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Montag, 19.06.2017

Jetzt wird aufgeräumt am Pol

Seit gut zwei Wochen liegt die „Polarstern“ driftend im Polarmeer. Sächsische Wissenschaftler untersuchen dort das Eis. Was sie dabei tun, erklärt Fahrtleiter der Arktis-Expedition Andreas Macke im VIDEO.

Von Stephan Schön, zur Zeit Eisbrecher Polarstern

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Der Eisbrecher und sein driftendes Freiluftlabor.
Der Eisbrecher und sein driftendes Freiluftlabor.

© SZ/Schön

  • Der Eisbrecher und sein driftendes Freiluftlabor.
    Der Eisbrecher und sein driftendes Freiluftlabor.
  • SZ-Redakteur Stephan Schön (l.) begleitet die Erkundung. Der wasserdichte Überlebensanzug schützt bei einer Notlandung oder bei einem Eiseinbruch auf einer Scholle.
    SZ-Redakteur Stephan Schön (l.) begleitet die Erkundung. Der wasserdichte Überlebensanzug schützt bei einer Notlandung oder bei einem Eiseinbruch auf einer Scholle.

Das Fenster ist nur zehn mal zehn Zentimeter klein. Es ist laut, es wird noch lauter. Und kalt. Wind pfeift eisig herein. Die Kamera hat längst ihre Treffer aus den Wolken abbekommen. Wenn sich D-HARK vom Achterdeck aus in den Himmel schraubt, dann sind die Eissturmvögel vom Himmel verschwunden. Sonst kreisen sie hier, ganz gierig nach Fisch. Nach leckerem, jungem Polardorsch und winzigen Ruderfußkrebsen. Nun aber meiden sie das Heck des Schiffes, welches sie sonst durch die strudelnden Schiffsschrauben versorgt.

Während der Helikopter zur Eiserkundung 20 Meilen voraus fliegt, liegt die „Polarstern“ driftend im Polarmeer. Seit gut zwei Wochen ist sie dort festgemacht und an zentnerschweren Eisankern verzurrt. Mit etwa einem Stundenkilometer geht die Drift voran. Gemeinsam mit Millionen anderer Schollen am und um den Nordpol.

Doch diese Scholle ist ganz besonders, sie ist besetzt von gut 50 Wissenschaftlern. Viele kommen aus Sachsen. Und der Fahrtleiter dieser Arktis-Expedition ist ebenfalls ein sächsischer Forscher, Andreas Macke, Institutsleiter vom Leipziger Tropos. Als Atmosphärenphysiker haben es ihm die Wolken ganz besonders angetan.

Genau die versucht D-HARK gerade zu umfliegen. Tief hängen sie manchmal bis hinunter auf das Eis. D-HARK, Deutschland-Hubschrauber-Arktis, so die Langversion des Kennzeichens, fliegt weiter voraus, um einen schiffbaren Weg aus diesem Labyrinth von Eis zu finden. Nicht, dass die „Polarstern“, Deutschland stärkster Eisbrecher, nicht zehn Meter dicke Eisrücken knacken könnte. Nur das Anrammen dauert ewig, kracht enorm, und es kostet viel Diesel. Normal sind es etwa 20000 Liter am Tag, dann aber wären es 50000 Liter.

Der Hubschrauberflug hilft, Diesel und Zeit zu sparen. Ein gigantisches Schollenpuzzle zieht 200 Meter unter D-HARK vorbei. Auf der Brücke der „Polarstern“ indes läuft auf dem großen Monitor ein Film ganz in Blau und Gelb. Spannend für den Kapitän Thomas Wunderlich und seine Crew. Blau das Wasser, gelb die teils mehr als zehn Meter hohen, zusammengeschobenen Eisrücken.

Solche Nahtstellen hat auch die Scholle der Wissenschaftler. Selbst vom Helikopter sind sie nur zu erahnen. Sie ragen vor allem nach unten tief ins Wasser hinein. Auch dort haben die Wissenschaftler Eisbohrungen gemacht und Sonden herabgelassen.

Das wird nun alles wieder verpackt, samt der Daten. Sensoren kommen wieder in Kisten, manche sind so teuer wie ein Luxuswagen. Auch Plastikschnipsel und Reste vom Kabelbinder verschwinden in den Kisten. Abfall. Ein arktisches Grundgesetz ist nun mal: Alles, aber auch alles kommt wieder mit. Nur etwas Abwasser lässt die „Polarstern“ zurück. Das jedoch hat nahezu Trinkwasserqualität und wird in der bordeigenen Kläranlage biologisch gereinigt. Müll und Abfall indes werden mitgenommen, zurück in den Hafen.

Und dann bleibt doch noch etwas dort: Ein Dutzend Sensoren und Bojen auf, im und unter dem Eis. Sie werden drei weitere Wochen Daten sammeln, bevor sie vom nächsten Forschungsteam abgeholt werden. Es geht um Temperatur, Lichtfarbe, Strahlung, Feuchte und Wolken.

D-HARK hat den Weg für das Schiff durchs Eis gefunden. Die Forscher verlassen ihr schwimmendes Institut. Jetzt können die Eissturmvögel mit den Geräten und Signalfahnen im Eis spielen. Vielleicht auch eine Robbe, die gerade vorbeikommt. Oder ein junger Eisbär mit leicht wissenschaftlichem Interesse.

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