehe ich nicht“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Zieglerschen, Harald Rau. „Wir laufen in Deutschland auf einen immens großen Pflegekräftemangel hinaus. Bei uns fehlen schon jetzt an die hunderttausend Pflegekräfte und das werden noch erheblich mehr werden.“ Auf der anderen Seite bemängelten viele Pflegekräfte, dass bei der Arbeit zu wenig Zeit für menschliche Kontakte übrig bleibe - ein Roboter, der viele Handgriffe übernehme, könne da helfen.

Das Projekt an der Hochschule sei aber noch pflegefern, betonen Ertel und Winter. Es handle sich um einen Assistenzroboter, der Besitzer und Angehörige im Haushalt entlasten solle. Dennoch könnte er auch für Krankenkassen und Pflegeversicherungen interessant sein: „Wenn wir belegen können, dass körperlich Beeinträchtigte mit seiner Hilfe länger selbstständig zu Hause wohnen können, spart das einiges.“ Die Anschaffungskosten für Marvin könnten - im Falle einer Großproduktion - bei rund 5.000 Euro liegen. Ertel kann sich noch eine andere Zielgruppe für Marvin vorstellen: „Yuppies mit viel Geld und wenig Zeit für den Haushalt.“ (dpa)

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